Die Nerven der russischen Sprache

Meister der kurzen Form: Sergej Dowlatow in Tallin, 1974. Foto: aus dem persönlichen Archiv

Meister der kurzen Form: Sergej Dowlatow in Tallin, 1974. Foto: aus dem persönlichen Archiv

Die Lebensgeschichte Dowlatows liest sich wie eine Tragikomödie, und so lesen sich auch seine Werke. 21 Jahre nach seinem Tod sind seine Bücher längst kein Geheimtipp mehr.

Im Sommer 1990 starb der große russische Schriftsteller Sergej Dowlatow im Alter von 49 Jahren in New York. In Deutschland so gut wie unbekannt, genießt er in Russland Kultstatus. Seine Bücher werden regelmäßig neu aufgelegt, viele seiner Sätze und Wendungen gehören mittlerweile zum allgemeinen Sprachgebrauch, Anekdoten aus seinem Leben erzählt man sich nicht nur in seiner Wahlheimatstadt Sankt Petersburg.

In der UdSSR wurden Dowlatows Texte nur selten publiziert. Und nachdem er 1978 in die USA ausgewandert war, kam das erst recht nicht mehr in Frage: Emigranten wurden aus der sowjetischen 
Literaturgeschichte gestrichen. Als seine Bücher dann endlich zu Zeiten der Perestrojka erscheinen durften, war es, zumindest für ihn, zu spät. Er starb an der Schwelle zum Erfolg.

Peter der Große (2,12 m)

Der ungezwungen wirkenden Erzählweise Dowlatows liegt eine einfache, aber stabile Rahmenkonstruktion zugrunde. Und obschon ein Herr Sergej Dowlatow Protagonist vieler seiner Erzählungen und Romane ist, sind diese doch nicht rein autobiografisch. Dichtung und Wahrheit. „Der Koffer“, 2008 auch in deutscher Sprache erschienen, handelt von einem Emigranten namens Dowlatow. Für seinen gesamten Besitz steht ihm nur ein einziger Koffer zur Verfügung: „Ich betrachtete den leeren Koffer. Am Boden Karl Marx. Im Deckel Brodsky. Und dazwischen ein verpatztes, wertloses, einziges Leben.“ Inhalt des Koffers ist Anlass zu den absurdesten Geschichten: Ein Paar Handschuhe stammen aus dem Requisitenfundus des Leningrader Filmstudios, „ausgeliehen“ von einem avantgardistischen Filmregisseur. Es folgt die Anekdote: Dowlatow, größter Schriftsteller aller Zeiten (1,94 m), steht in der Schlange vor einer Bierbude, verkleidet als Peter der Große, größter Zar aller Zeiten (2,12 m). Der Regisseur erhoffte sich aufgebrachte oder verstörte Reaktionen aus der Bevölkerung, doch nichts dergleichen. Die Leute achten lediglich penibel darauf, dass der „Zar“ nicht drängelt oder bevorzugt behandelt wird und sein Bier außer der Reihe bekommt.

In den USA war Dowlatow erstaunlich erfolgreich für einen Exilautor ohne „Vorruhm“ oder „politische Versehrtheit“. Nicht zuletzt dank seines einflussreichen Freundes Joseph Brodsky, der auch aus der Leningrader Literaturszene der 60er kam, aber Ruhm und den Ruf eines politisch Verfolgten mitgebracht hatte.

Dowlatow wurde zum Stammgast internationaler politischer und literarischer Konferenzen. In einem Brief schreibt er, wie ein verdienter Dissident Besäufnisse mit alten Freunden zum eigentlichen Zweck dieser Konferenzen erklärte. Die „amerikanischen Veranstalter“ hätten das mit einigem Staunen vernommen, waren sie doch sicher, es ginge um die Niederschlagung totalitärer Regime.

Ist das zynisch? Ja und nein. Es ist in erster Linie eine nüchterne Feststellung: Die russische Literatur, das einzige, was für Dowlatow wichtig war, scherte im Westen keinen - solange es nicht um politische Spielchen ging. Mit 
Zynismus auf Zynismus antworten – das war die traurige sowjetische Lebensschule. Dieser Wechselgesang der Zynismen war das große Thema Dowlatows, der bittere Hintersinn all seiner Anekdoten und Witzeleien, die auf den ersten Blick klischeehaft erscheinen können: Saufereien, Schlägereien, Armut, Zensur.

Aber Dowlatow kommt immer virtuos aus allen Klischees heraus: mit kunstvoll gesetzten Pointen, mit dem berühmten, bis zur Perfektion geschliffenen „Dowlatow´schen Satz“. Wie eine Gedichtszeile bleibt er im Gedächtnis haften. Dieser Satz kann gesprochene Sprache ohne Verlust an Natürlichkeit und Witz schriftlich festhalten. Wie schwierig das ist, weiß jeder, der es einmal versucht hat. Dieser Satz sticht tödlich, bleibt aber immer unter dem Schleier von Selbstironie und Gutmütigkeit.

Eben das macht Sergej Dowlatow zu einem bedeutenden Schriftsteller und unterscheidet ihn von zahlreichen Epigonen, die makabre und absurde Anekdoten ohne tragische, existenzielle Dimension sammeln und nacherzählen.

Ein traurig-absurdes Ende

Das Theaterstück „The Death of Bessie Smith“ von Edward Albee handelt von dem Gerücht, die große Jazzsängerin sei gestorben, weil sie keine Klinik für Weiße betreten durfte. Als man sie endlich in eine Klinik für Schwarze brachte, war es zu spät.

Dowlatow hatte keine Krankenversicherung. Als er mit einem Herzinfarkt nach mehreren 
Versuchen in anderen Kliniken endlich auch ohne Versicherungsschein in einem New Yorker Krankenaus aufgenommen wurde, war es zu spät. Als hätte er diese 
Eigenschaft gehabt – die markantesten und absurdesten Geschehnisse seiner Umgebung am 
eigenen Leibe zu überprüfen. 
Beschreiben konnte er diese letzte Absurdität nicht mehr.

Olga Martynova, Lyrikerin, Essayistin und Prosaautorin, lebt seit 1991 in Deutschland.
Ihr Roman „Sogar Papageien überleben uns“ schaffte es in die Longlist des Deutschen Buchpreises 2010.

Biografie

Leben: 3.9.1941 (UFA) bis 24.8.1990 (New York)

Werk: zwölf Bücher (im Exil)

In Ufa geboren, zog Sergej Dowlatow dreijährig nach Sankt Petersburg. Er studierte Philologie, schaffte aber den Abschluss nicht und schlug sich fortan als Gefängniswärter und Journalist durch. 1972 ging er für drei Jahre nach Estland, wo sein erstes Buch vom KGB vernichtet wurde. 1978 wanderte er in die USA aus. Auf Deutsch sind erschienen „Die Unsren“, S. Fischer (vergriffen), „Der Koffer“, DuMont, und „Der Kompromiss“, Pano Verlag.

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