Zwölf deutsche Spuren in Moskau

Aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft beider Länder lebten in Moskau von jeher viele Deutsche. Während Engländer und Spanier ihr Glück vornehmlich in der Neuen Welt suchten, blieb den Deutschen nichts anderes übrig, als nach Osten zu streben. Noch heute gibt es in der russischen Hauptstadt eine Vielzahl von Orten, die man mit Fug und Recht als „echt deutsch“ bezeichnen kann.

Lefortowo und die Deutsche Vorstadt



Die ersten deutschen Kolonisten kamen zu Beginn des 16. Jahrhunderts unter Zar Wassili III. nach Moskau. Ausländer waren damals in der Hauptstadt des Russischen Reiches überhaupt eine Seltenheit. Die Russen nannten deshalb alle der russischen Sprache nicht Mächtigen kurzerhand Nemzy, was soviel wie „die Stummen“ bedeutete. In der Folgezeit wurde die Bezeichnung eingeengt und vor allem auf Deutsche bezogen.

Etwas mehr als einhundert Jahre später war die deutsche Kolonie in Moskau so groß geworden, dass man beschloss, die Deutschen vor die Tore der Stadt umzusiedeln. So entstand am rechten Ufer der Jausa, wo der Bach Kukui in den Fluss mündet, die Nemezkaja Sloboda, die deutsche Vorstadt. In dieser Ausländerkolonie waren nicht nur die Häuser, sondern auch die Lebensgewohnheiten europäisch geprägt. Besonders gern vergnügte sich „auf dem Kukui“ der zukünftige Zar Peter I., der hier zwei Weggefährten fand, die ihm später als russische Generäle treu zur Seite standen: den Schotten Patrick Gordon und den Schweizer François Lefort, dessen Namen bis heute der Stadtteil Lefortowo trägt.

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Evangelisch-lutherische Kathedrale St. Peter und Paul zu Moskau



Die alte Kirche in der Starosadski-Gasse wurde bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts errichtet. Die Mittel für den Bau stammten von Preußenkönig Friedrich Wilhelm III., die 1863 auf dem Turm angebrachte Glocke war ein Geschenk Kaiser Wilhelms I. 1843 gab Franz Liszt in der Kathedrale St. Peter und Paul ein Orgelkonzert. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Kirche bereits zu klein geworden für die schnell wachsende Gemeinde, deshalb wurde 1905 an gleicher Stelle ein neues, von einem Turm bekröntes Gebäude errichtet. Nach der Oktoberrevolution 1917 konnten weiterhin Gottesdienste abgehalten werden, doch im November 1936 wurden Pastor Alexander Streck sowie der Kirchenvorstand verhaftet. 1938 erfolgte die Schließung der Kathedrale. Das Gebäude wurde zunächst als Kino genutzt, die spätere Einrichtung des Filmstudios „Diafilm“ ging mit erheblichen baulichen Veränderungen einher. Die 1957 demontierte Spitze des 60 Meter hohen Turms der Kirche konnte erst 2009 ersetzt werden. Heute finden in der Kathedrale St. Peter und Paul neben Gottesdiensten auch Orgelkonzerte und zahlreiche Veranstaltungen der evangelisch-lutherischen Gemeinde Moskaus statt.

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Moskauer Goethe-Institut



Das Goethe-Institut in Moskau ist unter der Adresse Leninski Prospekt 95a zu finden. Obwohl die Geschichte der Goethe-Institute weit zurückreicht, wurde die Eröffnung einer Repräsentanz in der russischen Hauptstadt erst mit Beginn der Gorbatschow’schen Perestroika möglich. Heute ist das Goethe-Institut Moskau eines der wichtigsten Zentren für die Verbreitung der deutschen Sprache und Kultur in Russland. Hierher kommen jeden Tag zahlreiche Besucher, Studenten ebenso wie Teilnehmer von Deutschkursen. Unter der Ägide des Goethe-Instituts wird der Austausch von Studierenden deutscher und russischer Hochschulen gepflegt, im Angebot sind ständig Veranstaltungen mit einem breit gefächerten Themenspektrum.

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Kaufhaus Leipzig



1965 öffnete auf dem Leninski Prospekt 87 das Kaufhaus Leipzig seine Pforten. Es erfreute sich so großer Popularität, dass 1979 in der uliza Akademika Wargi am Moskauer Stadtrand eigens ein Gebäude für das Warenhaus gebaut wurde. Trotz des weiten Anfahrtswegs kauften die Moskauer gern und oft im „Leipzig“ ein, denn hier gab es Waren, die man in den eintönigen sowjetischen Läden vergeblich suchte. In langen Schlangen standen die Käufer nach Kleidung, Geschirr oder schönem Spielzeug aus der DDR an. Dicht gedrängt bestaunten die Kleinen die riesige Modelleisenbahn, und wenn sie Glück hatten, erstanden ihre Eltern ein paar bunte Indianerfiguren – die Helden der ostdeutschen Indianerfilme mit Ost-Winnetou Gojko Mitic, die bei sowjetischen Kindern ebenfalls außerordentlich beliebt waren.

Das Kaufhaus Leipzig existiert auch heute noch, allerdings ist es jetzt ein Einkaufszentrum unter vielen.

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Botschaft der Italienischen Republik


Das Gebäude der italienischen Botschaft in der Deneshny-Gasse unweit des berühmten Altstadtviertels Arbat diente nur für kurze Zeit als Residenz der diplomatischen Mission des Deutschen Reichs. Nach der Oktoberrevolution zog im April 1918 Botschafter Wilhelm Graf Mirbach-Harff in das konfiszierte Palais der Fabrikantenfamilie Berg ein. Zunächst gestalteten sich die russisch-deutschen Beziehungen durchaus positiv, denn immerhin war Russland einseitig als Kriegsteilnehmer aus dem Ersten Weltkrieg ausgeschieden und hatte in Brest-Litowsk einen Friedensvertrag mit Deutschland unterzeichnet. Doch am 6. Juli 1918 erschossen die Sozialrevolutionäre Jakow Bljumkin und Nikolai Andrejew im Auftrag des Zentralkomitees der Partei der linken Sozialrevolutionäre Wilhelm von Mirbach-Harff im Empfangssaal des Palais Berg. Die Ermordung des Botschafters sollte das Signal geben für einen landesweiten Aufstand, der sich gegen die Lenin-Regierung richtete und die Revision des Friedensvertrags mit dem Deutschen Reich zum Ziel hatte.

Obwohl Wladimir Iljitsch Lenin bereits am Abend des 6. Juli im Palais Berg eintraf, um sein Beileid zu bekunden und die strenge Bestrafung der Mörder in Aussicht zu stellen, verließ die deutsche diplomatische Mission Moskau bald darauf für mehrere Jahre.

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Hans-und-Maschenka-Freundschaftsdenkmal



In der uliza 1905ogo goda steht als Symbol für die freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Moskauer Stadtteil Krasnaja Presnja und der Gemeinde Denkendorf in Bayern eine Skulptur, die zwei tanzende Kinder zeigt: den bayerischen Bub Hans und das russische Mädchen Maschenka. Die beliebten Helden russischer und deutscher Märchen sind nicht allein in Moskau zu sehen, eine Replik des Denkmals wurde auch in Denkendorf aufgestellt.

Bereits 1980 gelang es der Gemeinde Denkendorf, den Eisernen Vorhang zu durchbrechen und Kontakte zum Moskauer Stadtteil Krasnaja Presnja anzubahnen, die 1986 in einen Freundschaftsvertrag mündeten. Seither weilten zahlreiche bayerische Mediziner, Musiker, Kommunalpolitiker und Geistliche auf Einladung der Stadtteilverwaltung von Krasnaja Presnja in der russischen Hauptstadt. Als der ehemalige Präsident der UdSSR Michail Gorbatschow und seine Gattin Raissa am 26. Juli 1993 Denkendorf einen Besuch abstatteten, wurden die beiden von Dmitri Rjabitschew geschaffenen Denkmäler enthüllt.

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Russisch-Bayerisches Handelshaus



Das Russisch-Bayerische Handelshaus im Expozentrum der Hauptstadt verdankt seine Existenz ebenfalls den freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Freistaat Bayern und dem Moskauer Stadtteil Krasnaja Presnja. Anfang der 1990er Jahre war das Kaufhaus Anlaufpunkt für alle in Moskau lebenden Deutschen und Österreicher, denn hier gab es Waren aus Bayern und in der Adventszeit einen zünftigen Weihnachtsmarkt. Damals existierten in der russischen Hauptstadt nur wenige ausländische Supermärkte, die meisten Geschäfte stammten noch aus der Sowjetzeit und versprühten den öden Charme der Mangelwirtschaft. Vor diesem Hintergrund erschien ein derartiger Konsumtempel wie eine Exklave des Westens auf russischem Boden. Deshalb kauften auch viele Moskauer besonders vor Fest- und Feiertagen im Russisch-Bayerischen Handelshaus gern die eine oder andere ausländische Delikatesse.

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Klinik des Dr. Justus Christian von Loder



Heutzutage finden selbst Moskauer die Chilkow-Gasse in der Nähe der „Goldenen Meile“ Ostoshenka nicht mehr auf Anhieb, während diese Adresse zu Beginn des 19. Jahrhunderts weit über die Hauptstadt hinaus bestens bekannt war. Nach dem Krieg gegen Napoleon eröffnete der deutsche Anatom, Chirurg und Leibarzt des Zaren Alexander I. hier eine „Wasserheilanstalt“, die im Grunde zum ersten Wellness-Spa in Russland wurde. Eine Kur bei Dr. Loder kostete sündhafte 300 Rubel, so viel, wie ein durchschnittlicher Handwerker im ganzen Jahr verdiente. Die gesamte Moskauer und Petersburger Beau Monde gab sich bei Dr. Loder ein Stelldichein. Man nahm Bäder, trank Mineralwasser und ging täglich mindestens drei Stunden an der frischen Luft im Park der Klinik spazieren. Die einfachen Moskauer beobachteten dieses Kurtreiben mit Interesse und nannten Dr. Loders Patienten „Lodyri“, also Lodriane. Seither ist das Wort in der Bedeutung „Müßiggänger“ oder „Faulpelz“ fest in die russische Sprache eingegangen.

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Institut für Hirnforschung


In der Straße Woronzowo Pole sieht man die Flügel eines neogotischen Gebäudes aus rotem Backstein, in denen heute das Wissenschaftliche Institut für Hirnforschung untergebracht ist. Das Bauwerk entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts und beherbergte ursprünglich das auf Initiative der deutschen Unternehmerschaft in Moskau eingerichtete Evangelische Krankenhaus. Hier wurden Kranke nicht nur kostenlos medizinisch behandelt, die Hälfte der Patienten war zudem nicht evangelisch, sondern gehörte verschiedensten anderen Konfessionen an.

Als Wladimir Iljitsch Lenin, der Gründer der Sowjetunion, am 21. Januar 1924 an den Folgen einer Hirnarteriosklerose verstarb, wurden die Gebäude zu einem Laboratorium für die Untersuchung seines Gehirns umfunktioniert. Das Hirnlabor stand unter Leitung des deutschen Neuroanatomen Oskar Vogt. Vogt sollte die Genialität Lenins wissenschaftlich nachweisen und auf exakte physiologische Parameter zurückführen. Ende der 1920er Jahre verfügte das erheblich erweiterte Labor bereits über eine beträchtliche Sammlung von „Elitehirnen“ insbesondere der kommunistischen Nomenklatura, die im Pantheon des 1927 gegründeten Staatsinstituts für Hirnforschung ausgestellt waren.

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Denkmal des „heiligen Doktors von Moskau“



In der Maly-Kasjonny-Gasse hat in einem ehemaligen Krankenhaus das Forschungsinstitut für Hygiene sowie Kinder- und Jugendschutz sein Domizil. Vis-à-vis des Gebäudes steht ein Denkmal mit einer kleinen Büste des „heiligen Doktors“ Haas, den die Moskauer auch liebevoll den „guten Opa Haas“ nannten. Der 1780 in Münstereifel geborene und seit 1806 in Moskau praktizierende Dr. Friedrich Josef Haas oder Fjodor Petrowitsch Gaas, wie die russifizierte Version seines Namens lautet, wurde zum Chefarzt der Moskauer Gefängniskrankenhäuser bestellt. Während seiner Amtszeit verbesserten sich die Bedingungen in den Haftanstalten Russlands erheblich. Von dem wenigen Geld, das er verdiente, kaufte Dr. Haas oft Medikamente für die Armen. Der Arzt arbeitete unermüdlich, seine gesamten Ersparnisse verwendete er für wohltätige Zwecke wie die Gründung einer Schule oder die Einrichtung eines Obdachlosenkrankenhauses. Als Haas 1853 in Moskau starb, begleiteten 20 000 Menschen den Sarg zum Deutschen Friedhof.

Auf dem Sockel des Denkmals in der Maly-Kasjonny-Gasse ist das Motto eingraviert, von dem sich Dr. Friedrich Joseph Haas zeitlebens leiten ließ: „Beeilt Euch, Gutes zu tun“. 1999 leitete die römisch-katholische Kirche das Seligsprechungsverfahren des „heiligen Doktors von Moskau“ ein.

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Schokoladenfabrik Einem



Im weitläufigen roten Backsteingebäude des ehemaligen Süßwarenwerks „Krasny Oktjabr“ (Roter Oktober) an der Südspitze der Jakimanka-Insel befinden sich heute Lofts, Cafés und Büroräume. Bis zur Oktoberrevolution im Jahr 1917 gehörte die Fabrik dem Zuckerbäcker Theodor Ferdinand von Einem, einem gebürtigen Württemberger, und seinem Geschäftspartner Julius Heuss. Da Heuss später in den Betrieb eingetreten war, behielt er auch nach dem frühen Tod seines Compagnons im Jahre 1876 den ursprünglichen Firmennamen bei.

Bis 1917 vertrieb die Schokoladenfabrik Einem ihre Süßwaren nicht nur in Russland, sondern in ganz Europa. Welche Wertschätzung die Produkte genossen, bezeugt auch die Tatsache, dass von Einem und Heuss zu Hoflieferanten des Zaren avancierten.

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Dangauerowka


Seinen heutigen Namen erhielt das Werk „Kompressor“ in der Nähe der Metrostation Awiamotornaja erst nach der Oktoberrevolution 1917. Im 19. Jahrhundert war es bekannt als Kesselschmiede Dannhauer & Kaiser. Da die beiden deutschen Fabrikanten mit ihrer Produktion in Russland beinahe Monopolisten waren, wuchs das Werk so schnell, dass in der Nähe eine eigene Arbeitersiedlung entstand. Im inoffiziellen Sprachgebrauch hieß sie – nach der russifizierten Version des Familiennamens Dannhauer – Dangauerowka. Die alte Kesselschmiede steht nicht mehr, die Werkssiedlung ist eingemeindet und gehört heute zum Moskauer Stadtgebiet. Einheimische nennen die Gegend jedoch noch immer Dangauerowka, auch wenn sie nicht mehr genau wissen, woher die Bezeichnung rührt und dass sie deutsche Ursprünge hat. Denn inzwischen klingt Dangauerowka so „echt moskauerisch“ wie beispielsweise Iljinka, Marosseika oder Lubjanka.

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