Drei mutige Frauen und ein Museum

Anastasija Zwetajewa und Nadezhda Katajewa-Lytkina. Foto: Ruth Wyneken

Anastasija Zwetajewa und Nadezhda Katajewa-Lytkina. Foto: Ruth Wyneken

Eine hutzlige alte Frau öffnet uns die Tür. Sie trägt einen verblichenen Baumwollkittel und um die Schultern ein geflicktes Wolltuch. Gütige Augen heißen uns willkommen und auf Deutsch folgt ein herzliches „Guten Tag“.

Im Zimmer ein großer Flügel, ein paar Möbel, in der Ecke, durch einen Vorhang abgeteilt, das Bett und viele Ikonen. Überall Zeitschriften, Bücher, Papiere. Mehr aber dominieren Portraits: die Dichter Pasternak und Jessenin, der Sohn Andrej, die Enkelkinder. Dazwischen immer wieder Fotos: die Schwestern in Italien, in der Schweiz, im Schwarzwald. Da steht die jüngere, 11 Jahre alt, in weißer Schürze mit einem großen schwarzen Hund vor dem Gasthaus zum Engel und lacht in die Kamera. Bereitwillig erzählt die Greisin von dieser Zeit und zitiert deutsch Heinrich Heines „Loreley“. Sie weiß, im Gegensatz zu mir, noch alle Strophen. Dann sprudeln Gedichte der Schwester auf Russisch.

 

Ich muss mich zwicken, um klarzustellen, dass ich nicht träume: Ich bin zu Gast bei der 96-jährigen Anastasija, Schriftstellerin und jüngere Schwester der Dichterin Marina Zwetajewa. Wir schreiben das Jahr 1990. Sie schenkt mir ihren frisch gedruckten Roman, den sie, wie sie verschmitzt erzählt, über Jahre auf beschriebenem Zigarettenpapier aus dem Lager schmuggelte. Unter Stalin und nach dessen Tod saß sie 22 Jahre in Haft und Verbannung – wofür? Weil sie aus der vorrevolutionären Intelligenzija stammte, weil sie die Schwester der berühmten Marina war, die „nur“ Gedichte, Prosa und Briefe schrieb und stets ihr Gewissen als Maß nahm, weil sie selber schrieb. Das künstlerische Wort ist in totalitären Staaten gefährlich, es könnte über freien Geist künden. Anastasija wurde im Lager zur tiefgläubigen Christin, sie strahlt Freude aus, segnet all ihre Besucher.

 

Man stelle sich vor, dass eine Dichterin von Weltrang, die sich 1941 verzweifelt das Leben nahm, deren Mann und Kinder verschollen sind oder erschossen wurden, in der Heimat verschwiegen wird: eine persona non grata. Nur Gerüchte und ein paar Gedichte werden vorsichtig weitergegeben. So war es in den 40-er und 50-er Jahren. In jener Zeit bekam eine junge Chirurgin ein Zimmer in einer „Komunalka“ im Zentrum Moskaus zugewiesen, in der sich 28 Personen eine Küche teilten. Ein Glücksfall dennoch, denn sie ist am früheren Wohnort der geliebten Dichterin Marina Zwetajewa gelandet, deren Gedichtbändchen sie während des ganzen zehrenden Fronteinsatzes heimlich begleitet und seelisch gestärkt hat.

 

Nadezhda Katajewa-Lytkina gelobt, gegen alle Widerstände von oben das Schweigen um Zwetajewa zu lüften. Sie sucht Gleichgesinnte und widmet ihr Leben mehr und mehr dem Kampf um die Anerkennung der Dichterin. Als deren Schwester Anastasija aus dem Straflager entlassen wird, befreundet sich die Ärztin mit ihr. Der Kampf um die Rettung des alten Hauses, das völlig heruntergekommen und versifft war, stand zunächst im Schatten der ersten vorsichtigen Werkausgaben. Er währte Jahrzehnte und gleicht einem Krimi. Das ZK der kommunistischen Partei drohte der Chirurgin: „Wenn Sie öffentlich über die Vorgänge sprechen, wird das Haus abgerissen!“ Doch dann begann die Perestrojka. Hartnäckig, mit zivilem Ungehorsam und der Hilfe von einzelnen Persönlichkeiten erreichte Katajewa-Lytkina schließlich, dass das Haus zum Museum von Marina Zwetajewa wurde. Im Herbst 1992, zum 100. Geburtstag der Poetessa, der im Land sogar mit einem offiziellen Festakt gewürdigt wurde, fand die Einweihung statt. Es waren langersehnte Festtage für Katajewa-Lytkina und für Anastasija Zwetajewa, die drei Jahre später fast hundertjährig starb.  

 

Das Marina Zwetajewa Museum. Foto: Ruth Wyneken

 

Heute scheint dies alles schwer vorstellbar. Das Kulturzentrum „Museum von Marina Zwetajewa“ in der Boris-und-Gleb-Gasse Nr. 6 ist jetzt ein Geheimtipp für Menschen, die sich für das „Silberne Zeitalter“, die Blüte und Fülle der vorrevolutionären Kultur interessieren. Denn genau davon erzählen die Memorial-Wohnung und die Expositionen. Ein Zimmer ist der verstorbenen Katajewa-Lytkina, die mich damals mit zu Anastasija genommen hatte, gewidmet. Das Museum atmet, für jeden Besucher sinnlich spürbar, die lebendige Vergangenheit Moskaus aus. Es liegt in einer Seitenstraße der Powarskaja unweit des Kreml, mit schönen Adelspalästen, die u.a. Tolstoj im Roman Krieg und Frieden erwähnt.

Hier also, im Herzen des alten Moskau, lebte Marina Zwetajewa von 1914 bis zu ihrer Emigration 1922, die sie über Berlin nach Prag führte. Hier hatte sie ein Haus, das eine Welt war, gefunden.  Die dreistöckige Villa mit der bewegten Innenarchitektur wird ihre „boîte à surprise“ und ihr Schiff auf hoher See. Auf die erste glückliche Zeit mit Sergej Efron folgen Jahre der Trennung während der Revolution, sie übersteht Bürgerkrieg, Umstürze und Chaos, Kälte, Hunger und den Tod eines Kindes allein und dokumentiert alles in den Dachbodennotizen. Was sie und andere am Leben erhält ist ein künstlerischer Höhenflug ohnegleichen: Sie schreibt neben Gedichten und Prosa auch Stücke für die Avantgarde vom Wachtangow-Studio. Alle waren jung, redeten über Theater und Liebe, über Poesie und Liebe, über die Liebe zu Gedichten, die Liebe zum Theater, über die Liebe außerhalb des Theaters und außerhalb von Gedichten. Für Zwetajewa existierte übrigens keine Liebe außerhalb der Poesie.

Alle drei Frauen haben längst das Zeitliche gesegnet, ihr ungebrochener Geist aber lebt in diesem Hause weiter.

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