Russlands Tourismus in der Krise

Das russische Visum ist nicht leicht zu bekommen. Foto: Lori/LegionMedia

Das russische Visum ist nicht leicht zu bekommen. Foto: Lori/LegionMedia

Mangelnde staatliche Förderung und Probleme mit den Visa stürzen Russlands Tourismus in die Krise. Eine Expertengruppe soll nun Abhilfe schaffen.

Die Zahlen für den russischen Tourismus sind Besorgnis erregend. Während russische Touristen im Ausland mehr als 26 Milliarden USD für Reisen ausgegeben haben, spülten ausländische Touristen nur acht Milliarden USD in die russischen Taschen, so die Statistik des Verbands der Russischen Tourismusindustrie (RST) für 2010. Im weltweiten Durchschnitt beträgt der Einreiseverkehr-Index fast sieben Prozent – im Vergleich hierzu kommt Russland nur auf zwei Prozentpunkte. „Der Tourismus nach Russland wächst viel langsamer als im globalen Durchschnitt“, berichtet Juri Barsykin, der Vizepräsident von RST.

Schuld daran ist ein dramatischer Einbruch der Besucherzahlen aus Ländern, die sonst die größten Gästegruppen stellten: Im Durchschnitt war ein Rückgang um 19 Prozent bei den Zahlen aus Finnland, Deutschland, Spanien und den Niederlanden zu beobachten. Obwohl die Zahl der Einreisen im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um insgesamt fünf Prozent stieg, bereitet der Rückgang aus den sonst so zuverlässigen Ländern dennoch große Sorge. Es scheint viele Gründe zu geben, die gegen einen Russlandurlaub sprechen.

Die Visa-Falle schlägt zu

Für die Reiseunternehmer ist die Sache klar: Touristen werden durch die geltende Visa-Regelung und Verzögerungen bei der Ausstellung in den Konsulaten abgeschreckt. „Der Rückgang der Touristenströme ist vor allem in den Ländern zu beobachten, in denen unsere Konsulate es mit den Formalitäten übertreiben“, meint Irina Tjurina, Pressesprecherin von RST.

Doch die Visa sind nicht die einzige Sorge der Reiseveranstalter. Eine weitere Barriere stellt der Mangel an modernen Kreuzfahrtschiffen, Reisebussen und Informationen in Fremdsprachen dar. Zu den bekannten Problemen gesellen sich auch viel Skepsis und Vorurteile gegenüber einem Urlaub in Russland. Doch nicht alle Vorurteile treffen zu. Der Vorwurf, die russischen Hotels seien unbezahlbar, wird entschieden zurückgewiesen. „Dass in Russland alles zu teuer sei und dass es keine Infrastruktur gebe, ist ein Mythos“, betont Sergej Wojtowitsch, Generaldirektor von Swoj TT, einem offiziellen Vertreter des Reiseanbieters Bedsonline in Russland.

Auch bei der Qualität brauchen die Hotels sich nicht zu verstecken. In den zwei meist frequentierten Städten, Moskau und St. Petersburg, gibt es exzellente Vier- und Fünfsternehotels zuhauf. Doch nicht nur die Luxushotels, auch die übrigen Unterkünfte entsprechen dem internationalen Standard. Zudem steigt die Zahl der Pensionen. „In den letzten fünf Jahren wurden allein in St. Petersburg insgesamt 850 Motels eröffnet“, sagt Sergej Wojtowitsch.

Staat zum Handeln aufgefordert

Doch selbst die besten Hotels, günstige Preise und die Fülle an Sehenswürdigkeiten sind nicht in der Lage, das Abreißen des Besucherstroms zu stoppen. Die Reiseveranstalter haben den Schuldigen schnell ausgemacht: den russische Staat. „Fast alle Länder fördern den Tourismus durch eigene Publikationen über die beliebtesten Reiseziele. Oft unterstützen sie auch die Reiseveranstalter, indem sie die Kosten für unverkaufte Sitze in Chartermaschinen übernehmen; damit sollen Einbrüche im Besucherstrom vermieden werden. Russland hingegen unternimmt nichts“, sagt RST-Pressesprecherin Tjurina. Doch das soll sich nun ändern.

Die russischen Reiseveranstalter wollen den Staat einbinden. In diesem Monat hat der Verband der Russischen Tourismusindustrie einen Brief an das russische Außenministerium geschrieben. Die Verfasser fordern eine Expertengruppe zu schaffen, deren Arbeit sich der Zukunft des Tourismus in Russland widmen soll. Bei den enttäuschenden Zahlen ist schnelles Handeln gefragt. Eine Antwort steht noch aus.

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