Faszinierendes Kamtschatka

Kamtschatka. Foto: Irina Dalezkaja

Kamtschatka. Foto: Irina Dalezkaja

Irina Dalezkaja ist berühmt für ihre fesselnden Naturaufnahmen. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert gilt ihre Liebe der außergewöhnlichen Halbinsel am östlichen Ende Russlands. Die Audioslideshow am Ende nicht übersehen!

„Kamtschatka habe ich mir nicht ausgesucht, sondern ich bin Kamtschatka regelrecht verfallen. Mein Leben hat nur noch einen Sinn, nämlich auch anderen Menschen diese überwältigende und grandiose Region nahezubringen“. So beschreibt Irina Dalezkaja ihr Verhältnis zu den Naturschönheiten Kamtschatkas und ihrer Mission als Fotografin. Dalezkaja ist eine charmante, elegante Frau, die man sich nur schwer in den rauen, unwirtlichen Weiten des Nordens, in Schneestürmen und bei klirrendem Frost vorstellen kann.

Was mag Dalezkaja gefesselt haben? Von Europa gesehen am anderen Ende der Welt, eine halbe Erdumdrehung und zehn Zeitzonen entfernt, ragt am Ostrand des asiatischen Kontinents eine der faszinierendsten Gegenden der Welt in den Pazifik - Kamtschatka, die Insel aus Feuer und Eis. Gewaltige Berge, wie der 4.750 m hohe Kljutschewskaja Sopka, einer der höchsten aktiven Vulkane der Nordhalbkugel, bestimmen das Landschaftsbild. Mit 30 aktiven Vulkanen ist die Halbinsel, die wegen ihrer schieren Größe und ihrer nur schmalen und unzugänglichen Anbindung an den Kontinent wie eine autonome Insel wirkt, der aktivste Teil des sogenannten Pazifischen Feuerrings. Dort finden sich geologische Sensationen, vom Menschen unberührte Landstriche sowie vielfältige Landschaftstypen und Ökosysteme: Ewiges Eis, Gletscher, Steinbirken-, Nadel- und Auwälder, Hochstauden- und Almwiesen, Moore, Gebirgstundren, Kraterseen, Wasserfälle, Thermalquellen und Geysire. Die endlose Küste aus felsiger Steilküste an der Ostseite oder flachen Stränden aus Steinen, Sand oder schwarzer Asche an der Westküste bietet Lebensraum für Seelöwen, Walrösser, Wale, Seevögel, darunter den Seeadler, und für eine Vielzahl von Fischen und Schalentieren. Im Landesinneren ist der Kamtschatka-Braunbär zu Hause, dessen größte Individuen bis zu 600 Kilogramm auf die Waage bringen. Ihre Lieblingsspeise ist der Lachs, der sich in den klaren Gewässern tummelt.

„Eine Gegend wie das urtümliche Kamtschatka gibt es kein zweites Mal," schwärmt Irina Dalezkaja, "ich denke, als das Leben auf der Erde entstand, sah unser gesamter Planet so aus. Ganz Kamtschatka ist eine Art Freilichtmuseum, und die meisten exponierten Gegenden sind nur mit größter Mühe und nur mit einem Hubschrauber zu erreichen.“

Bereits als Geologie-Studentin an der Kiewer Universität träumte Irina von Kamtschatka. „Auf den wenigen Fotos von Kamtschatka, die ich seinerzeit zu sehen bekam, hat mich dieses fantastische Stückchen Erde gleich fasziniert. Kamtschatka wurde zu meinem einzigen Ziel, das mich geradezu magisch anzog.“ Doch damals war das ein aberwitziges Vorhaben. Die Halbinsel war während der Zeit der UdSSR militärisches Sperrgebiet, vor der Küste ankerten die Atom-U-Boote der Pazifikflotte. Doch nachdem die Fotografin bei einer Polar-Expedition zum ersten Mal eine nennenswerte Summe verdient hatte, machte sie sich auf zum Ziel ihrer Träume.

Auf der Reise nach dem Fernen Osten lernte Irina den Vulkanologen Dr. Alexander Swjatlowski kennen. Sie zeigte ihm ihre schnörkellosen Naturfotos, worauf er das außergewöhnliche Talent der jungen Geologin erkannte. Er bot ihr einen Platz als Fotografin in seinem Expeditionsteam an. Ihre Aufgabe sollte es werden, die die Schönheiten der Natur für den Bildband „Die aktiven Vulkane Kamtschatkas“ zusammenzutragen. Im Rahmen dieses Projekts kam Irina Dalezkaja auch mit Vadim Gippenreiter zusammen. Er, im Revolutionsjahr 1917 in Moskau geboren, galt als Nestor der modernen Natur- und Landschaftsfotografie in Russland und war Gründer der Russischen Schule für Künstlerische Landschaftsfotografie.  „Gippenreiter und ich fotografierten dieselben Motive, von ein und demselben Hubschrauber aus, und für mich galt die Maxime, meine eigene, unverwechselbare fotokünstlerische Handschrift zu entwickeln. Es war außerordentlich schwer, einen Meister seines Fachs neben sich zu fühlen und trotzdem dasselbe Motiv unter meinem eigenen Blickwinkel abzulichten.“

Doch die Dalezkaja zeigte sich dieser Herausforderung gewachsen. „Ich glaube, dass Irina gerade damals bei ihren ersten Kamtschatka-Aufnahmen ihren persönlichen Stil gefunden hat“, urteilt ihr Fotografen-Kollege Wladimir Sykow heute. „Sie hat ein meisterliches Gespür dafür, den richtigen Fokus zu finden. Und dabei kann sie auch noch sehr originell sein.“

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Das Fotografieren in schwer zugänglicher Natur und urwüchsiger Wildnis erfordert seine eigene Herangehensweise, erklärt Irina Dalezkaja. „Manchmal erfordert eine einzige Aufnahme mehrere Jahre Arbeit und viele, viele Hubschraubereinsätze. Gelingt es nicht im ersten Anlauf, die geplante Szene umzusetzen, muss man im nächsten Jahr einen neuer Anlauf versuchen.“

„Beispielsweise gelang es mit 2008 endlich, den einzigartigen Moment des Ausbruchs des Karymski-Vulkans zu erwischen. Dabei hatte ich schon jahrelang versucht, einen Ausbruch abzupassen. Doch immer war das Warten vergeblich, oder ich kam nicht rechtzeitig.  Auch 2008 war der Karymski zunächst fünf Monate völlig ruhig. Doch dann war es soweit: Ich hatte bereits einen anstrengenden Arbeitstag hinter mir und stieg mit einem 20-Kilo-Rucksack auf dem Rücken bei Minustemperaturen und starkem Wind den Berg hinauf. Dann fing das Warten an. Ich harrte die ganze Nacht in der Dunkelheit aus, die Fotoausrüstung ständig im Anschlag und durfte den Vulkan keine Sekunde aus den Augen lassen, immer in der Hoffnung, seinen Ausbruch hautnah zu erleben. Genauso gut konnte der Karymski aber auch nicht ausbrechen. Doch dann wurde das lange Warten belohnt. Um vier Uhr morgens nahm das Grummeln des Vulkans immer mehr zu, und dann passierte es: Eine gewaltige Explosion erhellte den Himmel. Ich badete in der grandiosen, farbenprächtigen Eruption mit ihren grellen Blitzen, die durch die Reibung der Aschepartikel entstanden. Doch die ganze Wucht dauerte nur eine Minute, und das Schauspiel war dann schon wieder vorbei. Am nächsten Tag verstummte der Karymski ganz und schwieg wieder für lange Zeit.“

Von jeder ihrer Foto-Exkursionen bringt Irina Dalezkaja drei bis vier derartige spektakuläre und einzigartige Aufnahmen mit, die ihre Entstehung dem gleichzeitigen Zusammentreffen vieler natürlicher Gegebenheiten verdanken, als dass sie sich wiederholen könnten - geschweige denn aufgenommen werden könnten. „Meine Fotos sind keine Wunder der Optik oder der Computertechnik. Sondern sie sind Ergebnis einer organischen Verbindung von einzigartigen Objekten und Naturerscheinungen, die die außergewöhnliche Atmosphäre Kamtschatkas aufgreifen. Was mir die Natur selbst vor die Füße legt, übertrifft oft alle meine Träume und Konzepte“, offenbart die Fotografin.

Während ihrer zahlreichen Foto-Expeditionen auf die Halbinsel Kamtschatka hat die Dalezkaja eine genaue Vorstellung davon, wie sie das Naturparadies vermitteln möchte. „Ein Bildband muss aus spektakulären, nie gesehenen Bildern bestehen, nur das macht neugierig auf die Naturschönheiten und geografischen Sensationen.“

Wo andere Fotografen großes Geld bei renommierten Agenturen verdienen, zählt bei der russischen Fotografin nur der eigene künstlerische Anspruch, dem sie alles, auch Geld und Ehre unterordnet. So bekam sie während der Perestroika-Zeit ein Angebot, ihre Arbeiten der renommierten Fotoagentur Corbis abzutreten. Ein sicherlich lukratives Angebot. Doch sie lehnte ab, obwohl sie das Geld gut hätte gebrauchen können. Ihre künstlerische Freiheit und die Gewissheit, dass ihre Aufnahmen einen exklusiven Schatz darstellen, ließen sie das Angebot ablehnen.

Sie zuckt die Schultern: „Ich bezahle dafür, dass ich arbeiten kann, nicht umgekehrt. Mögen andere Geld scheffeln und es für Autos, Häuser oder Kreuzfahrten ausgeben, ich kann nicht anders, als meine Mittel in die Realisierung des nächsten Kamtschatka-Projekts zu investieren. Ich habe mein Leben dem Kleinod an der Pazifikküste gewidmet und wünsche mir, dass ich auch andere davon begeistern kann. Denn Kamtschatka ist weltweit einzigartig.“