Die Welt hat Risse bekommen

Foto: Reuters_VP

Foto: Reuters_VP

Am Vorabend des Tages, an dem sich die Ereignisse in den USA am 11. September 2001 zum zehnten Mal jähren, stellt Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“, Überlegungen an zu einer Tragödie, die die Welt von Grund auf veränderte.

Als sich vor zehn Jahren zwei Passagierflugzeuge, gesteuert von einem bösen Willen, mit wenigen Minuten Abstand in die Zwillingstürme des World Trade Center bohrten, schien die Welt, die wir kannten, einzustürzen Natürlich ist sie nicht eingestürzt, aber Risse hat diese Welt allemal davongetragen.

Man darf die Auswirkungen der folgenreichsten Terrorattacke in der Geschichte keinesfalls unterschätzen, ebenso wenig sollte man sie jedoch überbewerten. Der 11. September 2001 zerstörte einige Illusionen, die nach dem Ende des Kalten Krieges aufgekommen waren, brachte zugleich aber auch neue hervor, die sich allerdings als kurzlebig erwiesen. Zu den wie Seifenblasen zerplatzten Illusionen zählte die Annahme, mit dem Zusammenbruch des sowjetischen „Imperiums des Bösen“ habe die Menschheit ein für alle Mal und unumkehrbar den ebenen Weg der Sicherheit, Stabilität und Wohlfahrt eingeschlagen. Dafür kam die irrige Ansicht auf, Amerika könne nunmehr unnötige Rücksichten über Bord werfen und die Welt nach eigenem Gutdünken gestalten.

Die tragischen Ereignisse vor zehn Jahren wurden einerseits zum Katalysator für jene Prozesse, die in den 1990er Jahren begonnen hatten, und andererseits zur Quintessenz der Begriffe und Phänomene, die die heutige Politik prägen.

Hinter dem Terrorüberfall auf die USA stand eine transnationale Nichtregierungsorganisation, mithin also ein Strukturtyp, dessen Entfaltung allenthalben als Vorzeichen der neuen, liberalen Ära begrüßt wurde. Indes sollte sich herausstellen, dass eine NGO, eine „non-governmental organisation“, eben nicht unbedingt nur Amnesty International ist, sondern auch Al Kaida. Die Terrorattacke erfolgte im öffentlichen Raum und war live in den Medien zu verfolgen. Sie symbolisiert damit – obzwar in sehr spezieller Weise – den Triumph der offenen Gesellschaft, auf die nach dem Fall der totalitären Regime alle so sehr gehofft hatten.

Die Vereinigten Staaten erhielten das Mandat für die globale Führerschaft, doch erst nach einem vernichtenden Knockout. Der Kinnhaken traf das Land umso schmerzhafter, als nicht eine konkurrierende Supermacht den Schlag geführt hatte, sondern eine unerklärliche Kraft aus dem Nirgendwo. Wenngleich gerade dieser Umstand die Möglichkeit bot, den internationalen Terrorismus zu dämonisieren in der Hoffnung, ihn so in eine systemhafte – und damit für die Weltpolitik strukturbildende – Bedrohung zu verwandeln. Dem internationalen Terrorismus wurde damit jener Platz zugewiesen, der nach der Selbstauflösung der UdSSR frei geworden war.

Doch die Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Diese holistisch auf die fremdartige, kaum durchschaubare muslimische Gemeinschaft projizierte Gefahr eignete sich nicht für die Rolle des Dreh- und Angelpunktes der internationalen Beziehungen. Die Liquidierung Osama bin Ladens, einer der wenigen spektakulären Erfolge Barack Obamas, demonstrierte zugleich, dass der Top-Terrorist als Verkörperung des absoluten Bösen nicht mehr war als ein zwar buntschillernder, aber letztendlich doch zweitrangiger Akteur auf der globalen politischen Bühne.

Verheerend ist vielmehr etwas Anderes: Der internationale Terrorismus konnte nicht zu jener systematischen, systemhaften Bedrohung werden, der Islam an sich kann es jedoch. Zumindest war das Jahrzehnt nach dem 11. September 2001 eine Zeit, in der das wechselseitige Misstrauen und die Feindseligkeit zwischen dem Westen und der islamischen Welt stark zunahmen. Auch wenn öffentlich immer wieder deklariert wird, das Problem sei nicht der Islam, sondern der Extremismus, tritt die wahre Einstellung doch immer häufiger zutage. In „Versprechern“ hochrangiger Staatsvertreter, in europäischen Wahlergebnissen und in der praktischen Politik.

Osama bin Laden hat etwas ganz Entscheidendes geschafft, nämlich die einzige Supermacht der Welt zu militärpolitischen Aktivitäten zu provozieren, die heute, zehn Jahre später, von Vielen als strategisch undurchdacht, unverhältnismäßig und destruktiv für die Leistungsfähigkeit der USA bewertet werden. Die nicht enden wollenden Kriege in Afghanistan und im Irak sind Folgen des 11. September. Welche Ziele damit ursprünglich auch immer verfolgt wurden, sie haben längst einer Taktik der beständigen Schadensbegrenzung Platz gemacht.

Der 11. September 2001 hat die Belastbarkeit des amerikanischen Soziums und seines politischen Systems unter Beweis gestellt, das ist unbestritten. Doch der nationale Schulterschluss im Angesicht einer beispiellosen Tragödie und eines unbekannten Feindes war zugleich Vorbote einer tiefen Spaltung, einer Polarisierung der Gesellschaft, die sich seit Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts mit wachsender Geschwindigkeit vollzieht.

Dafür ist freilich nicht ursächlich der Terrorismus verantwortlich zu machen. Zu Ausgang des 20. Jahrhunderts hatte Amerika den Höhepunkt seines sozialökonomischen Erfolgs und seiner Weltgeltung erreicht. Die „sorglosen 1990er“, als die Flecken auf dem blauen Kleid einer Monica Lewinsky die Amerikaner mehr interessierten als der Jugoslawien-Krieg oder die Bombenexplosionen in den Botschaften in Kenia und Tansania, wurden abgelöst von den beunruhigenden ersten Jahren nach der Jahrtausendwende. Die allmählich um sich greifende Verunsicherung fiel zeitlich zusammen mit einer Zunahme Besorgnis erregender ökonomischer Phänomene. Jetzt galt es – im direkten wie im übertragenen Sinne –, die seit der Regierungszeit Ronald Reagans angehäuften Rechnungen zu bezahlen. Und die Krise, die sich daraufhin in den Jahren 2008-2009 entlud, kündigte allem Anschein nach nur den unausweichlichen Paradigmenwechsel an.

Der Hauptfeind war nicht außerhalb der Landesgrenzen zu suchen, sondern im Inneren, im Herzstück der amerikanischen (und damit im Endeffekt der weltweiten) Lebensweise und des Konsumverhaltens. Nicht zufällig ließ die Tötung bin Ladens das Rating von Barack Obama gerade einmal für wenige Wochen nach oben schnellen, dann hatten die Wähler wieder genug Probleme mit der Arbeitslosigkeit und mit dem niedrigen Wirtschaftswachstum, bemächtigte sich ihrer erneut das allgemeine Gefühl, die Entwicklung ginge in die falsche Richtung.

Der internationale Terrorismus war nicht die Ursache, sondern die Folge (und nicht die einzige, ja wahrscheinlich nicht einmal die wichtigste) des globalen Ungleichgewichts, das mit dem Zerfall des vorherigen Weltkanons einherging. Kein einziger „Bösewicht aus der Höhle“ vom Typ eines Osama bin Laden kann beim besten Willen einer stabilen Weltordnung derartigen Schaden zufügen, wie dies einige wenige Fehlentscheidungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten, der Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland oder gar der Chefs des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank können.

Das vergangene 20. Jahrhundert mit seinen Passionen und Affekten, seinen Vorurteilen und Voreingenommenheiten endete am 11. September 2001. Die Kraft, die damals auf den Plan trat, rekrutierte sich daraus, dass die frühere Tagesordnung erschöpft war. Der in Russland so beliebte Seitenhieb, Osama bin Laden sei schließlich einmal ein Ziehkind des CIA gewesen, taugt nicht im Mindesten als Erklärung. Das Handeln des Al-Kaida-Führers wurde nicht geprägt von dem, was ihm die Instrukteure aus Langley in der Ära der Bekämpfung des Kommunismus beibrachten, sondern bereits von der Logik des 21. Jahrhunderts. Von einer Zeit, in der sich das globale Gleichgewicht nach Osten verlagert. Von politischen Formen, die noch archaischer sind als die Ideologie des 20. Jahrhunderts, von nationalistischen Ambitionen und einer religiösen Renaissance.

Osama bin Laden wie auch das von ihm geknüpfte Terrornetzwerk werden viel schneller zu Randerscheinungen einer historischen Entourage schrumpfen, als man sich das im September 2001 jemals hätte vorstellen können. Doch bin Ladens Sache – den Westen vom Sockel der Weltherrschaft zu stoßen – wird fortgesetzt von Anderen und mit anderen Mitteln. Auch wenn diese Anderen das mitunter gar nicht ahnen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Tageszeitung Kommersant.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland