Der Major, der nicht schießen ließ

Im August 1991 besaß ich den Dienstrang eines Majors und befehligte das 2. Bataillon des 1. motorisierten Schützenregiments der Division Taman. Ich war damals 33 Jahre alt.

Der 18. August fiel auf ein Wochenende. Ich war zuhause, als ein Melder mit der Nachricht kam, die Einheit sei in Alarmzustand versetzt worden. Natürlich fanden sich alle Offiziere sofort am Standort ein. Der Regimentskommandeur ordnete an, die Mannschaften wecken zu lassen und den Abmarsch nach Moskau vorzubereiten. Am frühen Morgen wurde Marschbefehl gegeben, wir fuhren auf die Minsker Chaussee und dort weiter in Richtung Hauptstadt. Eine konkrete Gefechtsaufgabe hatten wir nicht erhalten, aber mir war vorher mitgeteilt worden, dass mein Bataillon in Moskau das Hauptpostamt, das Zentrale Telegrafenamt und die Redaktion der Zeitung „Komsomolskaja prawda“ blockieren sollte.

An der Metrostation „1905 goda“, wo ich die Fahrzeugkolonne halten ließ, erwartete uns ein Vertreter der Stabsführung des Militärbezirks. Ich meldete ihm, wohin welche Kompanie beordert war. Unser motorisiertes Schützenbataillon bestand aus drei Kompanien. Eine sollte zum Hauptpostamt fahren, die zweite zur Redaktion und mit der dritten machte ich mich auf den Weg zum Zentralen Telegrafenamt. Der Stabsvertreter saß mit in meinem 145er Schützenpanzerwagen. Als wir in die Nähe der Metrostation „Majakowskaja“ kamen, sah ich eine riesige Menschenmenge auf der Gorki-Straße. Ich gab Befehl, den Abstand auf 50 Zentimeter zu verringern, damit die Fahrzeuge nicht voneinander abgeschnitten werden konnten. Die beiden „Ural“-Militärlastwagen mit der Munition für die Bewaffnung ließ ich in der Mitte fahren. Die Schützenpanzerwagen waren ebenfalls mit kompletten Kampfsätzen bestückt, ich hatte so viel Munition aus der Division mitgenommen, wie wir nur transportieren konnten.

Und dort, in der Nähe der Metrostation „Majakowskaja“, ist dann der Stabsvertreter verloren gegangen. Als er mitbekommt, was sich da zusammenbraut, springt er ab und läuft weg. Er ist einfach runtergesprungen und abgehauen. Ich habe ihn im Leben nie wieder gesehen, obwohl ich ihm bis heute gern ins Gesicht gespuckt hätte. Auf meine Anfrage beim Regimentskommandeur bekam ich nur zu hören: „Handele den Umständen entsprechend.“ Und rundum diese unüberschaubaren Menschenmassen.

Wir fuhren weiter in Richtung Telegrafenamt, aber ich hatte den Fehler gemacht, die Kanister mit dem Benzinvorrat für die Fahrzeuge am Aufbau des Schützenpanzerwagens anzuschnallen. Irgendjemand aus der Menge hat einen Kanister losgemacht. Der Mann kam mir betrunken vor, auf jeden Fall nicht ganz normal. Er hat den Kanister aufgeschraubt und meinen Schützenpanzerwagen mit Benzin begossen. Zwei Sekunden hätten genügt, um ein Streichholz anzureißen, dann wäre ein Unglück passiert. Ich sprang raus aus dem Schützenpanzerwagen und konnte den Burschen noch im Sprung mit den Füßen beiseite stoßen. Dann bin ich zurück in die Luke und die Jungs von der Aufklärungskompanie haben versucht, niemanden näher als zehn Meter an das Fahrzeug heranzulassen. Aber das hat uns größte Mühe gemacht. Wäre der Schützenpanzerwagen mit der Munition in Flammen aufgegangen, hätte es ein furchtbares „Feuerwerk“ und viele Opfer gegeben.

Es fällt mir schwer zu beschreiben, wie ich vom Majakowski-Platz zum Puschkin-Platz durchgekommen bin. Die Menschenmenge war unberechenbar, die Leute hatten keine Angst: sie haben sich direkt vor die Räder gelegt, sind auf die Fahrzeuge gesprungen. Vom Regimentskommandeur höre ich auf meine Anfrage wieder nur: „Entscheide je nach Situation.“

Auf dem Puschkin-Platz wurde mir klar, dass kein Durchkommen mehr war, die Leute standen dichtgedrängt, die ganze Straße bis zum Kreml hinunter. Ich beschloss, die Kolonne wenden zu lassen, zum Belorussischen Bahnhof zurückzufahren und zu versuchen, das Telegrafenamt über eine Parallelstraße zu erreichen. Aber in dem Moment ist die Menge im Siegestaumel außer Rand und Band geraten. Bei unserem Wendemanöver sind vier kräftige junge Kerle auf meinen Schützenpanzerwagen gesprungen, sie waren vielleicht bekifft oder einfach nur betrunken. Ich sage zu ihnen: „Schreit laut, wir würden abfahren in unser Winterquartier.“ Und sie haben tatsächlich gebrüllt, dass das Militär abzieht, die Leute sollten uns nicht anrühren und ruhig wenden lassen. Wir sind dann zurück zum Belorussischen Bahnhof und von dort aus über Parallelstraßen zum Zielabschnitt. In meiner Kolonne hatte ich neun Schützenpanzerwagen, die beiden „Ural“-Militärlastwagen mit der Munition, ein Fahrzeug für technische Hilfe und zwei Feldküchen. Auf der Höhe des Buchladens neben dem Künstlertheater MCHAT versperrte uns die Menge erneut den Weg. Nicht nur, dass sie uns nicht zum Telegrafenamt durchließen, es gab überhaupt kein Vorwärtskommen mehr. Aber ich hatte einen Befehl, und den musste ich ausführen. Plötzlich ist ein junger Mann mit einem Lautsprecher auf meinen Schützenpanzerwagen geklettert und hat geschrien: „Leute, Boris Jelzin bittet euch, sofort zum Weißen Haus zu kommen. Wer nur immer kann, setzt sich schleunigst in Bewegung. Das Weiße Haus soll gestürmt werden.“ Danach ist er runtergesprungen und losgelaufen. Und die Menschen, genauer gesagt: die Menge, die gar nicht so richtig versteht, was da vor sich geht, rennt hinterdrein. Der junge Mann hat uns den Weg freigemacht. Vielleicht war er extra für so etwas geschult oder von jemandem beauftragt worden, mir hat er jedenfalls mächtig geholfen. Wir haben uns sofort wieder in Bewegung gesetzt und sind bis an die Kreuzung zur Gorki-Straße herangefahren.

Den ganzen Tag sind dann wütende Leute um unseren Konvoi herumgelaufen und haben uns beschimpft. Ich hatte die Schützenpanzer in einer Kolonne Aufstellung nehmen lassen, mit Absperrungen davor und dahinter. Die Leute sind links und rechts vorbeigeströmt, niemand wurde von uns daran gehindert.

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An eines erinnere ich mich noch wie heute: Der bekannte Schauspieler Semjon Farada ist zu uns gekommen und hat mich in ein Cafe in der Nähe zum Teetrinken eingeladen. Wissen Sie, was ich verblüffend fand? Eigentlich wollte die Bevölkerung doch Demokratie, eine neue Regierung, aber die Leute waren uns gegenüber nicht feindselig, sie wollten uns helfen. Es gab viele derartige Fälle. Alte Frauen haben unseren Soldaten Essen gebracht, sie regelrecht gefüttert. Oft mussten die Soldaten sogar ablehnen, es waren einfach zu viele Torten und Süßigkeiten. Ich habe nur streng darauf geachtet, dass ihnen niemand Wodka zusteckt. Unangenehme Zwischenfälle hat es aber auch gegeben. Irgendwelche Leute haben die Soldaten getreten und versucht, sie zu provozieren.

Ich hatte Schießverbot erteilt. Selbst für den Fall, dass die Mannschaft in eine brenzlige Situation geraten sollte. Abends kamen drei erwachsene Männer in Autos und haben uns Geld angeboten. Die Herren waren sehr gut angezogen und hatten ausländische Autos, was damals noch eine Seltenheit war. Wir sollten in den besten Moskauer Hotels untergebracht werden, wenn wir uns ergeben oder zu Boris Jelzin überlaufen würden. Aber mein Befehlshaber war weder Boris Jelzin noch das Staatskomitee für den Ausnahmezustand. Ich hatte einen Befehl des Regimentskommandeurs auszuführen. Die Männer versuchten mich damit zu ködern, dass ein Panzerbataillon unserer Division Taman das Angebot schon angenommen hätte.

In der Nacht kamen viele Leute zu uns. Sie bedankten sich dafür, dass wir nicht eingreifen und uns nicht provozieren lassen. Das war manchmal gar nicht so leicht. Ich habe zum Beispiel von hinten einen Schlag mit einem Kugellager abgekriegt. Der Politstellvertreter der Kompanie hat dem jugendlichen Schläger gleich die Arme auf den Rücken gedreht, und dann sind urplötzlich aus einer Toreinfahrt Leute in Zivil aufgetaucht. Sie haben ihn verprügelt, auf die Fahrbahn der Gorki-Straße geworfen und einen Notarztwagen gerufen. Da ist mir klar geworden, dass nicht nur wir hier stehen.

Am nächsten Tag, dem 20. August, erhielt ich morgens Befehl, die Gorki-Straße zu blockieren. Unsere Fahrzeuge standen dicht an dicht, mit nur 50 Zentimeter Abstand, vielleicht sogar weniger, die Fahrbahn war vollständig abgesperrt. Gleich darauf kam die Meldung, dass sich vom Roten Platz her eine riesige Kolonne nähert. Der Befehl lautete: Auf keinen Fall durchlassen! Die Panzerwagen mit geraden Nummern habe ich so Aufstellung nehmen lassen, dass die geladenen Geschütze zum Roten Platz zeigten. Die Panzer mit ungeraden Nummern richteten sich zum Belorussischen Bahnhof aus. Dann kam die Fahrzeugkolonne der OMON-Spezialeinheiten. Sie waren bewaffnet und trugen Schutzschilde, vor den Schützenpanzerwagen blieben sie stehen, mit dem Gesicht zum Roten Platz. In meiner Nähe sah ich zwei Milizgeneräle. Aus dem Stab erhielt ich keinerlei Befehle mehr. Und viele, so viele Menschen kamen auf uns zu. Überraschend machten sich die OMON-Kräfte nach links und rechts davon. Mein Technikoffizier berichtete, dass die beiden Generäle, die sich in meiner Nähe aufgehalten hatten, in ein Auto gestiegen und rasend schnell weggefahren seien. Ich stand also ganz allein da. Und die Menschenmenge kam immer näher. Vielleicht 300 oder 400 Meter trennten die ersten Reihen der Demonstranten noch von unseren Fahrzeugen. Da habe ich zwei Schützenpanzerwagen aus der Mitte weggenommen und eine Gasse freigemacht, damit der Zug ohne anzuhalten weitermarschieren konnte. Die Demonstranten hielten eine endlos lange Fahne hoch. Als sie an mir vorbeikamen, dachte ich, dass das jetzt schon ernsthafte Leute waren, nicht mehr der jugendliche Mob. Von einigen bekamen wir zwar Schimpfworte zu hören, aber andere haben sich auch bedankt, weil wir ihnen den Weg freigegeben hatten. Es dauerte bestimmt an die vierzig Minuten, bis alle vorbeigezogen waren. Anschließend habe ich die Schützenpanzerwagen von der Gorki-Straße abgezogen und neben dem Künstlertheater MCHAT postiert. So ist der zweite Tag vergangen, danach kam der Abmarschbefehl.

Natürlich ist mir nicht alles im Gedächtnis geblieben. Aber solche himmelschreienden Fakten wie die Feigheit der Generäle, die Feigheit dieses Oberstleutnants aus dem Stab des Militärbezirks und dazu noch das Fehlen jeglicher Befehle von oben, das völlige Sich-selbst-überlassen-Sein, das vergisst man nicht.

Im Rückblick begreife ich, dass der entscheidende Punkt jener Augenblick war, als die Menschenmenge vom Roten Platz herangezogen kam. Hätte ich damals auch nur einen einzigen Schuss über die Köpfe der Menschen abgegeben …

Als wir in unsere Einheit zurückkamen, wurden wir natürlich zusammengenommen, es gab eine Auswertung mit Lob und Kritik. Wir hörten, dass wir richtig gehandelt, uns auf keinerlei Provokationen eingelassen hätten. Einfach Prachtkerle! Aber wie haben wir denn gehandelt? Wir mussten die Entscheidungen allein treffen, und ich denke, das gilt ebenso für die übrigen Bataillonskommandeure. Sicher hätten uns auch der Regimentskommandeur und der Divisionskommandeur keinerlei Befehle erteilen können, weil sie selbst nichts wussten. Und das, obwohl sie natürlich über mehr Informationen verfügten als wir. 

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst in der Zeitschrift Ogonjok.

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