Gelebte Pressefreiheit

 Echo Moskwy Chefredakteur Alexej Wenediktow. Foto: RG

Echo Moskwy Chefredakteur Alexej Wenediktow. Foto: RG

Das neue Russland verordnete sich 1990 auch ein neues Mediensystem, in dem der Radiosender Echo Moskwy (Echo Moskau) zu einer Bastion authentischer Berichterstattung wurde. Wie es diesem Hörfunkkanal seit nunmehr 20 Jahren gelingt, den Geist des „goldenen Jahrhunderts“ der russischen Journalistik zu bewahren, schildert Chefredakteur Alexej Wenediktow.

Im Juni 1990 unterzeichnete Michail Gorbatschow als letzter Präsident der Sowjetunion ein Pressegesetz, das nicht-staatliche Rundfunkstationen zuließ. Ein paar Freunde von mir, die seinerzeit bei Staatssendern arbeiteten, hatten es endgültig satt, Propaganda zu verbreiten. Also beschlossen sie, etwas Eigenes zu gründen, beantragten eine Sendelizenz und erhielten die Zulassung mit der Registriernummer eins, worauf sie noch heute stolz sind. Die Jungfernsendung wurde am 22. August 1990 ausgestrahlt. Am selben Tag klingelte bei mir das Telefon: „Bist du in Moskau? Könntest du bis zum 1. September ein paar Tage bei unserem Radio mitmachen?“ Daraufhin machte ich meinen ersten Beitrag für Echo Moskwy.

Der Sender hat sich von Anfang an als Vorreiter einer alternativen Berichterstattung verstanden. Schließlich spielten sich 1990 überall in der Sowjetunion Prozesse und Ereignisse ab, die von den Zentralorganen der Masseninformation völlig übergangen wurden. Kein Wunder, dass bereits nach einem Monat im Präsidialrat zur Diskussion stand, ob man dieses rebellische Radio nicht besser schließen sollte. Immerhin waren wir die Einzigen, die darüber berichteten, dass im September Truppen in Moskau zusammengezogen wurden. Gorbatschow war höchst ungehalten: „Was ist denn das für ein Piratensender, der sich erlaubt zu sagen, was nicht gesagt werden soll?“ Wir saßen damals in der Nikolskaja-Straße, 200 Meter von der Kremlmauer entfernt. Das war die erste Attacke der Moskauer Machthaber gegen uns. So wurden wir nach und nach bekannt.

1994 kamen wir zu dem Schluss, dass wir keine Hobby-Laienspieltruppe bleiben konnten, sondern Echo Moskwy als richtiges Unternehmen aufziehen mussten. Die Erwartungen an den Sender waren inzwischen gewachsen, aber wir hatten immer noch die alte Technik. Und wir haben so wenig gezahlt, dass sich damit kein Hund hinter dem Ofen hervorlocken ließ. Also sind wir auf Investorensuche gegangen. Letztendlich mussten wir uns zwischen zwei Gruppen entscheiden: den Bankiers Vayner aus Chicago und Wladimir Gussinskis Medienholding. Die Vayners wollten mehr Geld geben, im Gegenzug allerdings die Redaktionspolitik kontrollieren. Gussinskis Angebot lag niedriger, aber er hat zu uns gesagt: „Sollen sich die Journalisten ihren Chefredakteur ruhig selbst aussuchen.“ Da haben wir beschlossen: Wir müssen in unserer Satzung festschreiben, dass der Chefredakteur von den Journalisten gewählt und vom Aktionärsrat bestätigt wird. Die Aktionäre können also nicht über die Köpfe der Mitarbeiter hinweg entscheiden. Deshalb haben wir die Anteile an Gussinski verkauft. Und er hat seine Verpflichtungen ausnahmslos eingehalten.

Später ist Echo Moskwy unter die Kontrolle der Gazprom-Medien-Gruppe geraten. Ich habe das in allen Einzelheiten miterlebt, selbst an den Verhandlungen und Treffen – unter anderem bei Wladimir Putin – teilgenommen. Mir ist dabei klargeworden, dass die Führung in den redaktionellen Kurs sämtlicher Fernseh- und Hörfunkkanäle hineinregieren will. Und dass es sich dabei um eine absolut politische Entscheidung handelt. Aber gegen Bulldozer hilft kein Bellen. Wenn erst ein Investor als Geisel genommen und ins Gefängnis gesteckt wird, dann ein zweiter, was können Sie dem entgegensetzen? Nichts. Deshalb habe ich meinen Leuten gesagt: „Wir machen stur unsere Arbeit, wenn sie kommen, um den Laden zu schließen, erfahren wir das schon.“ Und „oben“ habe ich verlauten lassen: „Wir mischen uns nicht in eure Politik ein, aber was ganz schlimm schiefläuft, kritisieren wir.“ Der Präsident hat gut zugehört, mit dem Ergebnis, dass wir immer noch kritisieren.

Im August 2000 hatte ich ein Treffen mit Wladimir Putin, bei dem er mir unmissverständlich zu verstehen gegeben hat, dass der Chefredakteur für alles geradesteht, was in seinem Sender geschieht. Andererseits begreift man jedoch auch in den höchsten Machtetagen: Damit ein Sender ordentlich arbeiten kann, braucht er einen respektablen Ruf. Schließlich wird sich eine Hillary Clinton oder ein Barack Obama nicht bei einer Gazprom-Radiostation blicken lassen. Aber zu einem Sender, der unabhängig ist von den Aktionären wie vom Staat, kommen alle, selbst die ganz Großen. Das habe ich Wladimir Putin zu verdeutlichen versucht. Die Regierung muss einsehen, dass Echo Moskwy ein gutes Geschäft darstellt – im weitesten Sinne des Wortes.

Gekürzte Fassung eines Interviews von Jelena Wanina mit Alexej Wenediktow für „Afischa“

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