Kein Platz für Menschen

Fjodor Lukjanow

Fjodor Lukjanow

Am 19.April 1995 wurde in Oklahoma City das Murrah Federal Building in die Luft gesprengt. Damals zweifelte kaum jemand daran, dass hinter dem bis dato blutigsten Akt des Terrors in der Geschichte der Vereinigten Staaten muslimische Fanatiker stehen mussten. Zum Entsetzen der Amerikaner stellte sich jedoch heraus, dass die Sprengung auf das Konto des 27-jährigen Golfkrieg-Veterans Timothy McVeigh, eines weißen ultrarechten Radikalen, ging.

Das grauenvolle Massaker von Oslo und Utoya zeigt Parallelen zu den Ereignissen in den USA. Auch in Norwegen machten Mutmaßungen über islamistische, kurdische oder libysche Spuren schnell einer schockierenden Erkenntnis Platz: Der Attentäter Anders Behring Breivik ist ein waschechter Norweger, der äußerlich sogar den „idealen Ariern“ gleicht, die uns Filme von Luchino Visconti oder Bob Fosse vor Augen führen.

Aus heutiger Sicht erscheint die Tat des „Oklahoma-Bombers“ wie ein unheilverkündendes Exposé der darauffolgenden Entwicklung in den USA. Timothy McVeigh wollte die „tyrannische“ US-Regierung bestrafen für etwas, das er und seine Gesinnungsgenossen als nicht hinnehmbaren Angriff auf die amerikanischen Freiheiten ansahen. 15 Jahre später, bei den US-Kongresswahlen 2010, feierten Politiker Triumphe, die dieses erzkonservative Pathos teilten. Auch für die in jüngster Zeit in den USA als buntscheckige Koalition aus rechten Populisten, Isolationisten und Ultrakonservativen entstandene Tea-Party-Bewegung ist die Bundesregierung so etwas wie der Hauptfeind.

Derartige Positionen haben ihre Wurzeln in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Doch die Polarisierung der Gesellschaft, die Radikalisierung der Ansichten und die wechselseitige Entfremdung der Parteien, die – wie die aktuellen Verhandlungen zur Heraufsetzung des Schuldenlimits zeigen – lieber eine Eskalation der Situation in Kauf nehmen als nachzugeben, all diese Phänomene haben mit der Zeit erschreckende Ausmaße erreicht. Der gesellschaftspolitische Mechanismus des Interessenausgleichs schwächelt fatal.

Dem Wesen nach lassen sich die Ereignisse in Europa mit denen in Amerika vergleichen. Die Kluft zwischen den Eliten und ihrer Wählerschaft wächst, denn die Wähler verstehen nicht mehr, worauf sie zählen können. Allenthalben entstehen populistische Protestparteien, die isolationistische wie protektionistische Positionen im weitesten Sinne vertreten. Zuwanderung, kulturelle Vielfalt und Liberalisierung der Märkte lehnen sie rundheraus ab. Alles Negative wird in der Regel assoziiert mit der europäischen Integration als elitärem Experiment der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, an dessen Realisierung das Establishment der gesamten Alten Welt mitwirkt. Auch Norwegen als Nicht-Mitglied der Europäischen Union ist fest in das Normen- und Regelwerk des geeinten Europa eingebunden.

Anders Breivik war auf antimuslimischen Internetplattformen aktiv. In einem kürzlichen Beitrag bezeichnete er die ehemalige norwegische Premierministerin Gro Harlem Brundtland als „nationale Verräterin“, weil sie die Auffassung vertreten hatte: „Jeder, der einen norwegischen Pass besitzt, ist ein gleichberechtigter Norweger.“ Der Attentäter von Oslo fordert dagegen die völlige kulturelle Assimilation von Zuwanderern und wirft der Regierung vor, am Gängelband der eigenen „leeren Rhetorik“ die Führungsfähigkeit verloren zu haben.

In Skandinavien waren ultrarechte Strömungen stets präsent, auch Tendenzen der politischen Gewalt sind – insbesondere in Schweden – latent vorhanden, doch bildeten sie bisher Randerscheinungen. Am wahrscheinlichsten ist, dass es sich bei dem Blutbad von Oslo und Utoya um die Einzeltat eines paranoiden Fanatikers und möglicher Komplizen handelt. Auch Timothy McVeigh hatte bei dem Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building einen Helfer – Terry Nichols, einen Kameraden aus Armee-Zeiten.

Die Explosion von Oklahoma City wurde zu einer Art Vorzeichen oder Präludium für die sich verschärfende Krise der amerikanischen Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage war, mit den rapiden äußeren und inneren Veränderungen fertig zu werden. In gleicher Weise kann auch die Tragödie von Oslo unheilvoll vorausweisen auf soziale Kataklysmen in der Alten Welt, deren Bewohner nicht Schritt halten können mit den vielfältigen Herausforderungen der Globalisierung.

Die beste Metapher für die heutige Krise in den USA und weltweit ist der Film „Kein Land für alte Männer“ aus dem Jahr 2007. Am Ende der Präsidentschaft von George Bush, als 80 Prozent der Amerikaner die Auffassung vertraten, ihr Land entwickele sich in die falsche Richtung, zeigten die Regisseure Ethan und Joel Coen in diesem Thriller, dass nicht der Präsident das Problem war, wie so mancher gerne glauben wollte. Der Film, dessen Handlung 1980 in Texas spielt, deckte vielmehr gesellschaftliche Defekte auf, die lange vor George Bush entstanden und lange nach ihm weiterwirken würden. Die unmotivierte, vollkommen kaltblütige, zugleich aber auch frenetische Gewalt, die Javier Bardem in einer der Hauptrollen zelebriert, zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt und legt die widerwärtigsten menschlichen Züge bloß. Im Angesicht solcher Gewaltorgien bleibt Menschen der „alten Schule“ nur, erschüttert und ratlos die Hände zu heben. Die Absurdität der internationalen Politik, in der die Grenze zwischen Krieg und humanitärem Akt bewusst verwischt ist, findet ihren Widerhall in destruktiven gesellschaftlichen Prozessen einzelner Länder. Und lässt eine Welt entstehen, in der es nicht nur „kein Land für alte Männer“ mehr gibt, sondern überhaupt keinen Platz für Menschen.   

Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift Russia in Global Affairs

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