Fjodor Jemeljanenko – der gefährlichste Mann Russlands

Fjodor Jemeljanenko. Foto: Kommersant

Fjodor Jemeljanenko. Foto: Kommersant

Fjodor Jemeljanenko ist vermutlich einer der gefürchtetsten MMA-Kämpfer weltweit, doch im Grunde seines Herzens ist er ein Junge aus der Kleinstadt.

Morgens um 6 Uhr erscheint der alte Bahnhof der russischen Stadt Staryj Oskol (221.000 Einwohner) mit seinem Rost und Schmutz menschenleer und öde – nicht jedoch für Fjodor Jemeljanenko, der seit jeher seinen Tag hier mit einem 8-km-Lauf begonnen hat. „Ich fühle mich hier wohl“, meint Jemeljanenko. „Hier ist meine Familie, hier sind meine Freunde und mein Trainingszentrum. Weshalb sollte ich von hier weggehen?“

Jemeljanenko hat keinerlei Interesse an einem schönen Trainingszentrum oder einer komfortableren Wohnung.  In seinem heruntergekommenen Trainingszentrum mit den geflickten Punchingbällen und altmodischen Gewichten sieht er glücklich aus, er scheint sich hier wohl zu fühlen. Es geht ihm gut mit den einfachen und zugleich effektiven  Ritualen, die er seit über zehn Jahren praktiziert. Sein Training basiert auf harter Arbeit. Es besteht aus Laufen, aus Push ups und – dem spektakulärsten Teil – aus Schlägen mit dem Vorschlaghammer auf einen alten LKW-Reifen. Was unterscheidet Jemeljanenko von anderen Athleten? Er trainiert länger und härter.

Zwei Jahre nach Jemeljanenkos Geburt im Jahre 1976 zog die Familie von Rubischne in der Ukraine nach Staryj Oskol. 1994 machte er dort seinen Abschluss an einer Berufsfachschule mit Auszeichnung und diente anschließend in der russischen Armee, wo er Disziplin und tagtäglichen Einsatz lernte. Als europäischer Champion im Sambo und mehrfacher Champion im Judo wechselte er 2000 zu MMA, den Mixed Martial Arts („Gemischte Kampfkünste“). Es war der Anfang einer Legende.  

Jemeljanenko ist ein starker Allround-Kämpfer mit einer guter Schlagkraft, knallharten Vorstößen und einer starker Verteidigung. Besondere Berühmtheit erlangte er durch seine Technik „ground-and-pound“, bei der er seinen Gegner zu Boden bringt und mit heftigen Schlägen traktiert. Seine wichtigsten Kampftechniken sind die russische Kampfkunst Sambo und das japanische Judo. Keine der beiden Kampfkünste ist bei MMA weit verbreitet, da sich die meisten Kämpfer auf die brasilianischen Kampfsportarten Jiu-Jitsu und Muay Thai spezialisiert haben.  

Jemeljanenkos MMA-Karriere begann im japanischen Kampfsportnetzwerk der Promotion RINGS. Nach drei eindrucksvollen Siegen erlitt Jemeljanenko seine erste Niederlage, allerdings handelte es sich dabei lediglich um eine technische Niederlage: Sein Gegner Tsuyoshi Kohsaka hatte ihn mit dem Ellbogen am Kopf getroffen, wodurch eine alte Wunde aufgeplatzt war. Den Regeln von RINGS zufolge bedeutete dies die sofortige Niederlage für Jemeljanenko. Zwei Jahre lang arbeitete sich Jemeljanenko bis an die Spitze der RINGS Promotion vor und wurde schließlich 2002 Champion des RINGS Absolute Class Tournament.

Nach dem Erfolg bei RINGS wechselte Jemeljanenko zur japanischen Kampfsport-Liga PRIDE und errang direkt einen Sieg über Heath Herring, einen der besten Kämpfer der Liga. Dieser Sieg ebnete ihm den Weg für eine echte Herausforderung: den Kampf gegen den als hohen Favoriten geltenden Antônio Rodrigo Nogueira. Nach einem harten, 20-minütigen Kampf gewann Jemeljanenko den Titel des PRIDE Schwergewicht-Champions, den er nicht mehr abgeben hat. Jahrelang war er der größte Star bei PRIDE, doch dann wurde die Organisation von dem amerikanischen Geschäftsmann Lorenzo Fertitta aufgekauft und Jemeljanenkos Vertrag lief aus.

Nach seiner Zeit bei PRIDE sollte Fjodor zur Ultimate Fighting Championship (UFC), der größten MMA Promotion in den Vereinigten Staaten wechseln, doch die Verhandlungen scheiterten vor allem deshalb, weil Jemeljanenko für seine Mannschaftskameraden im Club Roter Teufel ähnliche Verträge aushandeln wollte und gleichzeitige Sambo-Wettkämpfe genehmigt bekommen wollte.

Jemeljanenkos erster Kampf in den USA wurde vom Modelabel Affliction gesponsert, das seine eigene Promotion startete. Affliction machte aus dem großen Kampf zwischen Jemeljanenko und dem ehemaligen, zweifachen UFC Schwergewichts-Champion Tim Sylvia, der damals als einer der fünf besten Schwergewichtler in den Mixed Martial Arts galt, eine riesige Show. Jemeljanenko besiegte Sylvia innerhalb von nur 36 Sekunden mit raschen, heftigen Schlägen auf Kopf und Körper. Nach dem Kampf meinte Sylvia: „Der Kerl ist ein Tier. Ich glaube nicht, dass er ein Mensch ist.“ Jemeljanenko setzte seine Siegesserie mit einem beeindruckenden K.o.-Sieg gegen Andrej Arlowskij fort.

Fjodors wichtigstes Markenzeichen ist sein Charisma. Ruhig wie ein Mönch steigt er in den Ring: Völlig emotionslos schreitet er direkt auf den Ring zu, während eine Hymne der russisch-orthodoxen Kirche ertönt. Jemeljanenko ist für seinen starken Glauben bekannt. Zu Hause spielt er Schach und verbringt viel Zeit mit seinen Kindern – nicht unbedingt typische Verhaltensweisen für den gefürchtetsten Mann auf der ganzen Welt. Mit seiner Heimatstadt Staryj Oskol und Russland im Allgemeinen fühlt er sich eng verbunden. „Ich wollte schon immer mein Land vertreten und es zu Ruhm führen“, meint Jemeljanenko. Randy Couture, Mitglied der Hall of Fame des UFC, sagte einmal über ihn: „Wenn du kein Russe bist, kannst du ihn nicht wirklich verstehen.“

Am 26. Juni 2010 musste Jemeljanenko seine erste unumstrittene Niederlage gegen Fabricio Werdum durch Tap-Out einstecken, ein Triangel-choke zwang ihn zur Aufgabe. Nach dem Kampf sagte Jemeljanenko: „Wer nicht fällt, muss auch nicht aufstehen“, was ihm einen Beifallssturm des Publikums einbrachte. Allerdings endete auch Jemeljanenkos letzter Kampf gegen Antonio „Großfuß“ Sylvia mit einer Niederlage.  

Trotz allem gilt Jemeljanenko mit seiner Serie von 27 Siegen und nur drei Niederlagen als der größte MMA-Kämpfer aller Zeiten. Der harten Arbeit, dem unermüdlichen Trainingseinsatz und seinem offenen Herzen hat er es zu verdanken, dass er den Übergang vom Jungen aus der Kleinstadt zum internationalen Star schaffte, ohne sich dabei selbst zu verlieren. So meint der Kämpfer über sich selbst: „Ich möchte nicht als Legende, sondern als normaler Mensch in Erinnerung bleiben.“

Jemeljanenkos nächster Kampf gegen den Amerikaner Dan Henderson findet am 30. Juli bei Chicago, Illinois, statt und läuft unter Strikeforce: Fedor vs. Henderson.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland