Skandinavierstolz und Hansegeschichte

Vom Turm der Domkirche aus sieht man über die Altstadt zum Fährhafen. Foto: Privat

Vom Turm der Domkirche aus sieht man über die Altstadt zum Fährhafen. Foto: Privat

Tallinn hat etwas geschafft, das Dresden verschenkt hat. Das Zentrum der Stadt, die von der Hansezeit geprägte Altstadt, ist Weltkulturerbe. Seit 1997. Wer meint, es sei eher unerheblich oder gar ein Gewinn, dass Dresden diesen Titel wieder verloren hat, sollte Tallinn besuchen. Die estnische Hauptstadt hat rund 100 000 Einwohner weniger als Dresden. Das Sprachgewirr im Stadtzentrum, die Zahl der Touristengruppen und die Internationalität der Restaurants, Souveniergeschäfte, Besucherhighlights und Stadtinformationen ist deutlich größer, als in Dresden. Die Elbestadt ist Tallinn nicht gewachsen.

Tallinn ist Hauptstadt, wirtschaftliches Zentrum von Estland, geistiges und historisches wohl auch. Vieles, was Dresden gern wäre und Dresdner gern hätten. Und: Tallinn ist skandinavisch, viel mehr als etwa Klaipeda und Riga. Die Geschichte der Stadt ist dänisch geprägt. „Der Name Tallinn, den die Stadt seit der Eroberung durch den dänischen König Waldemar 1219 im Estnischen trägt, wird üblicherweise von ´Taani-linn(a)´ (Dänische Stadt oder Dänische Burg) abgeleitet“, heißt es bei Wikipedia.

Zwei Mal quer und zwei Mal diagonal im Stadtzentrum – das ist an einem Tag leicht zu Fuß zu schaffen. Einschließlich Abstecher zum Fährhafen und ein paar Pausen in diversen Kirchen wie etwa dem (evangelischen) Dom auf dem „Burgberg“. An Prag erinnern die Gassen hinauf auf diesen Berg. Die Touristenzahlen entsprechen aber bei Weitem nicht denen der tschechischen Hauptstadt. Große Attraktion ist die zu weiten Teilen erhaltene alte Stadtmauer rings um das historische Zentrum mit ihren mittelalterlichen Toren und Wehranlagen. In den Bögen darunter verkaufen Händler angeblich typisch estnische Waren – Strick mit Wikingermustern, Leinen und gern auch Elchfleischwürste. Und selbst die Erlebnisgastronomie, der man zu Hause eher ablehnend gegenüber steht, wirkt hier anziehend. „Olde Hansa“ heißt der Hotspot schlechthin, ein zentral gelegenes historisches Gebäude, das ganz und gar auf Hansegaststätte getrimmt ist. Teuer, immer gut besucht und dennoch einen Besuch wert, ist man Urlaubsgast in Tallinn. Und – es ist schön, die Preise nicht ständig im Kopf umrechnen zu müssen. In Estland wird in Euro gezahlt. 30 davon sind leicht drin für ein Abendessen in einem Lokal wie dem „Olde Hansa“.

Dass stolz gepflegte Geschichte und nationales Selbstbewusstsein den Umgang mit der Moderne erleichtern und zugleich eine gute Basis für innovative Ideen sein können, belegt der Umgang mit moderner Architektur inmitten des historischen Zentrums von Tallinn ebenso wie die Tatsache, dass Skype in der estnischen Hauptstadt erfunden wurde. Auch davon könnte sich Dresden inspirieren lassen.

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