LiveJournal: ein Phänomen der russischen Blogosphäre

Foto: Makar Butkow

Foto: Makar Butkow

Der Web-Service LiveJournal wurde wieder von Hackern Attackiert. Welche Bedeutung hat der Blog-Service LiveJournal für die russische Gesellschaft, dass sie sehr sensibel auf die Attacken reagiert?

LiveJournal stellt eine der wichtigsten Oasen der Unabhängigkeit und einen Ort für Diskussionen in einer Gesellschaft dar, in der es ansonsten wenige solcher Plätze gibt. Es sieht danach aus, dass die Paralyse von LiveJournal innerhalb kürzester Zeit (innerhalb der vergangenen fünf Monate wurde livejounal.com zwei Mal von Hackern attackiert, erstens Anfang Juli) bereits viele bekannte Blogger dazu veranlasst hat, nach einem Ersatz Ausschau zu halten. Das ist ein Signal für alle anderen Nutzer, schließlich ist die Blogosphäre ein äußerst sensibler Bereich mit reger Beteiligung.

Auf die russische Blogosphäre trifft dies ganz besonders zu, da fast die gesamte, gesellschaftlich relevante Aktivität auf einer einzigen Plattform abspielt – so wie es in Sowjetküchen üblich war. Auf diesen Umstand haben internationale Beobachter der neuen Medienlandschaft bereits mehrfach staunend hingewiesen. Sie sind es gewohnt, dass die Blogger in westlichen Ländern ihre schlauen Gedanken auf Plattformen wie blogspot.com oder wordpress.com schreiben,  während sie sich in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Odnoklassniki (Klassenkameraden) austauschen, miteinander scherzen und Fotos ihrer Lieblingskatzen zur Schau stellen.

Bei uns sind diese beiden Bereiche miteinander verschmolzen. Es ist eine Gemeinschaft von Schriftstellern, Lesern, Fotografen, Designern, Musikern, gesellschaftlichen Aktivisten und einfach nur neugierigen Menschen, die sich gerne unterhalten und mit anderen diskutieren.

Das der Harvard-Universität angeschlossene Berkman Center für Internet und Gesellschaft hat in seiner Studie „Öffentliche Diskussion in der russischen Blogosphäre“ die 11.000 aktivsten, regelmäßig aktualisierten Blogs im russischsprachigen Teil des weltweiten Netzes untersucht.

Die russischen Blogger bevorzugen nach Ansicht der Autoren dieser Studie eine Plattform, die traditionelle Blogs und soziale Netzwerke in sich vereinigt. Livejournal.com (mit seinen insgesamt 30 Millionen virtuellen Tagebüchern) ist eine gerade die Plattform, auf der heftig über gesellschaftspolitische Themen diskutiert wird, was im Parlament oder in den offiziellen Medien schon seit Jahren nicht mehr passiert. Die Autoren der Harvard-Studie machten eine weitere Besonderheit der russischen Blogosphäre aus: das Fehlen einer lebhaften und aktiven „Unterstützergruppe“ von Regierungsseite. 

Eine Unterstützung erfolgt nur durch Peer-Groups und gegen Bezahlung. Und sie hindert die Nutzer, die auf Dokumente und Quellen aus dem Netz verweisen, nicht daran, wahre Dinge auszusprechen und ihre Handlungen untereinander zu koordinieren. „Die russischsprachige Blogosphäre wird nicht nur zur Diskussion politischer Fragen oder für Kritik an der Regierung benutzt, sondern auch zur Mobilisierung politischer und sozialer Kräfte“, konstatieren die Autoren der Studie.

Die russischsprachige Blogosphäre ist ein Raum, der zwar nicht hundertprozentig vor Kontrolle von oben geschützt ist, doch weitgehend frei ist.

Als der Fonds Freedom House im April dieses Jahres das russische Internet als „teilweise frei“ einschätzte, protestierten viele Blogger und hielten dagegen, ihr Internet sei frei. Die Hacker-Angriffe auf das LiveJournal stellten den Versuch dar, das russische Internet in den Zustand zu versetzen, den die Amerikaner zuvor moniert hatten.

Ebenfalls kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine lebhafte Blogosphäre ein wachsendes Problem für Politiker sein könnte. Faktisch alle gesellschaftlich wichtigen Kampagnen der letzten Jahre – die Kampagne gegen Korruption, die Kampagne gegen die Flut der Blaulichter oder die Kampagne zur Befreiung von Wirtschaftshäftlingen – wurden mit Hilfe sozialer Netzwerke durchgeführt.

Das Internet-Auditorium besteht nach Einschätzung des Fonds Obschtschestwennoje Mnenije aus annähernd 40 Millionen täglichen Nutzern. Und der Wunsch nach Kontrolle wächst natürlich angesichts einer derartigen Nutzerzahl, noch dazu vor Wahlen. Doch selbst wenn es gelingen sollte, eine Plattform zu versenken, bedeutet dies noch lange nicht, dass das Medium am Ende ist. Ein öffentliches Medium hat sich im russischsprachigen Netz bereits formiert, und eine Diversifikation der Plattformen kommt diesem nur zugute.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitung Wedomosti.

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