Ein Regisseur erinnert in Venedig an den Pakt mit dem Teufel

Alexander Sokurows sehnsüchtig erwarteter Film „Faust“ – inspiriert von Goethes klassischer Interpretation der Legende − wird heute auf den Internationalen Filmspielen in Venedig in der Kategorie Wettbewerb uraufgeführt. Kritiker sind der Ansicht, dass Sokurow mit diesem Film durchaus seinen Platz an der Seite der großen russischen Regisseure bestätigen könnte.

Doch bei einem Interview in seiner Heimatstadt St. Petersburg sagte er am Wochenende, dass er sich auf die gesamte Festival-Erfahrung nicht besonders freue.

Der Filmemacher ist selbst eine Festspiellegende. Seine Film-Trilogie über Diktatoren − Hitler, Stalin und Kaiser Hirohito − bilden gemeinsam einen Vorläufer für „Faust“, der archetypischen Pakt-mit-dem-Teufel-Geschichte. Sein Film „Russian Ark – Eine einzigartige Zeitreise durch die Eremitage“ begeisterte die internationale Arthouse-Szene im Jahr 2002 durch die Leistung,den Film ohne jeden Schnitt zu machen, mit nur einer Fassung.

Sokurow soll laut Plan in Venedig sein. Doch das bedeutet nicht, dass er den ganzen Aufwand mag. „Ich war bei vielen Festspielen, von Cannes bis Venedig, aber nehme nicht gerne daran teil. Das Wettbewerbssystem ist einfach falsch“, sagte der Sechzigjährige in einem Park in der Nähe seines Hauses in St. Petersburg. „Wie kann man sagen, dass ich besser bin als jemand anderes? Regisseure von Rang und Namen sollten nicht mit jungen Filmemachern konkurrieren“, fügte er hinzu. „Wir sollten unseren Platz für die Jungen räumen.“ Und das ist nicht sein einziger Kritikpunkt am Festspielsystem.

„Wie oft bekommt man eine Jury, bei der man nicht mit zwei Drittel der Mitglieder befreundet ist?“, meint er. Darren Aronofski ist einer der sieben Vorsitzenden der diesjährigen Jury. Am bekanntesten ist er für seinen Psychothriller „Black Swan“ mit Natalie Portman und den Film „The Wrestler“, der Mickey Rourke ein strahlendes Comeback ermöglichte.

Sokurows Aufrichtigkeit im Hinblick auf die Festspiele ist typisch: Der Regisseur ist bekannt für seine scharfe Zunge. Seine frühen Werke wurden von den sowjetischen Behörden verboten, was der internationalen Aufmerksamkeit nur half.  Sokurow erläuterte, dass seine Serienvorliebe im Zusammenhang mit Diktatoren und dem Film „Faust“ selbst, den er als Höhepunkt dieser vier Werke sieht, 30 Jahre zurückreicht. „Es ist überraschend, dass ‚Faust’ so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird“, meinte er. „Wenn ein Politiker ‚Faust’ liest, ist dort alles bereits dargelegt. Es ist, als sei dieses Werk im 21. Jahrhundert geschrieben worden, nicht im 19. Jahrhundert.“

Sokurow erzählte, dass für diesen Film sehr viel historische Recherche erforderlich war. Er drehte ihn in Spanien und Island, wo er Nachbauten deutscher Städte im Stile des 19. Jahrhunderts errichten ließ.

Aufgrund seiner Unfähigkeit zu Kompromissen ist Sokurow im Ausland mehr gefeiert worden als in seiner Heimat. Er erhielt vom Kultusministerium keinerlei finanzielle Unterstützung für diesen Film − und aus diesem Grund wäre er beinahe nicht verwirklicht worden. Doch es gab schließlich doch Geld, nachdem Premierminister Vladimir Putin sich für das Projekt „Faust“ ausgesprochen hatte.

Warum Putin den Film unterstützte, ist für Sokurow nach wie vor ein Geheimnis − auch nachdem er den Premierminister getroffen hat, um sich für die Förderung zu bedanken. Der Regisseur glaubt, dass das Thema Faust dabei eine wichtige Rolle gespielt hat.

„Ich bin nicht sicher, ob der Film interessant für ihn sein wird, obgleich er Deutsch spricht und mit der deutschen Kultur vertraut ist“, sagte Sokurow. „Ich verstehe nicht, warum ich diese Unterstützung erhalten habe, denn ich gehöre nicht zu den Anhängern jener, die politische Kultur in Russland fördern.“

Stattdessen setzte er sich lange Zeit für die Erhaltung der historischen Architektur seiner Heimatstadt ein und kritisierte die St. Petersburger Regierung scharf − so sehr, dass eine Oper, die er am Michailowski-Theater inszenierte, zurückgestellt wurde.

„Sie riefen mich an und fragten, ob ich meine Unterschrift des Ochta-Briefes zurückziehen wolle und das alles nur ein Fehler sei“, erklärte Sokurow. Doch er weigerte sich. „Am nächsten Tag wurde das Schauspiel geschlossen, und ich war gefeuert.“

Sokurow steht auch an der Spitze der Kampagne zur Rettung von Lenfilm, dem zweitberühmtesten russischen Filmstudio nach Mosfilm. Das Studio wird möglicherweise von der Media-Holding des riesigen Mischkonzerns Sistema Financial Corp. übernommen, einem Dienstleistungsunternehmen unter der Leitung des Oligarchen Vladimir Yewtuschenkow.

Viele russische Regisseure trauen Sistemas Versprechen nicht, das Studio zu erhalten, und sprachen sich folglich gegen diesen Schritt aus. Sokurow begann seine Filmkarriere bei Lenfilm nach einer Empfehlung des einflussreichen Regisseurs Andrej Tarkowski, der „Andrej Rubljow“ und „Solaris“ drehte. Lenfilm in St. Petersburg stand lange in dem Ruf, Arthouse-Regisseure stärker zu unterstützen als der Konkurrent Mosfilm. Jetzt produziert Lenfilm nur wenige Filme pro Jahr und macht schwere Zeiten durch.

„Ich wäre nicht zu Mosfilm gegangen, das ist eine andere Art von Studio“, sagte Sokurow. „Als Tarkowski starb, war Mosfilm sehr froh, denn das Studio hasste ihn und war eifersüchtig auf ihn.“

Sokurow erklärte, er freue sich nicht darauf, in Venedig mit Kritikern über „Faust“ zu sprechen. Und überhaupt möge er Kritiker nicht. Eine der wenigen Ausnahmen sei die verstorbene Susan Sontag gewesen, die seiner Ansicht nach eine einzigartige Sichtweise über seine Filme verbreitete, so dass selbst er sie besser verstehen konnte.

„Keiner ist kritischer als ich“, setzte er hinzu. „Ich weiß besser als jeder andere, was ich tun wollte und was nicht klappte. Wenn ich erst einmal anfange, über die Fehler bei ‚Faust’ zu reden, finde ich gar kein Ende mehr.“

Der Trailer zum Film „Faust“:

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