Unterirdische Spiegelbilder

Von unterirdischen Palästen für das Volk träumten die Sowjets. 80 Jahre nach Baubeginn besitzt die Moskauer Metro 182 Stationen und ist ein Museum der russischen Geschichte.

In fünf bis achtzig Meter tiefen Stationen lässt sich die fast achtzigjährige Geschichte des Staates mit eigenen Augen verfolgen - die in Marmor, Granit, Eisen und Glas enthaltenen Geschmäcker, Ideen, Träume, Hoffnungen und Enttäuschungen von früheren Generationen und von Zeitgenossen.

Mit dem Bau der Moskauer Metro wurde erst 1931 begonnen, obwohl die ersten Projekte der Ingenieure Pjotr Balinskij und Jewgenij Knorre bereits 1902 der Moskauer Stadt-Duma vorlagen. Die Duma konnte dem Vorschlag der Ingenieure allerdings nichts Positives abgewinnen – schließlich wohnte die reiche Bourgeoisie im Zentrum und benutzte die überfüllten Straßenbahnen überhaupt nicht, weshalb die Bürokraten damals den Beschluss fassten, „das Projekt der Herren Knorre und Balinskij abzulehnen“. Im Laufe der nächsten 30 Jahre wurden mindestens fünf weitere Projekte für eine Moskauer Metro aus unterschiedlichen Gründen verworfen.

Am 15. Mai 1935 wurde die Moskauer Metro schließlich in Betrieb genommen: Die ersten Passagiere betraten die Rolltreppen und nahmen auf den weichen Sitzen der neuen Waggons Platz (in den Straßenbahnen gab es nur Holzbänke).  Die erste Metrolinie verlief zwischen den Stationen „Sokolniki“ und „Dworez Sowjetow“ (inzwischen „Kropotkinskaja“) – sie hatte eine Länge von 11 km und bestand aus 13 Stationen. Mittlerweile verfügt die Moskauer Metro über mehr als 300 Schienenkilometer, 12 verschiedene Linien und 182 Stationen.

In den ersten zwanzig Jahren war die Metro nach Lasar Kaganowitsch, „dem eisernen Volkskommissar“ und Stalins rechter Hand benannt, der den Bau des ersten Metroabschnitts geleitet hatte. 1955 wurde die Metro zu Ehren von Wladimir Lenin umbenannt. Und obwohl sich der politische Kurs Russlands geändert hat, finden sich Darstellungen des „Führers“ auch heute noch in über zehn Stationen. Es kann als schlechter Scherz des Schicksals angesehen werden, dass ausgerechnet in der Station „Zarizyno“ (die bis 1990 „Lenino“ hieß) Lenin, auf dessen Befehl die Zarenfamilie erschossen wurde, en face und im Profil dargestellt ist. Abbildungen von Stalin gibt es in der Moskauer Metro heute nicht mehr. Ende der 40-er Jahre war er dort als Symbol des Sieges im zweiten Weltkrieg stark vertreten. Doch nach Stalins Tod 1953 und der Entlarvung des Personenkults  wurden Darstellungen seiner Person nach und nach aus den Metrostationen entfernt.

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„Paläste für das Volk“

„Die Entwicklungswege unserer Architektur über und unter der Erde verliefen absolut identisch. Alles, was über der Erde passierte, fand auch unter der Erde seinen Niederschlag. Es verlief niemals einseitig – gute Architektur unten und schlechte oben“, erklärt der Chefarchitekt der Moskauer Metro Nikolaj Schumakow. „Die ersten Metrostationen, die bis Mitte der fünfziger Jahre entstanden, sind reiche „Paläste für das Volk“, große Architektur für einen großen Staat. Bisweilen hört man, die Metro habe unweigerlich mit Marmor, Stuck, Kobaltglas und teurem Stahl aus der Luftfahrtindustrie ausgestattet werden müssen, da das Land einfach nicht in der Lage war, innerhalb kürzester Zeit eine derart große Anzahl von Fliesen für Tausende von Quadratmetern herzustellen. Kunsthistoriker bestehen jedoch darauf, dass die reich geschmückte Metro ein bewusster Schritt der Ideologen war – eben eine der Möglichkeiten, das junge Land der Sowjets zu rühmen.


Panorama von „Elektrozawodskaja“ Station

Beispiele für die unterirdische Architektur der ersten Periode sind die in der Zeit von 1937 bis 1955 erbauten Metrostationen, die allesamt besondere Aufmerksamkeit verdienen. So muss man sich in den Stationen „Majakowskaja“ und „Nowokusnezkaja“ unbedingt die Decken mit Mosaiken nach Entwürfen des Künstlers Alexander Dejneka ansehen. Sie sind das Werk des bekannten Mosaikkünstlers Wladimir Frolow, von dem auch die Mosaikikonen in der St. Petersburger Auferstehungskirche stammen. In der Station „Ploschtschad Revoljuzii“ muss man unter 76 Bronzeskulpturen von Arbeitern, Soldaten, Bauern, Studenten und anderen Sowjetbürgern eine Grenzsoldatin mit Hund ausfindig machen und ihre Nase reiben – das soll Erfolg bringen.


Panorama von „Park Pobedy“ Station

Die gute Zeit der Architektur (sowohl unter als auch über der Erde) endete 1955 mit dem Erlass der Partei „Über die Beseitigung von Ausschweifungen bei der Planung und beim Bau“. Unter der Losung „Kilometer statt Architektur“ entstanden einheitliche, langweilige Stationen – ohne Stuck, Mosaiken, Säulen und ohne sonstige „durch nichts zu rechtfertigende“ Elemente.

Mosaiken der Moskauer Metro. Foto: Aleksandr Ganjuschin

Und auch über der Erde wurde das Stadtbild nun geprägt von gleichförmigen, charakterlosen, fünfstöckigen Häusern, im Volksmund „Chruschtschowki“ genannt – zu Ehren des damaligen Staatsoberhauptes Nikita Chruschtschow. Wenn man sich einen Eindruck von der Architektur dieser Zeit verschaffen möchte, braucht man sich nur einige Stationen aus den 60er bis 80er Jahren anzusehen – im Zentrum sind dies z.B. die Stationen „Twerskaja“, „Kitaj-Gorod“ und „Kolomenskaja“.

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Wiedergeburt der Moskauer Metro

Die neue, dritte Etappe beim Metrobau, die man als „Wiedergeburt“ bezeichnen könnte, setzte mit dem Umbau der Station „Worobjowy Gory“ (2002) ein. Wenn man hier aus dem Zug steigt, hat man eine ausgezeichnete Aussicht auf den Fluss Moskwa, das Sportstadion Luschniki und das Gebäude der Akademie der Wissenschaften. Bei der Planung der Station wurde erneut auf den Architekturkanon der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückgegriffen, und bei der  Ausgestaltung der Stationen wurden auch wieder Künstler herangezogen. So entstanden in den Stationen „Sretenskij Bulvar“ Silhouetten von Puschkin, Gogol, Timirjasew sowie eine Moskauer Stadtansicht; ein schwarz-weißes Wandbild mit den Helden der Romane „Der Idiot“, „Die Dämonen“, „Schuld und Sühne“ und „Die Brüder Karamasow“ in der Station „Dostojewskaja“ sowie pastorale Landschaftsmosaiken in der Station „Marina Roschtscha“.

In den kommenden zehn Jahren soll die Moskauer Metro den Fahrgästen näher gebracht werden, und zwar nicht nur durch weitere 120 km im Moskauer Untergrund. „Wir wollen die Metrostationen so gut es geht entkleiden“, erläutert Nikolaj Schumakow. „Wir werden versuchen, den Menschen die Konstruktionen möglichst vollständig zu zeigen – schließlich sind die Materialien Eisen und Beton, aus denen die Stationen bestehen, sehr schön.“ 

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