Antiquiert bis ins letzte Detail

Korruption in der Flussschifffahrt: Auf dem Bulgaria-Schwesterschiff Pjotr Aljabin wurden bei der letzten Überprüfung zahlreiche Verstöße festgestellt.. Foto: RIA Novosti

Korruption in der Flussschifffahrt: Auf dem Bulgaria-Schwesterschiff Pjotr Aljabin wurden bei der letzten Überprüfung zahlreiche Verstöße festgestellt.. Foto: RIA Novosti

Wie kam es zum Untergang der „Bulgaria“? Allen Anzeichen nach ist die Tragödie auf der Wolga vom 10. Juli, die 129 Passagieren das Leben kostete, auf grobe Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften und Korruption zurückzuführen - doch die Ursachen liegen tiefer im System.

 Um die 90 Prozent der russischen Binnenschiffe sind in einem ähnlich maroden Zustand wie die „Bulgaria“ - das schätzt der Leiter einer Agenturabteilung des Hafens von Sankt-Petersburg, der anonym bleiben möchte. „Die neuen Eigentümer pressen ein Maximum an Gewinn aus Betriebsmitteln, die sie annähernd kostenlos aus sowjetischer Zeit übernommen haben. Was heute bei uns über die Flüsse fährt, ist ein Haufen rostiger Schrott“, so der Hafenmitarbeiter, der auch gleich eine Erklärung für den Unfall der „Bulgaria“ parat hat: das Streben nach maximalem Gewinn. „Die Sorge um Sicherheit aber kostet Geld, und das passt nicht in die Logik des Kommerzes.“

 

Bestechung statt Sicherheit

 

Ganze drei Behörden wachen in Russland über die Sicherheit im Schiffsverkehr, doch der Abteilungsleiter weiß: „Für die Reiseveranstalter ist es einfacher, ein Bestechungsgeld zu zahlen, als für die Sicherheit eines Kreuzfahrtschiffes zu sorgen – Russland ist vollkommen von Korruption durchsetzt.“ Für ihn steht fest, dass sich der Kapitän der „Bulgaria“ über den Zustand des Schiffes im Klaren sein musste. „Er wusste sehr wohl um die fatalen Mängel, aber aus Angst vor einer Kündigung traute er sich nicht, auch nur ein Wort gegen den Chef dieses Unternehmens zu sagen. So begab er sich auf Fahrt mit einem Schiff, das den Sicherheitsstandards ganz und gar nicht entsprach. Nichts ist bei uns einfacher als einen Kapitän an die Luft zu setzen.“

Auch die Ermittlungsbehörde, die mit der Untersuchung der „Bulgaria“-Tragödie betraut ist, spricht von skandalösen Verletzungen der Sicherheitsvorschriften. Laut Generalstaatsanwaltschaft bescheinigte die für die Wolga zuständige staatliche See- und Flussaufsicht dem Pächter der „Bulgaria“ Tauglichkeit für den Passagiertransport, ohne das Reiseunternehmen und das Schiff jemals selbst geprüft zu haben. Noch nicht einmal die bei Passagiertransporten zwingend erforderliche Bescheinigung über die Schiffshygienekontrolle hat nach Auskunft der Staatsanwaltschaft vorgelegen. Und der frühere Kapitän der „Bulgaria“, Jewgenij Minjajew, bestätigt, es habe ständig Konflikte mit den Pächtern um die Bereitstellung technischer Ersatzteile und die Zahlung der Löhne gegeben.

Die Wurzel reicht tiefer

 

Doch die Schuld liegt nicht ausschließlich bei den Reiseunternehmen. Diese haben kaum Chancen neue Schiffe zu pachten, denn der Bau von Passagierschiffen steht in Russland praktisch still. „Nach heutigen Standards und mit Krediten zu einem Jahreszins von 12 oder 20 Prozent kann man keine Schiffe bauen. Schiffsbau ist nur möglich, wenn der Jahreszins von Krediten bei 3-4 Prozent liegt, so wie in allen anderen Ländern“, erläutert der Handelsdirektor des Schifffahrtunternehmens MWK Dmitrij Maslakow. „Staatliche Mittel gibt es nicht, und ein privates Unternehmen kann den Bau eines neuen Schiffes nicht finanzieren, das ist ein Teufelskreis“, ergänzt Maxim Samaljejew, Vertreter des Unternehmens „Sputnik-Germes“, seinen Kollegen.  

Sein Unternehmen bewirtschaftet das Schiff „Pjotr Alabin“, ein Schiff vom gleichen Typ wie die „Bulgaria“. Vor ein paar Tagen zogen Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft das Schiff in Kasan aus dem Verkehr, nachdem eine Überprüfung ergab, dass die „Pjotr Alabin“ unerlaubt in See gestochen war. Lediglich eine veraltete einmalige Fahrerlaubnis konnte vorgewiesen werden, und auch die Schiffspapiere waren gefälscht. Ihnen zufolge wurde das Schiff im Jahr 1995 gebaut - tatsächlich ist es aus dem Jahr 1955.

Für die schlechten Zustände der russischen Schiffe gibt es keinen alleinigen Schuldigen. Verantwortlich ist vielmehr ein Zusammenspiel aus Gier, Korruption, Angst und Ausweglosigkeit. „Was mit der ‚Bulgaria’ passiert ist, ist leider eine notwendige Folge dieses Umstands“, ist sich der Chefredakteur der Zeitschrift „Retschnoj Transport“, Michail Kobranow, sicher und ergänzt: „Das hätte  früher passieren können oder auch später. Aber es musste kommen.“

 

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst bei Russkij Reportjor.

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