Weniger Brände, weniger Opfer

Erste Waldbegehung Mitte August in Taldom, 130 Kilometer nördlich von Moskau. Foto: Aleksey Grigoryev

Erste Waldbegehung Mitte August in Taldom, 130 Kilometer nördlich von Moskau. Foto: Aleksey Grigoryev

In Russland brennt es jedes Jahr, denn Russland ist das größte Land der Welt. Es hat eine Fläche von 17 Millionen Quadratkilometern und damit 48 Mal die Fläche Deutschlands. Damit es in Zukunft zu weniger Wald- und Torfbränden kommt, soll eine deutsche Stiftung mit ihrer Expertise helfen.
Sebastian Schmidt Sebastian Schmidt. Foto: privat

Sebastian Schmidt ist ein schlanker, sympathischer Mittdreißiger – seine blauen Augen interessiert, seine Hände zupackend. Sebastian Schmidt leitet seit drei Jahren die Greifswalder Michael-Succow-Stiftung und kommt in diesen Wochen immer wieder nach Russland, um sein Know-How an die Russen weiterzugeben. „Ich war schon oft in Russland“, sagt er, „aber das jetzige Projekt hat natürlich eine neue Dimension“. Das jetzige Projekt, das sind 41.000 Hektar, die „wiedervernässt“ werden sollen. „Wiedervernässen“ ist ein Fachbegriff, der aus der Biologie kommt und meint, dass man trockengelegte Moore wieder feucht macht – damit es künftig nicht mehr zu so verheerenden Torfbränden kommt wie im vergangenen Jahr.

2010 herrschte in Russland Juni bis August die größte Hitze seit Beginn der Wetteraufzeichnung vor 130 Jahren. Da es im Moskauer Umland besonders viel Torf gibt und Torf besonders gut brennt, drangen die Brände bis kurz vor Moskau durch. Die Bilder vom beißenden Smog rund um die bekannte Basilius-Kathedrale mit den bunten Zwiebeltürmen gingen um die Welt. Die Brände forderten Dutzende Todesopfer, tausende Menschen wurden obdachlos. Der volkswirtschaftliche Schaden wird auf mehr als 200 Milliarden Euro geschätzt.

In diesem Jahr ging es im Mai mit den ersten großen Bränden los, und zwar in Sibirien. Später brannte es auch in Archangelsk, Karelien, Komi, Rostow und Wolgograd. Aber die Brände fielen nicht so dramatisch aus wie im vergangenen Jahr, als ein Drittel der Ernte auf den Feldern verglühte. Die russische Regierung reagierte und schob das Projekt zur Wiedervernässung der trockengelegten Moore an. Beim Petersburger Dialog in Hannover wurden die ersten Verträge unterschrieben. Mitte August fand die erste Projektbesprechung zwischen Deutschen, Russen, Kanadiern und Holländern statt. Sebastian Schmidt sagt: „Die Stimmung im Team ist wirklich gut. Alle sind leidenschaftliche Naturschützer, die das Projekt aus dem Antrieb heraus machen Landschaften zu schützen und zu restaurieren – es ist eine konstruktive, professionelle und aber auch lockere Arbeitsatmosphäre“.

Bei der ersten Waldbegehung in Taldom, 130 Kilometer nördlich von Moskau, hat sich Schmidt Mitte August ein erstes Bild von der Lage gemacht und stellte fest: Der Boden ist staubtrocken. Inmitten von hohen Gräsern wuchern Moose. Darunter befindet sich der schwarze Torf. Als Vorstufe zur Kohle wurde Torf in der Sowjetzeit als Brennmaterial verwendet, weil er lange nachglimmt. So kommt es nicht selten vor, dass die Torfbrände oberflächlich gelöscht zu sein scheinen, aber es Meter unter der Oberfläche weiter brennt und damit unaufhörlich Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre gelangt. Genau das macht den Torf unkontrollierbar – und damit so gefährlich.

„Es gibt von russischer Seite deutliches Interesse dieses Problem anzugehen“, erklärt Sebastian Schmidt, „deshalb waren die Brände aus ökologischer Sicht, so makaber es klingen mag, günstig, weil sie zu einem grundlegenden Verständnis des Problems geführt haben.“ In Weißrussland werden derzeit sogar neue Torfheizwerke gebaut, weil das Land über keine anderen Ressourcen verfügt. Russland – reich an Öl und Gas – ist auf brennbaren Torf zur Energiegewinnung schon lange nicht mehr angewiesen. Im Moskauer Umland sollen deshalb in den nächsten vier Jahren ehemalige Moore mit einer Fläche von 30.000 Hektar wieder sumpfig werden. Weitere 11.000 Hektar werden noch hinzukommen, allerdings nicht in Moskau sondern irgendwo sonst in Russland. Wo ist noch unklar. Unterstützt wird das Projekt von deutscher Seite mit fünf Millionen Euro vom Bundesumweltministerium.

Die internationale Gruppe auf ihrem Streifzug durch die Moskauer Wälder. Foto: Aleksey Grigoryev

Die Planungen sehen vor, dass im nächsten Schritt die einst geschlagene Schneisen und Kanäle wieder zugeschüttet werden. Dadurch soll der Regen nicht mehr abfließen und auf den Feldern bleiben – und dafür sorgen, dass es in Zukunft feuchter ist und weniger brennt. Momentan sind die Projektverantwortlichen vor allem damit beschäftigt zu klären, wem welche Flächen gehören. Und welche Flächen sich überhaupt für eine Wiedervernässung eignen. Denn es gibt in diesem Riesengebiet von 41.000 Hektar sowohl private als auch staatliche Flächen und die Zuständigkeiten jeweils herauszufinden, kostet Zeit und nicht selten auch Nerven. Trotzdem lässt sich Sebastian Schmidt davon nicht entmutigen. Im Oktober ist der offizielle Start des Projekts geplant. Bis dahin wird er sich noch einige Male mit den Moskauer Behörden und ihrer gefürchteten Bürokratie herumschlagen müssen. „Macht nix“, sagt er keck, „schließlich wissen wir warum wir es machen – nämlich zum Schutz der Natur, und der ist jede Mühe wert“.

Die Greifswalder Michael-Succow-Stiftung

Die Greifswalder Michael-Succow-Stiftung hat neben Russland auch Projekte in Weißrussland, der Ukraine, Aserbaidschan, Turkmenistan und Deutschland. 1999 hat sie der Namensgeber Michael Succow mit fünf Mitarbeitern gegründet. Der heutige Geschäftsführer Sebastian Schmidt, 34, hat bei Succow in Greifswald Landschaftsökologie und Naturschutz studiert und als wissenschaftlicher Mitarbeiter angefangen. Inzwischen ist er mit 18 Mitarbeitern Succows engster Vertrauter. Beim aktuellen Projekt in Russland geht es vor allem darum Expertise weiterzugeben, aber auch russische Mitarbeiter auszubilden und die Ergebnisse zu dokumentieren. Mehr Informationen unter: http://www.succow-stiftung.de/

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