Alexander Dym: "Bring alles zu Ende, dann gehört dir die Welt"

Irgendwo, jenseits des Establishmens gibt es moderne Kunstrichtungen, die das Gefühl der heutigen Jugend aufgreifen. Auch die gegenwärtige Literatur, eine junge Subkultur - folgt der Stimme der Straße. Sie wird richtungsweisend für künftige Anschauungen und bildet einen intellektuellen Katalysator für die aufwachsende Generation.

Foto aus dem persönlichen ArchivEs ist kein Geheimnis, dass es eine neue Generation junger russischer Schriftsteller gibt. Sie werden sowohl vom etablierten Kunstsbetrieb als auch von der offiziellen Presse gemieden, doch ihre Texte verbreiten sich geradezu explosionsartig im Internet und finden dort ein begeistertes Publikum.

Neue Helden erscheinen auf der Bildfläche, und sie schreiben darüber, was im Hier und Heute passiert. Einer davon ist Alexander "Lightsmoke" Dym, Autor der beiden Bände "Tagebuch eines Moskauer Padonok" (Geständnisse eines Moskauer Hooligans) und von "Violence.Ru", eines Protikolls der Straßengewalt in Russland.

Der Erfolg von "Moskauer Padonok" war dermaßen erstaunlich, dass die großen Buchgroßhändler schnell eine Neuauflage forderten. Diese Neuauflage von 5000 Exemplaren je Band ging vergangenen Dezember, mitten in der großen Krise auf dem Buchmarkt, weg wie warme Semmeln. "Moskauer Padonok" wurde ein Riesenerfolg in der Literaturszene, obwohl die wichtigsten Rezensenten des Mainstreams die Nase rümpften und das Werk ignorierten. Ströme von Blut, die auf den Buchseiten vergossen werden, und die freizügigen Ideen, die in Dyms Büchern ihren Ausdruck finden,  passten einfach nicht in Etablishment derer, die sich berufen fühlen zu beurteilen, was gute russische Literatur ist.

Die Literatur der Gegenkultur ist ein so einzigartiger Raum, dass ein Eindringen für den Uneingeweihten nahezu unmöglich scheint. Sie ist einFormat ohne jedes Format, in dem echte künstlerische Durchbrüche an der Tagesordnung sind. Sie existiert ganz unabhängig von allem, und ihre Autoren schöpfen aus verschiedenartigen Inspirationsquellen, verarbeiten ganz unterschiedliche Reize, Antriebe und Motive.

Dym, ehemaliges Mitglied des berüchtigten ZSKA-Fußballfanclubs "Jaroslawka",  sagt: "Alles ist ganz zufällig passiert. Ich hab ein Online-Tagebuch geschrieben und über mein Leben berichtet, ich hab jeden einzelnen Tag beschrieben, und daraufhin habe ich auch Kommentare bekommen. An ein Buch hab ich im Leben nie gedacht. Aber je mehr ich geschrieben hab', desto mehr Leute haben Kommentare geschickt, und ich wurde in Foren und Blogs verlinkt."

Dym weiter: "In meinem Tagebuch habe ich eine bestimmte Phase im Leben eines ganz normalen Moskauer Jugendlichen dargestellt. Einer, der säuft, raucht, sich rumprügelt und keine Autorität akzeptiert. Das Buch hat sich ohne mein Dazutun einfach durchgesetzt. Die Leute waren wohl von meiner Ehrlichkeit berührt, denn ich hab ja nur über das geschrieben, was ich tatsächlich gesehen oder erlebt hab, ohne irgendwelche Schnörkel. Ich hab nicht versucht, ein Bild von irgendeinem Helden zu malen. Das ist sie: Die reine russische Subkultur der Straße. Und das war der Held, den hat man gesucht hat.

Dym meint, dass die Subkultur der Hooligans selbst zu einem professionellen Sport geworden sei, der seine eigenen Amateure und Profiteams habe. Hooligans sind nicht dasselbe wie vor 10 oder 15 Jahren. Wenn die Polizei die Fanbewegung unterdrücken wollte, könnte sie das binnen einer Woche erledigen. Sie habe sämtliche Informationen; könne 50 Rädelsführer hinter Gitter bringen, und das wär's. "Viele der alten", so Dym", "sind heute physisch kaputt. Sie sind raus aus der Bewegung, einige sind tot, andere sitzen im Knast. Heute feiern deren Kids lieber Partys mit Drogen und Schnaps, anstatt bei blutigen Prügeleien die Ehre ihrer Klubs zu verteidigen. Die Straßenehre verkommt langsam. Die Atmosphäre der alten glorreichen Tage ist entgültig passé."

Ob härtere Strafen für Gewalttäter abschrecken und Asuschreitungen in Stadien verhindern können? "Ja klar," meint Dym, "wir werden es machen wie die Engländer. Wir werden die totale Polizeikontrolle kriegen: Videokameras überall, Ticketverkauf nur gegen Passvorlage. Wenn man gegen das Gesetz verstößt, kriegt man Stadionverbot, bekommt auch noch Ärger auf Arbeit, wird gesellschaftlich geächtet. Die Behörden brauchen ja ganz dringend ein respektables Image für die Weltmeisterschaft 2018."

"Aber schauen Sie sich mal den Verein 'Lokomotive Moskau' an. Seine eigenen Security-Leute arbeiten Hand in Hand mit den Fanklubs, besonders bei Auswärtsspielen. Und siehe da: Das Risiko für ernsthafte Delikte sinkt. Die Gewalt entfernt sich immer weiter vom Stadion. Aber auch die Politik kann betroffen sein, wie die Krawalle auf auf dem Manegeplatz im Dezember des vergangenen Jahres gezeigt haben. Kann aber auch sein, dass die Zusammenrottungen entstehen, weil die aggressive Subkultur durch Politik und Behörden gefördert oder heimlich ermutigt wird. Und weil die Manege-Sache so eskaliert ist, hat sich damals die  Spartak-Fangemeinde auch von der aufkeimenden Gewalt distanziert.  

"Meine ganze Kreativität ist hauptsächlich von den Klassikern beeinflusst", erklärt Dym seine literarische Tradition. "Zum Beispiel von Jack Londons 'Wolfsblut' und 'Der Ruf der Wildnis'. Bücher, die ich als Kind und danach immer wieder gelesen habe. Die haben nach wie vor einen starken Einfluss auf mich. Kürzlich habe ich Theodore Dreisers 'Der Finanzier' und Hermann Hesses 'Der Steppenwolf' noch einmal gelesen. Die Klassiker kann man in jedem Alter wieder lesen; was man mit 17 liest und dann wieder mit 30, das gibt einem jedes Mal eine andere Lebenssicht. Man legt verborgene Schichten frei und entdeckt völlig neue, die man seinerzeit nicht verstehen konnte, weil man zu jung dafür war. Für W. S. Burroughs, H. S. Thompson, John King hab ich mich sehr interessiert. Aber ich bin nicht sicher, ob ihre Literatur in 10 bis 15 Jahren noch relevant ist. Sie sind im richtigen Moment aufgetaucht, in einer Epoche voller seelischer Wunden des nuklearen Zeitalters. Zu ihrer Zeit haben sie eine wichtige Rolle gespielt. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war die schöngeistige Literatur dominant, doch jetzt ist Zeit für Sachliteratur, für Dokumentation. Was danach kommt, ist schwer zu sagen. Vielleicht wird es gar keine Wörter mehr geben.

Die Zeiten sind neu, aber die Menschen sind noch die gleichen. Der Ton ist härter geworden, straßenmäßiger, aber die Gebote sind noch dieselben: Du sollst einen Freund nicht verraten oder betrügen, auch wenn es dir eine Menge einbringt. Du sollst nicht weglaufen, wenn deine Freunde in eine Prügelei verwickelt sind. Du sollst immer bis zum Ende kämpfen. Und dann wird dir alles gehören. Daran glaube ich fest."

Foto aus dem persönlichen Archiv.

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