Anschlag auf Multikulti

Der Doppelanschlag vom 22. Juli forderte das Leben von 76 Menschen. Foto: AFP

Der Doppelanschlag vom 22. Juli forderte das Leben von 76 Menschen. Foto: AFP

In Europa geht die Angst um, dass sich die norwegische Tragödie wiederholen könnte.

Der britische Premier David Cameron rief am Montag den Nationalen Sicherheitsrat zusammen, um über Maßnahmen gegen Ultranationalisten zu reden. In den Medien kursieren Gerüchte, dass Anders Behring Breivik Anhänger der antiislamischen Gruppe „English Defense League" war und in Norwegen eine ähnliche Bewegung auf die Beine stellen wollte. Dann entschied er sich jedoch für den Bombenanschlag auf das Regierungsviertel in Oslo und das Massaker in einem Ferienlager mit insgesamt mehr als 90 Todesopfern.Norwegen ist nach den Anschlägen nicht mehr das friedliche Idyll früherer Tage. Der Schock über das Attentat sitzt tief.

Die Norweger erlebten 1973 in Lillihammer eine Bluttat, als Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad irrtümlich eine Person getötet hatten, die sie für einen arabischen Terroristen hielten. Der Rechtsextremismus war in Norwegen nie so extrem wie in Großbritannien oder Deutschland. Deswegen ist Breiviks Bluttat ein Alarmsignal. In Norwegen hat sich etwas geändert – dafür gibt es Gründe.

Hass auf Multikulti


Breiviks Massaker richtete sich gegen die Regierungspolitik - also nicht gegen Muslime, Islam, Scharia, Moscheen, Einwanderer usw. Offenbar fühlte er sich fremd im eigenen Land.

Breivik sieht in der Multikulti-Politik das größte Übel der heutigen Zeit. „Der Multikulturalismus wurde erfunden, um die europäische Kultur, Tradition, Identität und das Christentum zu zerstören. Das ist eine bedrohliche Völkermordideologie, die mit einem einzigen Ziel geschaffen wurde - alles Europäische zu vernichten", schreibt Breivik im Internet.

Ermittler und Psychologen müssen jetzt wohl klären, was im Kopf des 32-jährigen Massenmörders vor sich geht. In seinem wirren Manifest spricht er von der islamischen Bedrohung für Europa, vom Kampf für die europäischen Werte und von Kritik an Neonazis wegen ihrer Verehrung von Hitler. Der Genozid am jüdischen Volk habe den Weg der Muslime nach Europa geebnet.

Einzelgänger


Am einfachsten wäre es, den „Tempelritter" zum Psychopath oder Nazi zu erklären und in Isolationshaft zu stecken. Doch das wäre zu einfach.

Norwegen mit seinen 4,9 Millionen Einwohnern hat weniger Einwanderer als Frankreich, Italien oder Großbritannien. Nach Angaben der norwegischen Statistikbehörde ist Norwegen mit 11,4 Prozent Immigranten jedoch der europäische Spitzenreiter. In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl der Einwanderer aus Russland auf das Fünffache gestiegen. Die Norweger gewähren gerne Flüchtlingen aus Tschetschenien Obdach. Oslo gilt wegen der vielen Einwanderer als eine der am schnellsten wachsenden Städte Europas.

Die Tragödie in Norwegen erinnert an den Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City. Bei der Explosion eines mit Sprengstoff beladenen Lastwagens kamen 168 Menschen ums Leben. Das achtstöckige Gebäude, Sitz mehrerer Behörden, wurde fast vollständig zerstört. Er hasste die Regierung, weil er den „freien Willen der wahren US-Patrioten und Verteidiger des Christentums ungerecht eingeschränkt" sah.

Damals dachten die USA, dass es sich ebenfalls um einen Einzelfall und einen Psychopaten handelt. Im Land fanden Rechtsradikale jedoch immer mehr Zulauf. Später entstand die populistische „Tea Party".

Rechtsruck


In Europa gewinnen die Rechten ständig neue Anhänger. Die zweitstärkste Partei in Norwegen ist die rechtskonservative Fortschrittspartei, die die Grenzen für Einwanderer dicht machen will (Breivik war 1999-2004 Mitglieder dieser Partei). Im benachbarten Schweden bekamen die Nationalistischen Demokraten 20 von 349 Parlamentssitzen.

In Holland erhielt die radikale Freiheitspartei, die den Islam als Faschismus bezeichnet, 24 von 150 Sitzen. In Finnland holten die „Wahren Finnen" bei den letzten Wahlen 19,1 Prozent und sind damit die drittstärkste Partei (39 Sitze) im Land. In Frankreich bereitet sich die rechtsextreme „Front National" auf die Präsidentschaftswahlen 2012 vor.

Ein Tag vor dem Massaker wurde in Deutschland das Grab von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß aufgelöst. Über viele Jahre war das Grab Pilgerstätte für Rechtsextreme gewesen. Nach offiziellen Angaben gibt es in Deutschland über 25 000 Rechtsradikale, darunter 6000 Neonazis.

 


Andrej Fedjaschin ist der politische Kommentator der Presseagentur RIA Novosti.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei RIA Novosti.

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