Ein deutscher Agrarier in Russland

Foto: Kommersant

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Die russisch-deutsche Agrarholding Ekoniva ist heute eines der größten Landwirtschaftsunternehmen Russlands. Gegründet wurde das Unternehmen 1996 vom Odenwälder Stefan Dürr – doch die Ursprünge reichen zurück in die Zeit der Perestroika.

Der Großunternehmer Stefan Dürr trägt nur in Ausnahmefällen Anzug und Krawatte. Als echter Bauer mag er es lieber leger. Dabei bewirtschaftet sein Unternehmen Ekoniva in sechs russischen Verwaltungsgebieten 145.000 Hektar Bodenfläche und beschäftigt über 2.500 Mitarbeiter. „Im NORDBAYERN KURIER habe ich gelesen, dass der Präsident des Bayerischen Bauernverbandes bei einem Besuch in der UdSSR den Austausch von Studenten zwischen deutschen und russischen Agrarhochschulen angeregt hat“, erinnert sich Dürr bei der Besichtigung einer seiner drei Milchviehanlagen im Gebiet Woronesch an die Anfänge im fernen Jahr 1989.

„Ich war damals Mitglied in der Bayerischen Jungbauernschaft, also habe ich den Verbandschef angerufen und mich erkundigt, ob ich in die Sowjetunion fahren könnte. Ein halbes Jahr später kam dann ein Brief vom Deutschen Bauernverband, in dem es hieß, 1989 stünden in der Sowjetunion zwei Plätze für Agrarpraktikanten aus der Bundesrepublik zur Verfügung.“

Dieses Schreiben und das Jahr 1989 sollten Stefan Dürrs Leben eine entscheidende Wendung geben. Viele konnten Dürrs Entschluss, nach Russland zu gehen, um ein halbes Jahr in Kolchosen bei Moskau und in der Nähe von Kursk mit anzupacken, nicht nachvollziehen. „Damals wusste niemand so richtig etwas über die UdSSR, es gab die finstersten Vorstellungen. Aber es war die Zeit der Perestroika, Gorbatschow genoss fast Kultstatus in Deutschland, mit ihm hat man die Hoffnung auf tiefgreifende Veränderungen verbunden“, erklärt Dürr.

Befragt nach seiner Meinung über das damalige Niveau der sowjetischen Landwirtschaft, meint der Unternehmer rückblickend, es sei gar nicht so schlecht gewesen. Den größten Eindruck aber machten seinerzeit auf den Praktikanten die Dimensionen der landwirtschaftlichen Nutzflächen. „In Deutschland habe ich im größten bäuerlichen Betrieb der ganzen Gegend gelernt. Der bewirtschaftete 100 Hektar Fläche, das größte Feld hatte 12 Hektar. Als ich dann in Russland bei einer Ackerbau-Kolchose gelandet bin, hat der Direktor zu mir gesagt: ‚Komm, wir säen mal eine kleine Parzelle ein.‘ 50 Hektar – eine kleine Parzelle!“ Wenn die Landwirtschaft eine Zukunft hat, dann hier. Mit diesem Gedanken im Kopf reiste Stefan Dürr ein zweites Mal gen Osten – nun bereits in den frühen 1990er Jahren und in die Russische Föderation.

Für die Landwirtschaft in Russland waren das sehr schwere Jahre. Der Staat leistete keinerlei Unterstützung, alles, was der Zusammenbruch der Sowjetunion übriggelassen hatte, war zerstört. Allenthalben herrschte die Auffassung, es sei vorteilhafter, Gas zu verkaufen und für die Erlöse Lebensmittel aus dem Ausland einzuführen. „Erst ab dem Jahr 2000 gab es einigermaßen verlässliche Regeln“, erinnert sich Stefan Dürr. „Da hat der Staat die Landwirtschaft wieder in den Blick genommen und der Agrarsektor ist Schritt für Schritt vorangekommen. Seit 2005 spüren wir die Unterstützung besonders deutlich. Jetzt kann man in Russland erfolgreich arbeiten, auch ohne Korruption. Obwohl sicher nicht alle meine Meinung teilen.“

Mit den Besonderheiten der russischen Unternehmenspraxis hat sich Stefan Dürr gründlich auseinandergesetzt. Es verwundert ihn nicht mehr, dass im Unterschied zum Westen, wo ein Geschäft gut ist, wenn beide Seiten gewinnen, in Russland noch immer eine Seite gewinnen und die andere verlieren muss. „Begriffe wie ‚win-win‘ entwickeln sich in Russland erst“, resümiert der Agrarpionier. „Es gibt auch einen großen Unterschied in Bezug darauf, wie die Mitarbeiter ihre Pflichten erfüllen. Trägt man einem Deutschen etwas auf, führt er es genau so aus, wie man es ihm gesagt hat. Ein Russe macht dagegen immer irgendetwas auf seine eigene Weise. Aber es gibt auch positive Momente in der russischen Art der Geschäftsabwicklung. Tritt ein schwieriges Problem auf, kapituliert der Westler. Russen finden selbst aus scheinbar hoffnungslosen Situationen einen Ausweg.“

„Deutsch-russische Beziehungen fördern“

Stefan Dürr ist erst der zweite Ausländer, den das Landwirtschaftsministerium der Russischen Föderation 2004 mit der Medaille „Für den Beitrag zur Entwicklung des Agrarindustrie-Komplexes in Russland“ ehrte. Außerdem erhielt er 2007 den Pjotr-Stolypin-Nationalpreis „Die Agrarelite Russlands“ und nahm im Oktober 2009 aus der Hand des deutschen Botschafters das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland entgegen. Diese Auszeichnungen sind für Dürr Anerkennung und Ansporn zugleich. „Im Westen hat Russland kein besonders gutes Image. Ich muss mich in Deutschland mit vielen Leuten auseinandersetzen, weil ich sie überzeugen möchte: In Russland ist nicht alles so schlecht ist, wie es Einige gern zeigen. Die Auszeichnung belegt, dass meine Einstellung zu Russland und die russisch-deutschen Beziehungen, für die ich mich stark mache, in Deutschland anerkannt werden.“

Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern beschäftigen Stefan Dürr heute noch genauso intensiv wie vor zwanzig Jahren. Russland und Deutschland verbinden gemeinsame Interessen, deshalb würde eine Aufhebung der Visapflicht Etliches erleichtern, meint der Unternehmer.

„Deutschland ist heute der weltweit größte Käse-Exporteur. Und der größte Markt für Deutschland ist Russland. Andererseits behindert der Import die Entwicklung der einheimischen Milchproduktion. Ich kann beide Seiten verstehen. Deutsche Exporte von Spitzenkäse schaden wahrscheinlich nicht, denn solche Sorten werden in Russland nicht hergestellt. Aber ein Dumping der deutschen Seite mit billiger Butter und Milchpulver ist schädlich. Ich glaube, diese Probleme lassen sich ohne Benachteiligung einer Seite und zum wechselseitigen Vorteil lösen durch einen Dialog beider Verbände der Milchproduzenten. Vertreten die Verbände abgestimmte Positionen wie jetzt im Falle von Russland und Belarus, erleichtert das auch die Entscheidungsfindung auf Regierungsebene.“ Die ideale Lösung des Problems sieht Stefan Dürr darin, dass Deutschland den Export billiger Milchprodukte einschränkt und Russland im Gegenzug die Einfuhrzölle senkt.

Verfälschte, manipulierte Lebensmittel und Milchaustauschstoffe schaden beiden Seiten, besonders aber dem russischen Milchsektor. „Solange in Russland als ‚Rahmbutter‘ ein Erzeugnis verkauft wird, das zur Hälfte aus Palmöl besteht, dürfte es redlichen Produzenten in jedem Land schwerfallen, mit einer solchen Ware zu konkurrieren“, erklärt Stefan Dürr. „Deshalb ist strenge Kontrolle notwendig, um das Image der Milchprodukte zu verbessern und den Konsum von Milcherzeugnissen zu steigern.“ 

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