Modernisierung: Verlockung und Schreckgespenst

Michail Schwydkoi. Foto: ITAR-TASS

Michail Schwydkoi. Foto: ITAR-TASS

Das Wort „Modernisierung" zählt in modernen Texten zum guten Ton, es ist geradezu en vogue – lediglich Staatsmänner aus offen totalitären oder strengautokratischen Staaten vermeiden es in ihrer öffentlichen Rhetorik. Aber auchin diesen Ländern ist die Führungselite gezwungen, interne Erneuerungsprozesse in Wissenschaft und Wirtschaft im Blick zu behalten auf der ständigen Suche nach Regulatoren, die ihrer Meinung nach in der Lage wären, sozialen Veränderungen vorzubeugen. Ob es uns gefällt oder nicht, aber dieser Begriff steht für die dringlichen Bedürfnisse der Staaten, Zivilgesellschaften und auch der Bürger.

Der Terminus „Modernisierung“ ist sehr vielschichtig und verlangt somit nach einer Präzisierung, nach einer Definition des semantischen Rahmens, in dem er gebraucht wird. Die Modernisierung von Wissenschaft und Technik ist eine direkte Folge jeglicher wissenschaftlichen Erkenntnis. Modernisierung in der Wirtschaft und den sozialen Verhältnissen ist vornehmlich mit der politischen Praxis und dem politischen Willen aller Subjekte verbunden, die im Rahmen dieser Verhältnisse zusammenleben, mit ihrer beruflichen und sozialen Kultur. Hier gibt es keine universellen Rezepte, auch nicht für diejenigen Länder, die sich zur christlichen Welt zählen, zur sogenannten „westlichen Zivilisation“.

Das Verhältnis zwischen der Partizipation der Zivilgesellschaft, einzelner Bürger sowie des Staates an den Modernisierungsprozessen ist keine Konstante, keine unveränderliche Größe. Dieses Verhältnis ist hinreichend flexibel. Auch die Wirtschaftspraxis der letzten Jahre hat es gezeigt: Sogar liberale Wirtschaftsexperten waren gezwungen, mehr staatlichen Einfluss und mehr staatliche Finanzinterventionen in größtepostindustrielle Märkte zu fordern, um eine weltweite Wirtschaftskatastrophe abzuwenden. Heute, wo es scheint, dass die Krise besiegt sei, sind alle der Meinung, dass der Staat – wie Shakespeares Mohr – seine Schuldigkeit getan hat und sich wieder zurückziehen kann. Zumindest aus der Wirtschaft. Fristen und Geschwindigkeit sind dabei individuell für jedes Land, umso mehr, als die ursprüngliche Rolle des Staates im wirtschaftlichen und auch politischen Leben unserer Länder durchaus große Unterschiede aufweisen kann.

Auf jeden Fall ist es wichtig zu verstehen, dass sich in den Modernisierungs- prozessen, die sich in Wissenschaft, Wirtschaft und den sozialen Verhältnissen vollziehen, nicht nur die Relationen der Rollen ändern, die Bürger, Gesellschaft und Staat innehaben, sondern auch deren Wesen.

Wir alle ändern uns, ob wir das wollen oder nicht. Und eine der Schlüsselfragen besteht darin, ob wir uns gleichgehend ändern oder mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Wenn sich Bürger oder die Zivilgesellschaft schneller ändern, als die staatlichen Institute, so kommt es im Ergebnis unweigerlich zu einer sozialen Explosion. Vorfristige Wahlen – falls so etwas möglich sein sollte – könnten dies verhindern. Modernisiert sich der Staat schneller, als seine Bürger, so wird die Entwicklung des Staates durch die sozial-psychologische Trägheit der „Masse“ gedämpft. Diese Gefahren sind für alle Länder von Bedeutung. Kann es somit eine reelle Modernisierung in Ländern geben, in denen es keine Zivilgesellschaft gibt, in denen die Bürger nicht über die notwendigen verfassungsmäßigen Freiheiten verfügen? Die Praxis zeigt, dass es möglich ist – sowohl im Westen als auch im Osten.

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Die Modernisierungsumbrüche in Russland im 18. und 19. Jahrhundert und auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden in den starren Rahmen der Unfreiheit statt – wie auch in Deutschland in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Geistesgrößen Russlands und Deutschlands haben wiederholt bewiesen, dass intellektuelle Selbstbestimmung auch in Ländern ohne demokratische Freiheiten möglich ist. Andererseits wissen wir, dass Kämpfer für die soziale Freiheit ihrer Völker diese in die geistige Versklavung führen können. Durch die Formulierung des heutigen Diskussionsthemas haben wir bereits eine gewisse Zahl von Antworten vorgegeben. Bürger, Zivilgesellschaft und Staat können als Partner bei der sozialen, wirtschaftlichen und technologischen Modernisierung auftreten. Sie können allerdings auch Feinde sein – oder zumindest ernsthafte Gegner. Auch wenn die Modernisierung an sich nicht Gegenstand einer solchen Konfrontation ist, so doch auf jeden Fall ihr Inhalt, ihre Ziele, ihre Ergebnisse. Warum wollen wir eine Modernisierung – um den Staat zu stärken oder um die Lebensqualität der Bürger zu steigern? Wie Sie wissen, hat das eine mit dem anderen oft nichts zu tun. Manchmal ist es das direkte Gegenteil. Kann sich ein Land allein modernisieren oder ist es durch die Komplexität der Modernisierungsprozesse erforderlich, dass sich in allen Ländern beschleunigte Veränderungen vollziehen? Welche Rolle fällt dabei den Zivilgesellschaften zu? All diese Fragen sind sehr komplex.

Es ist offensichtlich, dass in der modernen Welt die Notwendigkeit herangereift ist, nicht nur partiell, sondern im globalen Umfang Modernisierung zu betreiben. Klarer Beleg dafür ist die Finanz- und Wirtschaftskrise, die in 2008 begonnen hat und sich bis heute fortsetzt. Fjodor Lukjanow, ein bekannter russischer Politologe, hat vor Kurzem sehr zutreffend formuliert: „Das Weltsystem ist in das finale Stadium der Degradierung und Erosion seiner Institute eingetreten, die als Stütze der internationalen Ordnung dienten. Es gibt keine einzige Struktur, deren Potential nicht schwächer wird. Die Umverteilung von Stärke und Einfluss vom Westen auf den Osten ruft Sorge und Unsicherheit hervor. Die Geschichte kennt bislang keine Präzedenzfälle, bei denen eine neue stabile Weltordnung aufgrund von Übereinkommen entstanden wäre, das heißt ohne Kriege und Erschütterungen. Das führt zu düsteren Überlegungen.“ (Zeitschrift „Ogonjok“ Nr. 26 (5184), 4. Juli 2011, S. 27). Gleichwohl ist Lukjanow der Meinung, dass es zwei Dinge gibt, die die Welt vor einer Katastrophe bewahren könnten – die globale Wirtschaft und die Atomwaffen. Ich möchte anmerken, dass der russische Politologe mit diesen Überlegungen nicht allein dasteht.

Es gibt einflussreiche Wissenschaftler und Politiker, die der Meinung sind, dass die Gesichtslosigkeit der universellen Probleme unserer Welt auch gesichtslose universelle Lösungen erfordert. Folgt man dieser Logik, müsste sich das Weltsystem aufgrund gewisser interner und nur ihm immanenter Ressourcen modernisieren. Begriffe wie der Wille der Völker und Bürger oder die Bedürfnisse und Interessen der Staaten erscheinen bei einem solchen Szenario altmodisch und spielen eigentlich keine Rolle mehr. Allerdings zeigen die Ereignisse im Nahen Osten, den Ländern Nordafrikas und sogar in Griechenland, dass es bei der Aufstellung einer globalen Roadmap für die Zukunft – sogar für die unmittelbare Zukunft – ein großer Fehler wäre, die Fragen zu ignorieren, die wir heute hier diskutieren wollen. Manche glauben an unterschiedlichste Verschwörungstheorien als Grund für diese Ereignisse. Ich bin unter dem starken Einfluss des Marxismus aufgewachsen, somit scheint mir das eher zweifelhaft. Wie dem auch sei – letzten Endes gehen Menschen auf die Straße, die mit der bestehenden Ordnung nicht einverstanden sind und deswegen Änderungen einfordern. Oder die – wie in Griechenland – Angst vor Veränderungen haben. Sicherlich gibt es auch unter uns Diskussionsteilnehmer, die der Meinung sind, dass die Zivilgesellschaften in Russland und Deutschland sich in gänzlich verschiedenen Entwicklungsetappen befinden, dass unser Verständnis von der Rolle des Staates und der sozialen Prozesse so unterschiedlich ist, dass es zwischen uns keine gemeinsam zu diskutierenden Probleme gibt und geben wird, dass unsere nationalen Unterschiede so immens sind, dass wir uns niemals verstehen werden. Sogar bei Fragen, die eigentlich allen Europäern verständlich sein sollten. „Russen sind nicht gänzlich Europäer. Alles, was sie tun, trägt einen Hauch von Asien!“ Das ist eine gängige Vorstellung, aber sie ist doch nicht ganz präzise. Erinnern wir uns an Alexander Block, den großen russischen Dichter vom Anfang des 20. Jahrhunderts, der über die skythische Natur der russischen Menschen gesprochen hat. Mit dem gleichen Erfolg könnten wir aber auch sagen, dass die aus Sibirien eingewanderten Hunnen den deutschen Charakter vorgeprägt hätten. Und dann müssten wir uns die Frage stellen, inwieweit die Deutschen Europäer im eigentlichen Sinne des Wortes wären. Erinnern wir uns an die Worte von Tomas Mann aus seiner großen Rede „Deutschland und die Deutschen“: „Warum artet das Bestreben der Deutschen nach Freiheit immer in innere Unfreiheit aus? (...) Die deutsche Freiheitsidee ist völkisch-antieuropäisch und dem Barbarischen in der Regel sehr nahe...“ Ich nutze die Gelegenheit aus, dass ich Ihre Aufmerksamkeit habe, um noch eine Beobachtung von Balzac zu zitieren, die Thomas Mann ebenfalls in seiner Rede anbringt. „Wenn die Deutschen auch nicht auf den großen Instrumenten der Freiheit spielen können, so beherrschen sie von Natur aus alle anderen Musikinstrumente“.

Wenn Sie jetzt in den von mir angeführten Zitaten die Worte „Deutsche“ durch „Russen“ ersetzen, dann werden Sie sehen, dass diese Gedanken von Mann und Balzac trotzdem ihre Gültigkeit behalten werden. Wir haben im Rahmen des Petersburger Dialogs des Öfteren über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Deutschen und Russen gesprochen. Allerdings ist es meiner Meinung nach an der Zeit, andere Themen zu diskutieren.

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Die Länder aus dem europäischen Kulturkreis sind deswegen gezwungen, über Modernisierung zu sprechen, weil sie sich in einer Situation befinden, wo sie ihren Einfluss auf die globalen Prozesse verlieren – auf die ökonomischen, die politischen, wissenschaftlichen, auch zivilisatorischen, wenn Sie so wollen. In einer solchen Situation sind die Gemeinsamkeiten wichtiger als die Unterschiede. Das Problem ist nicht nur, dass Russland verglichen mit der UdSSR seinen globalen Einfluss verloren hat, oder – wie vor Kurzem der große deutsche Philosoph Jürgen Habermas schrieb – dass Deutschlands Einfluss in Europa zurückgegangen und das Land müde geworden ist, in gesamteuropäischen Kategorien zu denken. Im 21. Jahrhundert stehen Russland, Deutschland und auch die anderen europäischen Länder vor neuen Herausforderungen – und das unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zur Europäischen Union. Die weitherzige Euphorie, die Europa nach dem Fall der Berliner Mauer erfasste, ist abgeschwächt und erinnert weniger als zwei Jahrzehnte später kaum noch an einen Schatten ihrer selbst. Es scheint, als ob Sprenglers Prophezeiung, die 1918 noch als extravagante und historisch- philosophische Spekulation galt, sich hundert Jahre später bewahrheitet hätte. Wenn alle mit Fukuyama einverstanden sind und im Chor „the end of history“ rufen, muss man doch wissen, dass es hier um das Ende der europäischen Geschichte geht, um eine Verlagerung der Entwicklungsvektoren vom Westen und Norden nach Osten und Süden. Manchmal hat man den Eindruck, dass nur die Maulfaulen nicht über das Ende der Epoche humanistischer Werte reden, über das Ende des Multikulturalismus und der politischen Toleranz oder, mit anderen Worten, über das Ende der Existenz von Gesellschaften, in denen Werte wie Gut und Böse oder redlich und abscheulich unterschieden werden. Es gibt etliche Menschen, die tatsächlich den Anschein erwecken wollen, dass die Postmoderne alle Farben miteinander vermischt hätte und wir nicht mehr in der Lage wären, schwarz und weiß zu unterscheiden.

Eigentlich reden wir hier über eine Krise der demokratischen Institute und Werte, die jetzt vor einem grundlegenden Widerspruch stehen: Wie schaffen wir es, die Zivilgesellschaft vor einer Radikalisierung zu schützen, vor Aggressionen der einen sozialen und ethnischen Gruppen gegenüber den anderen, ohne dabei der Versuchung zu unterliegen, Polizeistaaten zu bilden, wo Gesetz und humanistische Ethik nicht mehr die Oberhand haben? Staaten, in denen gilt: „Für Freunde alles, für Feinde das Gesetz“ – wie es zu Francos Zeiten in Spanien hieß. Und das wäre noch ein günstiges Szenario. Es könnte ja auch heißen: „Für Freunde alles, für Feinde nichts“. Noch vor 25 Jahren war es unmöglich sich vorzustellen, dass Parteien mit derartigen Losungen zu einflussreichen parlamentarischen Kräften in Staaten werden könnten, die als Bollwerk des europäischen Humanismus und der Demokratie galten. Heute jedoch ist es so. Das Problem dabei sind nicht die Migranten aus Osten und Süden oder deren Vorstellungen über das Leben und den Glauben, die sich von unseren unterscheiden. Das Problem liegt bei uns. Es liegt bei unserer Bereitschaft, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu suchen. Bei unserem Misstrauen gegenüber humanistischen Werten und demokratischen Instituten, bei unserem Einverständnis, Freiheit gegen Sicherheit und Werte gegen Komfort einzutauschen. Das wird uns zum Verhängnis. Unsere Bereitschaft, uns von Werten loszusagen, die über fast dreitausend Jahre im europäischen Bewusstsein und der europäischen Gesellschaft entwickelt wurden. Nun muss man nicht denken, dass die europäische Zivilisation solche Krisen noch nicht erlebt hätte – es gab sie, und zwar in ganz unterschiedlichem Ausmaß: von der Geburt des Christentums bis hin zum Oktoberumsturz in Russland. Sie passieren, wenn Europa mit neuen internen oder externen Herausforderungen konfrontiert wird. Dabei wird die Modernisierung als ein Instrument der Selbsterhaltung zu einer bewussten oder unbewussten Notwendigkeit. Die Modernisierung sozialer Institute, der Wirtschaft, des gesellschaftlichen und bürgerlichen Bewusstseins. Die heutigen Herausforderungen sind unbestritten sehr komplex. Aber sie sind nicht außergewöhnlich, sie sind nicht komplizierter als die Herausforderungen, vor denen die Menschheit in den vorangegangenen Jahrhunderten stand. Durch die Modernisierung des gesamten menschlichen Wirkens konnten universale Krisen überwunden werden. Sogar Vernichtungskriege führten nicht zu unserer Selbstvernichtung.

In solchen Zeiten ist es notwendig, sich verantwortungsvoll zu verhalten – seitens der Bürger, der Gesellschaft und des Staates. Sind wir dazu in der Lage? Diese Frage ist nicht rhetorisch gemeint. Verantwortlichkeit kann die Zahlen der Opfer und die Verluste mindern. Verantwortungslosigkeit und Gruppenegoismus dagegen können zur Katastrophe führen. Ich habe keine universellen Rezepte für eine Rettung – ich gehöre keinem religiösen Glauben an. Ich glaube lediglich daran, dass wir Menschen den Instinkt der Selbsterhaltung haben. Dieser Instinkt beinhaltet sowohl Konservatismus wie auch die Bereitschaft zu Veränderungen. Er beinhaltet auch die Vorstellungen von Gut und Böse. Im 21. Jahrhundert wird sich das Schicksal Europas und der europäischen Werte in der Welt entscheiden. Wenn wir nicht fähig sind, uns zu modernisieren, ohne dabei diese Werte zu verlieren, ohne sie zweifelhaften neuen Entwicklungen zu opfern, dann hat Europa eine Chance. Sollten wir jedoch die Entscheidung treffen, dass es eine Modernisierung jenseits der europäischen Werte gibt, dann begehen wir einen nicht wieder gut zu machenden Fehler. Dann wird es zu spät sein, darüber zu polemisieren, wen die größte Schuld trifft – den einzelnen Bürger, die Gesellschaft oder den Staat. In einem Jahr öffnet in Moskau die einzigartige Ausstellung „Russen und Deutsche – 1000 Jahre Geschichte“. Es folgt wechselseitig das Jahr Russlands in Deutschland bzw. Deutschlands in Russland.

In der Regel sagen wir, dass diese Veranstaltungen dem besseren Kennenlernen von Deutschen und Russen dienen. Heute möchte ich aber noch mehr sagen: Im Verlaufe dieser Jahre entdecken wir für uns selbst und auch für unsere Umwelt, welche hohen Werte, welche überragenden humanistischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Ideen den Sinn des Lebens von Russen und Deutschen in dieser Welt ausmachen, was uns geholfen hat, unsere zahlreichen historischen Tragödien zu überleben. Ich bin sicher, dass sie uns auch helfen werden, den kulturellen Raum Europas zu erhalten – mit all seinen Schmerzen und Leiden, Ängsten und Freuden, seinen Triumphen und seiner Verzweiflung. Und auch mit seiner beständigen Menschlichkeit, die Selbstironie ebenso kennt, wie Barmherzigkeit.

Michail Schwydkoj ist der Vertreter des Präsidenten für kulturelle Zusammenarbeit.

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