Muttergeld und Land für einen reichen Kindersegen

Auch in Russland prägen alleinerziehende Mütter immer häufiger das Straßenbild. Foto: Photoxpress

Auch in Russland prägen alleinerziehende Mütter immer häufiger das Straßenbild. Foto: Photoxpress

Mit dem „Muttergeld“ versucht der Staat, die Geburtenrate zu erhöhen. Aber viele machen lieber Karriere. Und bei der Zahl der Abtreibungen hält das Land einen traurigen Weltrekord.

Mutterglück muss nicht immer das Höchste der Gefühle für eine Frau sein. Schon im sowjetischen Film „Warten wir noch bis Montag“ sagt die Schülerin Nadja im Unterricht, für sie bestehe das größte Glück darin, einmal Mutter von vier Kindern zu werden. Diese Aussage versetzt ihre Lehrerin, eine unerschütterliche Verfechterin der Sowjetideologie, in Rage, weil eine rechtschaffene Genossin ihre Erfüllung gefälligst in der Arbeit und im Aufbau des Kommunismus zu finden habe.

Inzwischen ist der Film über vierzig Jahre alt; das Land hat sich radikal verändert und mit ihm auch der Lebensstil der Menschen. Doch noch immer treffen Mütter mit vielen Kindern auf Lächeln und Ablehnung. Und das, obwohl die Geburtenraten dramatisch sinken und staatliche Programme und Anreize dem entgegenwirken sollen.

Individualismus statt Kind

Maria Ipatowa, 25, hat zwei Söhne und denkt mit ihrem Mann über ein drittes Kind nach. „Mein älterer Sohn war nach der Geburt sehr schwach, und die Ärzte meinten, er würde vielleicht nicht überleben. Deshalb wollen wir viele Kinder. Ein Einzelkind wird zum Egoisten, zwei Kinder sind Rivalen, und erst drei Kinder bilden eine Familie“, erläutert Maria Ipatowa ihr Weltbild.

Allerdings teilen nicht viele diese Meinung. Jahr für Jahr gibt es weniger

Anzahl der Kinder: „Wie viele Kinder haben Sie?“

Anzahl der Kinder

Familien, die sich für Kinder entscheiden. Lediglich drei Prozent aller Paare haben mehr als zwei Kinder, aber 48 Prozent, fast die Hälfte aller Paare, überhaupt keine. Hauptgründe sind die finanzielle und zeitliche Belastung, die Kinder auf die Eltern ausüben.

Der Trend zum Ausleben des Individualismus verschiebt Heirats- und Geburtstermine zu höheren Altersjahrgängen. Manche heiraten gar nicht, und viele verzichten auf Kinder. Dieser Trend hat auch das moderne Russland erfasst.

Die Moskauerin Anna Kuleschowa, 30-jährige Mutter von drei Töchtern, berichtet: „Ich komme aus der Plattenbausiedlung Tschertanowo. In unserer Nachbarschaft gibt es viele Familien mit Kindern. Wir unterstützen uns gegenseitig. Doch außerhalb unseres Zirkels wirft man uns vor, dass wir uns überall vordrängen, faul sind und Kinder in die Welt setzen, um davon zu leben und nicht arbeiten zu müssen.“ Kuleschowa ist promovierte Sozialwissenschaftlerin und ging schon wieder arbeiten, als ihre jüngste Tochter drei Monate alt war.

Wiktoria Jakowlewa ist 34 Jahre alt, seit fünf Jahren verheiratet - und kinderlos. „Mein Mann und ich haben einen Kredit für eine Wohnung aufgenommen“, begründet Jakowlewa ihre Kinderabstinenz. „Wir müssen die Hypothek abbezahlen und viel arbeiten. Ich möchte kein Kind in die Welt setzen, das von einer Tagesmutter aufgezogen wird und seine Mutter nur am Abend sieht. Doch leider ist es in unserer Gesellschaft sehr schwierig, gleichzeitig arbeiten zu gehen und Mutter zu sein“, erklärt sie weiter.

Drei von vier Ehen scheitern

Zwar gibt es keine Daten über Scheidungen bei kinderreichen Familien,

Scheidungen: „Nach wie vielen Jahren gemeinsamer Ehe haben Sie sich getrennt?“ (Quelle: Rosstat)

Scheidungen

doch die Statistik zeigt, dass jährlich rund eine Million Ehen in Russland geschlossen und 700 000 Paare geschieden werden, also fast drei von vier Ehen scheitern. Zum Vergleich: In Deutschland ließen sich 2009 etwa 191 000 Paare scheiden, allerdings heirateten auch nur 376 000. 

Psychologen und Soziologen schlagen schon seit Langem Alarm und sprechen von einer „Krise“ oder sogar der „Abschaffung“ der Institution Familie. Dabei geht es nicht nur um die Scheidungsstatistik. Immer mehr Paare leben inzwischen ohne Trauschein zusammen.

Ein weitverbreiteter Trend sind auch die alleinerziehenden Mütter. Mehr

Scheidungsgrund: „Nennen Sie die Hauptgründe für Ihre Trennung.“
(Quelle: VTsIOM)

Scheidungsgrund

als 30 Prozent der russischen Kinder kommen unehelich zur Welt. Rechnet man die stark sinkenden Geburtenzahlen hinzu, entsteht ein beängstigendes Bild. In Russland hat die Durchschnittsfamilie nur noch 1,59 Kinder (1,36 in Deutschland) – 1990 waren es noch 1,9. Um die normale Reproduktion – das heißt, die der heimischen Bevölkerung ohne 
Berücksichtigung von Aus- oder Einwanderung - langfristig auf einem konstanten Niveau zu halten, geht man in modernen Gesellschaften davon aus, dass etwa 2,1 Kinder pro Frau geboren werden müssen.

Es gibt viele Gründe für den Rückgang der Geburten. Nach Angaben des russischen Meinungsforschungsinstituts VTsIOM haben sich rund 31 Prozent der Russen aufgrund finanzieller Schwierigkeiten und mangelnder staatlicher Unterstützung gegen ein Kind entschieden. Die Unvereinbarkeit von Karriere und Kindern stellt ein weiteres Problem dar. Jede fünfte junge Frau zwischen 24 und 35 Jahren möchte beruflich erfolgreich sein und ihre Zeit nicht am Herd bei den Kindern verbringen. Der Mangel an Kindergärten und hohe Kosten für Tagesmütter verschärfen die Situation noch. Die fallende Geburtenrate ist auch der Zahl der Schwangerschaftsabbrüche geschuldet. Sie liegt mit 60 Prozent in Russland weltweit an der Spitze.

Der Staat versucht gegenzusteuern und fördert junge Familien zum Beispiel durch das sogenannte „Mutterkapital“. Hierbei winken 365 000 Rubel (etwa 9000 Euro) für die Geburt des zweiten und dritten Kindes. Solche staatlichen Maßnahmen haben zwar seit 2006 zu einem Anstieg der Geburtenrate um 22 Prozent geführt, sie konnten die demografische Entwicklung grundsätzlich jedoch nicht aufhalten.

Im vergangenen Jahr erinnerte sich die russische Regierungspartei Einiges Russland an die Kinderlosensteuer, die in der UdSSR von 1941 an galt und noch bis 1992 in Kraft war. Kinderlose Männer zwischen 20 und 50 Jahren und kinderlose verheiratete Frauen zwischen 20 und 45 Jahren mussten sechs Prozent ihres Lohnes als Kinderlosensteuer abführen. Erst ein eigenes oder adoptiertes Kind erlöste sie von der Steuer. Doch die neue Zeit verbietet solche Zwangsmaßnahmen. Die Idee blieb auf der Vorschlagsebene stecken.

Vom Plattenbau zum Eigenheim - ab drei Kindern gratis

Das größte Problem für Familien in Russland ist der Wohnraum: Der Mietmarkt ist chaotisch, Wohnungen zu teuer, Kredite nur mit hohen Zinsen zu haben. Ein am 17. Juni 2011 beschlossenes Bodengesetz ermöglicht nun zumindest Familien mit drei oder mehr Kindern den kostenlosen Erwerb einer Parzelle, die als Bauland für die Errichtung eines Eigenheims genutzt werden kann.


Dabei handelt es sich um Grundstücke aus staatlichem und kommunalem Besitz. Allerdings müssen die genauen Parameter noch in weiteren Gesetzen beschlossen werden. Eine Vorreiterrolle bei der Initiative, kinderreichen Familien ein Stück Land zur Verfügung zu stellen, spielte die Region Iwanowo. 65 Prozent der Gesamtbevölkerung sind dort Frauen.


„Für uns ist das eine sehr erfreuliche Nachricht, die wir als ernst zu nehmenden Fortschritt bei der Entwicklung des Eigenheimbaus in Russland bewerten. Der Staat hat damit den Schwerpunkt eindeutig auf kleinteiliges Bauen gesetzt“, erklärt Jelena Nikolajewa, Präsidentin der Nationalen Agentur für niedrigetagige Bebauung und Eigenheimbau.