Leopardenröcke und Face Control

Tanzend durch das Moskauer Wochenende: Schon am Donnerstag gehen die Partys richtig los, wie hier die Ministry-of-Sound-Party im Club Arma 17. Foto: Maks Avdeev

Tanzend durch das Moskauer Wochenende: Schon am Donnerstag gehen die Partys richtig los, wie hier die Ministry-of-Sound-Party im Club Arma 17. Foto: Maks Avdeev

Absätze, Alkohol, nackte Haut: Nirgendwo wird so exzessiv und konsumorientiert gefeiert wie in Moskau. Gleichzeitig entstehen neue Partytrends, die den Tanzstiefel umdrehen können.

Samstag Nacht, Null Uhr. Eine Prozession von großmotorigen BMWs und klapprigen Ladas reiht sich entlang der Moskwa-Uferstraße an der alten Schokoladenfabrik Krasnyj Oktjabr – Roter Oktober – ein. Glamouröse Mädels auf schwindelerregenden Absätzen stolzieren zum Tor ins Rai – auf Russisch „Paradies“, wie der größte Clubs Moskaus heißt.

Ein Mädchen wird am Eingang von Wladimir „Face Control“ angehalten. „Wohin geht’s denn?“, will der Türsteher wissen. “Können meine Freundin und ich rein? Wir möchten in die VIP-Lounge”, sagt sie mit dem Blick eines angeschossenen Rehkitz. „Ja, aber nur wenn ihr einen Tisch reserviert habt“. Ihr Freund habe die 1250 Euro teure Reservierung vorgenommen, sie darf rein, zusammen mit der Freundin im Leopardenrock. Die Tür geht auf, aus den Discotempel dringt tiefer Bass in die Menge. Partystimmung kommt nicht auf, dazu sind die Wartenden zu nervös: Noch müssen auch sie an Wladimir vorbei.

Face Control heisst die Party-Segregation offiziell: Um in einen Club reinzukommen, muss man gut gekleidet sein und schön aussehen. Mit Absätzen und Miniröcken bewaffnet, haben es die Damen traditionell leichter, die Herren werden auf kleinste Details gescannt: Sind die Schuhe sauber, das Hemd gebügelt, die Haare gestylt? Die Clubs finanzieren sich aus Tischreservierungen im VIP-Bereich (zwischen 200 und 5000 Euro je nach Club) und Getränkeverkauf.

Schönheit und Geld allein reichen nicht aus: „Die Leute müssen nicht nur gut aussehen, sondern auch ein intelligentes Gesicht haben“, sagt Filip Alexejew, Zerberus am benachbarten Rolling Stone Club.

Wissen, wo man hingeht

Sonntag früh, 4.38 Uhr: Es dämmert über Moskau, und während die Rai-Belegschaft draußen mit den Schwarztaxi-Fahrern bereits über den Preis verhandelt, fängt im Rooftop die Party erst an.

Von außen ist die Szenerie ähnlich: Moskwa-Ufer, verlassenes Fabrikgebäude. Innen herrscht aber ganz anderes Ambiente. Statt Face Control gibt es strenge Gästelisten, statt klassizistischem Kitsch alte Backsteinmauern und eine Terasse. Musikalisch werden statt Popgedudel fauchende Technobeats auf zwei Floors serviert. Die Besucher sind im Schnitt zehn Jahre älter, die Damen stylischer, aufmüpfige Leopardenröcke und kreischende Stöckel sind rar. Ein Wodka-Bull kostet 13 Euro.

Heute sollen Pan Pot spielen, ein Techno-Duo aus Berlin, das auch in der Moskauer Szene sehr bekannt ist. Pan Pot ist der Grund, warum draußen noch rund 100 Leute warten, hereingelassen zu werden. Gästeliste hin oder her, aber der Club ist voll. Um kurz vor fünf stellt sich Tassilo Ippenberger, der 2. Kopf des Berliner Techno-Duos, endlich ans Mischpult. Die Menge atmet unison auf und geht zu den minimalistischen Grooves richtig ab. Tassilo legt schon das 2. Mal  im Rooftop auf: „In Russland ist die Techno-Szene zwar relativ jung, aber sie entwickelt sich rasant. Moskau und St. Petersburg sind voll dabei“.

Die Gesichtskontrolle sei kein typisches Moskau-Problem: „Auch in Berlin gibt es diese Willkür am Eingang, da ist hier das System mit den Gästelisten noch fairer“. Die Russen wüssten, wie man eine Party feiert und bringen gute Stimmung mit, sagt der Brandenburger.

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Die Wurzeln der Partystimmung

 

Ende der 1990er Jahre öffnen in Moskau die ersten Clubs ihre Pforten. Die konsum- und partysüchtige Klientel springt sofort auf den Feierzug auf. Durchtanzen bis in den späten Vormittag ist in, jede mittelprächtige Fete wird pompös mit Gogo-Girls und MC begleitet, das Publikum ist scharf auf Überraschungen: Von schaukelnden halbnackten Engeln bis hin zu Käfigen mit echten Tigern, die man über dem Dancefloor baumeln ließ, schlachtet Moskau das Nachtleben voll aus. Nachhaltigkeit ist der Partyszene fremd: Die Clubs schießen zwar wie Pilze aus dem Boden, schließen aber ein- bis zwei Jahre später. Manche gehen sogar mysteriös in Flammen auf, und wie der Zufall so will unter der Woche – gerade dann, wenn sie leerstehen. So brannte Anfang 2008 das Djagilew ab, fast schon das Moskauer Studio 54. Zwei Jahre später folgte das Opera. 

Heute haben die Partys an Extravaganz verloren, dafür entwickeln sich junge Szenen nach Musikrichtungen: Die Nachtaktiven haben sich sattgetanzt und suchen sich die Partys selbst aus, anstatt blind den Clubflyern zu folgen - übers Internet. 


„Früher waren die Partys wirklich bunter, heftiger und ausgelassener“, bestätigt Andrej Sailer, der musikalische Hinterkopf von Solyanka - dem Trendsetter-Laden, der seit vier Jahren den Ton des guten Nachtlebens unter den jugendlichen Neoyuppies angibt. Und es sollen viele Jahre mehr werden, denn bei Solyanka stehe ein anderes Konzept im Vordergund: „Das wichtigste ist die Musik, durch die wir angenehme Menschen anziehen wollen“. Das Aussehen und die Klamotten spielen eine nebensächliche Rolle. Auch bei Musik legt man sich nicht fest: „Wir sind so, wie unser Name sagt – wie die russische Suppe, in die alles reinkommt, was man so im Kühlschrank findet“, lacht Andrej. Mit Tanzlokalen wie dem Rai will man sich ganz und gar nicht identifizieren: „Bei denen geht es doch nur um Geld und nackte Haut, wir dagegen sprechen Moskauer an, die das Besondere möchten - nämlich einen Club schaffen, den man nicht nur in Moskau, sondern auch international kennt“.

Wenn sich die Szenen so schnell entwickeln wie einst die Clubbewegung, sind die Leopardenrock-Damen mit Absätzen vom Aussterben bedroht. Genauso wie der Anglizismus Face Control: Prägte er noch vor zwei Jahren jeden Flyer, trifft man ihn heute kaum an, weil Flyer out sind: Von den besten Partys Moskaus erfährt man sowieso nur über die Mundpropaganda – genauso wie in Berlin.

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Der Mini Clubführer:

SoHo Rooms


Musik: Poppiger House

Das Stereotyp der Moskauer Nachtlebens: Hier gibt es Oligarchen, künstliche Blondinen und schwarzen Kaviar zu schlechtem Eurohouse. Das clubeigene Restaurant genießt beste Kritiken. Die High-Society feiert intern segregiert auf drei Floors. Hier angeln sich die Prinzessinnen ihre Traumprinzen, die meisten in ihren Mittvierzigern. Einlasskontrollen sind sehr streng: Will man in den glamourösen Zoo rein, muss man sehr reich aussehen. Und es auch sein: Ein kleiner Wodka kostet 20 Euro.

Rooftop


Musik: Minimal, Techno

Auf Russisch heisst der Club „Das Dach der Welt“ und liegt etwas abseits und doch prominent hinter dem Hotel Ukraina am Moskwa-Ufer. Einlasskontrollen sind streng: Nur wer auf der Gästeliste steht und die Face Control besteht, darf rein. Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel (ausprobieren). Musik und ihre Wiedergabe sind vom feinsten, das Publikum dekadent-entspannt. Gefeiert wird bis in den Nachmittag. Die Preise sind happig (15 bis 25 Euro pro Cocktail), wenn man aber pleite ist, schenkt Barkeeper Andrej kostenlos nach. Mit seinen unzähligen Piercings und Tattoos ist er eine Attraktion für sich.

Arma 17


 

Musik: House, Techno

Der wohl europäischste aller Clubs Moskaus, jedoch gibt es auch hier eine VIP-Lounge. Dafür ist der Einlass moderat und man zahlt Eintritt. Techno-Größen wie Marco Carola oder Ricardo Villalobos legen regelmäßig hier auf. Der Club schaffte es auf Platz 87 des 100 World’s Best Clubs-Rankings des britischen DJ Mag. Mit ein Grund dürfte die Soundanlage von Funktion One sein, die die Werkhalle der alten Konservenfabrik hinter dem Kurski-Bahnhof ganz schön beben lässt.

Solyanka


Musik: New Wave bis Schranz

In der Hipster-Hochburg holen die 18- bis 22-Jährigen die komplette Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts nach: Auf Schmalzgedudel folgt gern mal harter Techno, die Menge feiert jede Party wie die letzte ihres Lebens. Glam & Glitter sind hier tabu.

Propaganda


Musik: Partyabhängig

Der Evergreen seit 1997 ist das Propaganda. Tagsüber ist das Propka ein unscheinbares Restaurant, ab 23 Uhr wird getanzt bis sich die Dielen biegen. Die haben schwer zu leiden, denn Propka hat täglich auf und ist immer so proppenvoll wie ein Fass mit Heringen – wahrscheinlich, weil die Einlasskontrollen mehr als loyal sind, die Alkoholika knapp über dem Break-Even kosten und in vasengroßen Gläsern serviert werden. Die lustigsten Partys steigen donnerstags, wenn Resident-DJ Sanchez seine House-Platten mitbringt.

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