Manche mögen's kalt

 Bis zu 30 Minusgrade draußen, aber gemütliche 18 Grad plus innen: das Camp Barneo. Foto: Michael Martin

Bis zu 30 Minusgrade draußen, aber gemütliche 18 Grad plus innen: das Camp Barneo. Foto: Michael Martin

Am Nordpol gefriert schon mal der Champagner in den Gläsern - gut, dass der Helikopter einen gleich wieder ins nördlichste Camp der Welt bringt.

Ich habe schon in allen möglichen Unterkünften geschlafen – in einer Unterwassersuite in Florida, auf Bäumen in der Türkei, in einer Schlafbox an einem japanischen Bahnhof, in einer ehemaligen Kirche in Schottland oder einem früheren slowenischen Gefängnis. Doch die Übernachtung am Nordpol übertraf alles.

Die russische Arktisstation Barneo hat noch nicht einmal eine Adresse. Seit über zehn Jahren erscheint sie jedes Jahr für gerade einmal 40 Tage – von Ende März bis Anfang Mai – auf der Landkarte. Auf Drifteis mitten im Meer werden dann mehrere Zelte gestellt und eine behelfsmäßige Start- und Landebahn eingerichtet. Die Strömung lässt die GPS-Koordinaten von Sekunde zu Sekunde heftig schwanken.

Zur Begrüßung ein Gläschen Wodka auf dem Ölfass

Im Flugzeug von der norwegischen Insel Spitzbergen nach Barneo sieht man unter sich nur Wasser und Eis. Doch nach der Landung im Camp bleibt keine Zeit für bange Minuten. Leiter der Station Wiktor Bojarskij, Direktor des Sankt Petersburger Arktis- und Antarktismuseums und eine Art lokale Legende, begrüßt kurz die neue Gruppe und bittet dann 
unvermittelt zum Willkommensschmaus: gefrorenen Fisch (Stroganina) mit Wodka, serviert auf einem leeren Ölfass.

Wir haben genau zehn Minuten, um unsere Rucksäcke zu den Zelten zu bringen und uns wärmer anzuziehen. Dann geht es zum riesenhaften Mi-8, dessen Turbinen und Propeller gerade anzulaufen beginnen. Schließlich steigt der Dinosaurier der sowjetischen 
Helikoptertechnologie schwerfällig in die Luft, voll bepackt mit Menschen auf dem Weg zum nördlichsten Punkt der Erde. In der Nähe des 89. Breitengrades setzen wir fünf Australier ab. Sie wollen die letzten Kilometer auf Skiern zurücklegen. Noch 15 
Minuten im Helikopter, und wir sind am Ziel. Und jeder feiert diesen Moment auf seine Art. Ein Ehepaar aus Neuseeland zückt prompt Golfschläger und hebt zu einer Partie Nordpolgolf an, vier Japanerinnen klicken ihre Eindrücke hastig in ihre Kameras. Ein britischer Romeo fällt vor seiner chinesischen Julia auf die Knie und macht ihr einen Heiratsantrag. Unser Begleiter entkorkt eine Flasche Champagner, doch niemandem gelingt es, auch nur einen Schluck zu trinken - der edle Tropfen ist sofort eingefroren.

Zurück im Camp gibt es Borschtsch mit Sauerrahm. „Ohne Zusatzstoffe und direkt aus Moskau 
eingeflogen“, brüstet sich der 
Küchenchef nicht ohne Stolz. Der Gemeinschaftsraum mit dem vor sich hinköchelnden Samowar ist rund um die Uhr belegt, zu Tee oder Kaffee wird trockenes Gebäck im Verbund mit kauzigen Geschichten serviert.

Scheidungam Pol

An dem einen Tisch beklagen amerikanische Wissenschaftler den Verlust einer teuren Boje, die ins Meer geweht wurde. Am 
anderen tauscht eine Gruppe Manager Visitenkarten aus. Derweil 
erzählt unser Begleiter dem frisch vermählten interkulturellen Paar eine der unzähligen Anekdoten von der Polarstation: „Am Pol wird nicht nur geheiratet. Kürzlich hat ein Gast per Satellitentelefon von seiner Frau die Scheidung verlangt.“

Das im Meer treibende Camp Barneo ist weltweit das nördlichste seiner Art. Im Nordpolarmeer ist es der einzige Zufluchtsort für Wissenschaftler - und Touristen, die gerne einmal Polarforscher spielen und einen Fuß auf die sich in steter Bewegung befindliche Erdspitze setzen möchten. Vergeblich versuchen sie, Ost und West zu definieren. Von hier aus liegt alles südlich, Tag und Nacht haben andere Dimensionen.

Jedes Jahr sei es ein Leichtes, einen Standort für das aktuelle Camp Barneo zu bestimmen und die Station einzurichten, sagen die Organisatoren. Genauer gesagt, gibt es zwei Standorte, der erste liegt ungefähr auf dem 87. Breitengrad, der zweite befindet sich wesentlich näher am Pol. Anfang März geht die Arbeit los. Ein Aufklärungsteam macht sich zunächst auf die Suche nach einer geeigneten, massiven Eisscholle. Ihre Koordinaten gibt das Team nach Murmansk weiter, von wo aus ein Flugzeug mit Traktoren startet. Sobald diese eine Start- und Landebahn geräumt haben, reist eine Kommission aus Krasnojarsk an und begutachtet die Basisinfrastruktur. Eingeflogene Schlepper, Stromgeneratoren, Lebensmittel, Zelte sowie Brenn- und Schmierstoffe machen die neue Polarstation dann bezugsfertig.

Für Touristen ist Barneo nur Zwischenstation, wenn auch ihre letzte auf dem Weg zum Nordpol. Sie kommen mit dem Flugzeug vom Festland. Von Barneo aus geht es dann mit Skiern, Hundeschlitten oder Helikoptern weiter in Richtung Norden. Bereitwillig erfüllen die Organisatoren alle Wünsche ihrer exklusiven Besucher, denn der Ausflug zur Nordkappe über Barneo ist mindestens so teuer wie die mehrwöchige Fahrt auf einem Luxusliner.

Rund 40 Polarforscher und Touristen können sich gleichzeitig im Camp aufhalten, darunter findet sich auch immer wieder Prominenz aus aller Herren Länder. Nur wenige Tage vor meiner Ankunft war der britische Kronprinz Harry mit einiger Verspätung abgereist. Während seines Aufenthalts hatte sich auf der Landebahn ein Riss im Eis von einem halben Meter aufgetan und den Flugverkehr für ganze zwei Tage lahmgelegt.

Golden schimmert das Eis

Auch im Moment sieht man einige unrasierte, aber glückliche Touristen. Gerne nehmen sie die primitiven Zustände im Camp und alle Reisestrapazen in Kauf, um dann sagen sagen zu können: „Ich war dort!“

Das reine bläuliche Eis trägt einen goldenen Schimmer für die 
Organisatoren touristischer Exkursionen in die Arktis. Offensichtlich sind Pioniergeist und Abenteuerlust in der Welt noch nicht ausgestorben – zumindest bei jenen nicht, die sich die Nachahmung von Fridtjof Nansen und Alfred Wegener leisten können.

Stefania Zini schreibt für
Russia Oggi, die italienische Ausgabe von Russia Beyond
The Headlines.

So komme ich zum Nordpol

Von der norwegischen Insel Spitzbergen bringt ein Flugzeug die Reisenden zunächst ins Camp Barneo, 50 
Kilometer vom Nordpol entfernt. Es steht jährlich von Ende März bis Anfang Mai seinen Gästen zur Verfügung.


Von dort geht es mit dem Helikopter, einem Husky-Schlitten oder auf Skiern weiter. Für Extremsportler und alle, die es wagen, wird der Absprung mit einem Fallschirm über dem Pol angeboten.


Je nach Länge und Programmpunkten kostet die Reise ins Eis zwischen 9400 bis 27 000 Euro.


Wer schon jetzt sein Abenteuer fürs Frühjahr 2012 buchen will: www.polar-expeditions.com. Unter www.barneo.ru/2011e.htm ist das Tagebuch der Crew vom Frühjahr 2011 in englischer Sprache nachzulesen.

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