Die Philosophin aus Liebe

Deutsche Philosophie ist die große Leidenschaft von Nelly Motroschilowa.

Deutsche Philosophie ist die große Leidenschaft von Nelly Motroschilowa.

Was konnte Kant den Sowjetbürgern, was kann er den heutigen Russen sagen? Nelly Motroschilowa ist seit einem halben Jahrhundert die Postbotin westlicher Denker.

Sie geht nachdenklich auf und ab, während sie spricht. Manchmal bleibt sie stehen und sieht direkt in die ängstlichen Augen der Studenten, die voller Ehrfurcht an ihren Lippen hängen und gleichzeitig versuchen, jedes ihrer Worte mitzuschreiben.

An ihren dünnen Fingern – große, schwere Silberringe mit Edelsteinen besetzt, dazu immer eine passende Kette und ein farblich 
abgestimmtes Jacket. Ein blonder, modischer Pagenschnitt und leuchtend blaue Augen – selbstverständlich geschminkt. Die schwierigsten Theorien Kants und Hegels erklärt sie so, als sei die deutsche klassische Philosophie ein Kinderspiel. Frau Professorin Nelly Motroschilowa hat die Gabe, komplizierte Dinge mit einfachen Worten zu erklären und die scheinbar sinnlosesten Dinge mit Sinn zu füllen. Und das mit beinahe achtzig.

Über die Gänge des Instituts für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften geht sie seit knapp fünfzig Jahren mit demselben festen Schritt, seit 25 als Leiterin der Abteilung für westeuropäische Philosophie.

Ikone der Sechziger


„Dabei war ich die ersten zwei Jahre meines Studiums sicher, dass ich die falsche Fachrichtung gewählt habe“, sagt Motroschilowa, während sie jetzt den dunklen Flur ihres Sommerhauses aus weißem Stein, fünfzig Kilometer nordöstlich von Moskau, betritt. Von einem verliebten Mitschüler ließ sie sich zum Philosophiestudium verleiten. Die Romanze verging, die Philosophie blieb. Für immer.

Motroschilowa studierte in den Jahren nach Stalins Tod, einer Zeit der Liberalisierung, in der es plötzlich wieder möglich wurde, sich ohne ideologische Scheuklappen mit der Philosophie des Westens zu beschäftigen. Ein Kollege hat Motroschilowa einmal zur „Ikone der Sechziger“ erkoren, der Generation, die den liberalen Geist der Sechzigerjahre bis in die Neunzigerjahre trug. In jedem Fall aber wurde Motroschilowa zur „Postbotin“ der westeuropäischen Philosophie in Russland.

Besonders die großen deutschen Denker hatten es ihr angetan: Husserl, Hegel, Kant und Heidegger. Viele ließen sich damals nur im Original auftreiben, und so musste Motroschilowa ihr Schuldeutsch auspacken, was sie mit der Zeit zu einem fließenden Deutsch perfektionierte. Auf Deutsch tauscht sie sich nun schon seit mehreren Jahrzehnten mit ihrem langjährigen Freund und Kollegen Jürgen Habermas aus.

Jetzt, im heißen Moskauer Sommer, ruht sie sich etwas aus auf ihrer schokoladenfarbenen Wohnzimmercouch neben dem Kamin. Draußen zwitschern Vögel, der 
akkurat gemähte Rasen und die Blumenbeete erinnern an deutsche Vorgartentradition. Motroschilowa erzählt von ihrem Lebenswerk: Gemeinsam mit Burkhard Tuschling, Philosophieprofessor in Marburg, arbeitet sie seit 1990 an einer weltweit einzigartigen Ausgabe von Kants Werken in russischer und deutscher Sprache. Einzigartig ist das Projekt nicht nur aufgrund der Zweisprachigkeit, sondern weil einige der ursprünglichen Übersetzungen, etwa von der „Kritik der reinen Vernunft“, korrigiert und dabei von groben Fehlern gesäubert wurden. Das Ergebnis sind vier Bände, der fünfte folgt in diesem Jahr. 

„Zeichen von Antizivilisation“

Motroschilowa betont, wie wichtig das Mammutwerk heute sei. „Kant erinnert uns daran, dass ‚Freiheit‘ immer mit ‚Verantwortung‘ verbunden ist. Und das wird heute oft vergessen“, erklärt sie. Die Anerkennung für diese und all ihre anderen Arbeiten bekam sie 2005 aus Deutschland in Form des Bundesverdienstkreuzes.

Jeder weiß, wann man einen Arzt aufzusuchen hat, einen Rechtsanwalt oder einen Psychotherapeuten. Aber wann braucht man Philosophen? Nelly Motroschilowa sagt: „In Zeiten wie diesen, wenn jegliche Moral den Bach heruntergeht.“ Diese Zeit beschreibt sie in ihrem jüngsten Buch „Zivilisation und Barbarei in einer globalen Krisenepoche“.

Die Datscha-Idylle um sie herum kann sie nicht von den Gedanken über die Zukunft der Zivilisation ablenken. „Offener, durch nichts verdeckter Zynismus ist ein Zeichen für eine Antizivilisation. Das ist ein globales Problem, auch wenn es in Russland besonders sichtbar ist“, urteilt sie. Den Zynismus habe bei den Russen der Zerfall der Sowjetunion hervorgerufen und fest verankert, insbesondere in den Machtetagen.

Die Geisteswissenschaftler könnten der Gesellschaft die Orientierung zurückgeben, die sie so dringend brauche, doch man ließe sie nicht. „Man versteckt sich hinter Begriffen wie ‚Innovation‘ und ‚Modernisierung‘, die zeigen sollen, dass man sich auf Wissen stützt. Wissenschaftler werden manchmal zur Beratung hinzugezogen, aber nur die bequemen. Und auch die lässt man nicht ausreden“, erklärt die Professorin etwas resigniert. „Das Versteckspiel hinter Begriffen ist eine Art Tarnung der Politik, ein Alibi.“

Nachbarn hinter hohen Mauern


Nelly Motroschilowa spaziert langsam auf einem holprigen, steinigen Weg in Richtung der neu gebauten Häuser in der Nachbarschaft. Sie stehen hinter hohen Zäunen, doch ihre Größe lässt sich nicht gänzlich verbergen. „Jeder weiß, dass diese Villen Beamten gehören. Die haben sie wohl kaum mit ihrem offiziellen Gehalt bauen können. Leider sind das genau die Menschen, die wir ständig sehen: im Fernsehen, in der Zeitung, auf den Straßen. Es scheint so, als gäbe es nur sie“, sagt sie.

Doch der Schein trügt, weiß die Philosophin. Die Statistik zeige deutlich: Vierzig Prozent der Bevölkerung sind redliche Steuerzahler. Sie nennt sie „die Armen“, die nur Nachteile haben und sich durchs Leben schlagen müssen. Menschen wie Nelly Motroschilowa, mit deren Wissen und Errungenschaften wohl kaum ein Beamter mithalten kann. Menschen, die die Welt besser machen. Leicht gebückt kehrt Nelly Wassiljewna zu ihrem Sommerhaus zurück, für das sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet hat.

Kurzvita: Nelly Motroschilowa


Geburtsort: Starowerowo

Geburtsjahr: 1934

Beruf: Philosophin


Nelly Wassiljewna Motroschilowa wurde 1934 in dem Dorf Starowerowo in der Ukraine geboren. 1936 siedelt ihre Familie nach Moskau über. 1956 schließt Motroschilowa ihr Studium der Philosophie an der Lomonossow-Universität ab. 1963 promoviert sie am Institut für Philosophie, 1970 folgt die Habilitation „Erkenntnis und Gesellschaft“ über die Philosophie im 16. und 17. Jahrhunderts. 1975 wird Motroschilowa Professorin.


Seit 1986 leitet sie den Bereich der Philosophiegeschichte sowie die Sektion für westeuropäische Philosophie an der Russischen Akademie der Wissenschaften. Motroschilowa wurde mehrfach in Russland ausgezeichnet, zudem ist sie Preisträgerin der Alexander von Humboldt-Stiftung. 2005 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Neben Deutsch spricht sie fließend Englisch und Französisch.