Vier Säulen einer neuen Filmkunst

Der Film „Chapiteau Show“. Foto: kinopoisk.ru

Der Film „Chapiteau Show“. Foto: kinopoisk.ru

„Chapiteau Show“ bezeichnet man als eine neue Wende der russischen Filmkunst. Um tiefer in den Sinngehalt dieses Streifens einzudringen und seine Besonderheiten herauszuarbeiten, sprachen unsere Sonderkorrespondenten Alexander Ganjuschin und Andrej Raskin mit Marina Potapowa, der Drehbuchautorin des Films.

Das 33. Internationale Filmfestival Moskau, das vor einigen Wochen stattfand, bedachte einen Streifen über den Beginn des Tonfilmzeitalters mit dem Hauptpreis „Goldener Sankt Georg“. Als am vierten Festivaltag die Sonne hinter dem letzten der sieben Hügel der russischen Hauptstadt versunken war, lief im Großen Saal des Filmtheaters „Oktjabr“ der französische Beitrag „The Artist“ von Michel Hazanavicius. Der Film beschäftigt sich mit dem cineastischen Epochewechsel Ende der 1920er bis Anfang der 1930er Jahre, als der Tonfilm im Kino Einzug hielt.

„The Artist“ erzählt, wie die junge Statistin Peppy Miller zur ersten Tonfilmgöttin Hollywoods avanciert, während der Stern von George Valentin, des letzten Granden der Stummfilmära, unaufhaltsam sinkt. Dabei war es, wie das in einer „schönen“ Geschichte zu sein pflegt, gerade Valentin, der die hübsche Peppy zum Film gebracht hatte. Doch die Elevin bewies außerordentliches Talent und verdrängte den Superstar des Stummfilms vom Kinoolymp. Und der Absturz Georg Valentins aus den Höhen des Ruhmes und seiner scheinbar unerschütterlichen Popularität vollzog sich ebenso schnell, wie Peppy Miller aufstieg.

Doch woran scheiterte George Valentin eigentlich? Als sein ärgster Feind hatte sich nicht der Alkohol erweisen, und es waren auch keine anderen „misslichen Gewohnheiten oder Umstände“, die seiner Karriere ein Ende setzten. Es war der Ton. Die neuen, für die damalige Zeit revolutionären Aufnahmetechnologien verschafften den Schauspielern Stimme. Georg Valentin war ein Stummfilmstar, im Tonfilm war für ihn kein Platz mehr.

Genau zwei Tage nach „The Artist“ wurde in einem kleinen Saal des Festivalkomplexes ein weiterer Streifen gezeigt, der den Beginn eines neuen Kapitels in der Filmgeschichte markiert. Diesmal handelte es sich um das kapitale, dreieinhalbstündige Werk des hochtalentierten Regisseurs Sergej Loban aus Russland. Sein „Chapiteau Show“ greift gleichsam den Hauptgedanken des französischen Beitrags noch einmal auf: Wie berühmt und begabt ein Schauspieler auch sein mag, sein Stern verlischt unweigerlich, wenn er sich dem schnell voranschreitenden technologischen Fortschritt im Filmmetier nicht ständig anpasst.

Gerade Sergej Lobans „Chapiteau Show“ – von der Jury der 33. Ausgabe des Internationalen Filmfestivals Moskau mit dem „Silbernen Sankt Georg“ bedacht – präsentierte selbst eine neuartige Aufnahmetechnologie, eine innovative filmische Stilistik. Um tiefer in den Sinngehalt dieses Streifens einzudringen und seine Besonderheiten herauszuarbeiten, sprachen unsere Sonderkorrespondenten Alexander Ganjuschin und Andrej Raskin mit Marina Potapowa, der Drehbuchautorin des Films.

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Marina, was wollten Sie den Zuschauern mit „Chapiteau Show“ sagen, welche Idee haben Sie in dem Drehbuch zu Grunde gelegt?

 „Chapiteau Show“ besteht aus vier Filmnovellen, die eigene Titel tragen, und zwar „Liebe“, „Freundschaft“, „Achtung“ sowie „Zusammenarbeit“. Diese vier Teile überschneiden sich insofern, als die Protagonisten der jeweils vorangegangenen Geschichte sporadisch in einzelnen Szenen der nächsten auftauchen. Sie prallen aufeinander oder besser: Sie prallen voneinander ab. Denn jede menschliche Tragödie, so unermesslich sie auch für den Einzelnen sein mag, wird unerheblich nicht nur im Angesicht der Ewigkeit, sondern auch im Verhältnis zu jedwedem anderen individuellen Unglück.

 

Man muss das Filmemachen schon über alles lieben, um volle sechs Jahre an einem einzigen Projekt zu arbeiten.

Drei Jahre lang mussten wir zunächst Geld auftreiben. Während dieser Zeit habe ich das Drehbuch mehrfach umgeschrieben, weil es mir nie perfekt vorkam. Ich dachte, daraus könne man keinen Film machen. Dann sind wir zu verschiedenen Original-Drehorten gefahren. Dann habe ich das Drehbuch angepasst und es diesen Locations „auf den Leib geschneidert“. Die wichtigsten Szenen entstanden schließlich in Semeis auf der Krim. Die Dreharbeiten im engeren Sinne haben lediglich einen Sommer, einen Herbst und einen Winter gedauert.

Als wir mit unserem Zeitplan in Verzug gerieten, brach leichte Panik aus, weil wir Angst hatten, die Drehsaison zu überziehen. Das kann teuer werden, denn dann sind beispielsweise zusätzliche Leihgebühren für die Technik fällig. Außerdem waren die Szenen, die in einem Eisenbahnabteil spielen, extrem kostenintensiv. Wir mussten in Sewastopol einen Zug mieten, mühsam einen Benzingenerator hineinhieven und die Waggons dann auf einem Abstellgleis rollen lassen. Das hat natürlich unser Budget gesprengt. Alle eigentlich für Honorare vorgesehenen Mittel sind für die Drehs draufgegangen. Als wir nach Moskau zurückkamen, stellte sich heraus, dass kein Geld mehr da war und auch keines zu erwarten war. Unser erster Produzent, der bekannte Unternehmer Alexander Mamut, hatte in der Finanzkrise 2008 viel Geld verloren. Auf ihn konnten wir nicht zählen. Aber wir hatten unser Baby bereits so lieb gewonnen, auch wenn es noch gar nicht so richtig fertig war. Wahrscheinlich ist es uns deshalb gelungen, neue Investoren zu finden.

„Chapiteau Show“ dauert dreieinhalb Stunden. Eine Pause in der Mitte des Films, birgt das nicht ein allzu großes Risiko? Die Zuschauer könnten schließlich nach dieser Pause gehen…


Im Theater ist die Praxis der Pausen doch ganz normal, und keiner nimmt daran Anstand. Das Risiko scheint mir allein darin zu liegen, dass die Filmtheater zusätzlichen Aufwand betreiben müssen. Ich glaube, „Chapiteau Show“ hatauch trotz seiner Überlänge beste Chancen. Die Frage ist nur, wie sich die konservativen Verleiher und die Besitzer der Kino-Ketten dazu positionieren. Es könnte sein, dass sie der Meinung sind, weil bisher alle zweiteiligen Filme durchgefallen sind, wird auch unser Zweiteiler ein Flop. Aber in „Chapiteau Show“ gibt es menschliche Emotionen, wunderbare Landschaften und ein Sujet, das zu fesseln vermag. Ich denke, der Streifen wird sein Publikum finden. Und das Interesse der Zuschauer ist schließlich das alles Entscheidende. Sergej Loban hat einen grotesk komischen, prächtig choreographierten Bilderbogen, der vier menschliche Geschichten aneinanderreiht, die sich gleichzeitig auf der Krim zutragen. Beim Festival zumindest waren alle Vorstellungen ausverkauft, und die Fans stritten sich um Plätze auf den Treppenstufen.

Vielleicht könnte die Verleiher noch die Überlegung abschrecken, dass man die Art von Filmkunst, wie sie „Chapiteau Show“ zeigt, sonst nicht findet. Man könnte allenfalls mit Schrecken an das extreme Arthouse-Kino denken, bei dem eine geschlagene Stunde lang überhaupt nichts passiert. Außer dass  man einen Mann essen sieht. Bis er den letzten Bissen in den Mund geschoben hat, wechselt die Szenerie nicht. Ganz klar, dass solche Filme keine Kost für ein Massenpublikum sind. Es gibt kein Kino, das sozusagen intelligent-intellektuell und amüsant-unterhaltsam zugleich ist.

Uns verwundert, dass sich nach dem Hype, den „Chapiteau Show“ bei der Pressevorführung ausgelöst hat, die Internetpiraten noch nicht an Ihre Fersen geheftet haben.

Keine Sorge, die kommen noch früh genug. Sobald „Chapiteau Show“ in den Verleih geht, werden sie eine Raubkopie ins Internet stellen. Das ist doch wunderbar, denn dann sehen den Film auch alle diejenigen, die wohl nie ins Kino gehen würden - schon gar nicht in diesen Film -, und sie werden darüber reden. Außerdem darf man nicht vergessen, dass das Publikum der Filmfestivals und die Besucher von Filmen, die über den Verleih laufen, verschiedene Interessen verkörpern. Unsere Schlussfolgerung lautet: Für den kommerziellen Erfolg von „Chapiteau Show“ müssen wir uns mit allen gut stellen - mit Verleihern und Piraten gleichermaßen.

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Hatten Sie während der Dreharbeiten nicht auch den Eindruck, dass Ihr Hauptdarsteller Pjotr Mamonow noch zu sehr mit seiner Rolle als Iwan der Schreckliche in Pawel Lungins „Der Zar“ verhaftet ist? Obwohl Mamonow andererseits geradezu prädestiniert scheint für die Figur, die er in „Chapiteau Show“ verkörpert. Immerhin hat er 1995 der Zivilisation den Rücken gekehrt und ist in das Dorf Efanowo bei Moskau gezogen, um sich neu zu definieren und die Idee der eigenen Unabhängigkeit zu kultivieren. Mamonows Kinder sind ihrem Aussteigervater damals nicht gefolgt. In „Chapiteau Show“ spielt Pjotr Mamonow sich selbst und sucht als Vater mit seinem Sohn eine gemeinsame Zukunft in der wilden, unberührten Natur. Doch, ganz ehrlich: Wie Mamonow da so die Krim-Berge hochkraxelt, vermissen wir in seinen Augen die Erleuchtung. Vielleicht liegt ihm die Natur der Krim nicht? Oder kann der Mensch eine wahre Neugeburt nur ein einziges Mal ausleben, und alle späteren Versuche, dieses eine, einzige Mal für die Kamera zu reproduzieren, sind selbst für einen gestandenen Schauspieler zu schwierig?

Ein Russe muss immer irgendwohin laufen, um sich selbst zu finden. Aber ich bin jedoch nicht Ihrer Meinung, dass der Film die völlige Verwandlung, die Wiedergeburt des Protagonisten nicht überzeugend genug rüberbringt. ‚

Gemäß meinem Drehbuch macht sich Mamonow nicht zur Selbstfindung in die Krim-Berge auf, sondern um sich zu befreien, um alles – seine Arbeit, das Theater – ein für allemal hinter sich zu lassen. Er hofft, diese Bergtour würde zwischen ihm und dem Sohn eine feste, vertrauensvolle Beziehung wachsen lassen. Er ist überhaupt nicht darauf gefasst, seinen eigenen Sohn als ewig jammernden Nörgler zu erleben. Der Vater will Erbauung finden und sich wieder dem Sohn nähern, doch stattdessen bringt ihm der eigene Idealismus eine herbe Enttäuschung ein. Er spürt, dass die Energie, die Inspiration, die er sich von dieser Tour versprochen hatte, einfach nicht aufkommen will. Mamonows Protagonist saß dem Irrglauben auf, zwischen ihm und seinem Sohn würde eine richtige Männerfreundschaft entstehen. Doch zum Schluss muss er erkennen, dass ihm sein eigen Fleisch und Blut fremd ist.

Pjotr Mamonow war übrigens auch der Hauptdarsteller des ersten Films, den Sergej Loban und ich 2005 zusammen gedreht haben. Das Budget für „Pyl“ (Staub) belief sich auf ganze 3 000 Dollar, trotzdem wurde der Streifen ein Erfolg. Bei „Chapiteau Show“ hatten wir ganz andere finanzielle Möglichkeiten. Aber Mamonow hat die Rolle nicht wegen des Honorars angenommen, sondern eben aus „Achtung“ vor unserer kreativen Arbeit. Und da der Film nicht als kommerzieller Blockbuster angelegt ist, beruht Vieles darin tatsächlich auf Achtung und Respekt: Der Achtung des Schauspiels vor dem Aufnahmeteam, der Achtung des Filmteams vor den Kinobesuchern und vor sich selbst. Auch zwischen den Protagonisten entwickeln sich in „Chapiteau Show“ Beziehungen, die auf gegenseitigem Respekt gründen. Wir hoffen sehr, dass das Publikum auch spürt, was wir in diesen Film hineinlegen wollten. Vielleicht bewegt das unsere potentiellen Zuschauer, uns auch bei künftigen Projekten die Treue zu halten.

Bei der Realisierung von „Chapiteau Show“ haben Sie zum ersten Mal das Prinzip des Crowdfunding genutzt. Gehen Sie doch etwas näher auf diese neue Methode der Filmproduktion ein.

Das ist ganz einfach zu erklären. Wir haben eine Internetseite namens „Parapet“ eingerichtet und versucht, mit dieser Seite Menschen dafür zu gewinnen, Geld in unser Filmprojekt zu stecken. Wenn wir den nächsten Streifen drehen, soll er möglichst komplett von den Zuschauern bzw. Internetusern finanziert werden. Natürlich ist vorgesehen, dass unsere Unterstützer dafür auch bestimmte Gegenleistungen erhalten. Das kann eine Gewinnbeteiligung sein, oder die Möglichkeit, bei den Dreharbeiten mitzuwirken, oder eine besondere Erwähnung im Abspann. Die finanziellen Sponsoren können aber auch anonym bleiben.

Im Westen kommen durch solche Finanzierungsplattformen für Kreativprojekte wie beispielsweise Kickstart gewaltige Budgets zusammen, mit denen sich große Vorhaben realisieren lassen. Allein dank der Spenden der Internet-Community. Bei dem traditionellen System der Filmfinanzierung, nach dem die meisten arbeiten, konnte der Produzent davon ausgehen, dass „die Leute schon alles fressen werden“, und die Leute haben tatsächlich „gefressen“, was immer dem Produzenten eingefallen ist. Doch dieses System überlebt sich mehr und mehr.

Man hat einen Lieblingsregisseur und soll dann zehn Jahre warten, bis er das Budget für einen neuen Film zusammenkriegt? Würde der Zuschauer, wenn er die Möglichkeit dazu hätte, nicht lieber ein bisschen Geld lockermachen, damit die Dreharbeiten beschleunigt werden könnten? Bei diesem System der Selbstmanagement-Finanzierung ist kein Autorenfilm auf staatliche Unterstützung oder einige wenige große Investoren angewiesen. Und Projekte, für die sich nicht genug Investoren unter den vielen potentiellen Zuschauern finden, braucht die Gesellschaft vielleicht ja gar nicht. Der Konsument wird flügge und kann heute seine Wünsche sehr direkt artikulieren.

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