Kampf dem Qualm

Nikotinabhängigkeit ist ein großes Problem bei Jugendlichen. Foto: ITAR-TASS

Nikotinabhängigkeit ist ein großes Problem bei Jugendlichen. Foto: ITAR-TASS

Die russische Regierung hat dem Tabak den Kampf angesagt. Die Experten sind sich darüber im Klaren, dass es bei diesem Kampf Verluste geben wird - in erster Linie bei Kleinunternehmen. Von der Bevölkerung wird die Idee, gegen das Rauchen vorzugehen, unterstützt, allerdings werden Zweifel laut an der Effektivität der vorgeschlagenen Maßnahmen.

 Plänen des Ministeriums für Gesundheitswesen und soziale Entwicklung zufolge sollen Zigaretten bereits 2012 aus dem Sortiment der Straßenkioske verschwinden und nur noch in großen Geschäften verkauft werden. Und auch dort sollen sie nicht länger gut sichtbar angepriesen werden: Die Tabakvitrinen werden durch Listen ersetzt, auf denen die vorhandenen Marken mit dem entsprechenden Preis aufgeführt sind. Ab 2014 soll das Rauchen an Bahnhöfen und Flughäfen sowie an Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel komplett verboten werden. Und auch die Raucherzonen in Bars und Restaurants sollen ersatzlos gestrichen werden. Wenn man künftig im Eingangsbereich seines Wohnhauses rauchen möchte, muss man dafür die schriftliche Zustimmung aller Wohnungsbesitzer einholen. Die Beschränkungen betreffen nicht nur Zigaretten, sondern sämtliche nikotinhaltigen Produkte einschließlich Wasserpfeifen sowie Kau- und Schnupftabak. 

 

Wenn es um das Rauchen geht, galt Russland bisher als liberal – man konnte praktisch überall rauchen. Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge rauchen in Russland zurzeit 40% der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Großbritannien sind es 34% und in Brasilien gerade mal etwas über 17%. Gemessen an der absoluten Zahl der gerauchten Zigaretten nimmt Russland weltweit den vierten Platz (mit ca. 400 Milliarden Zigaretten pro Jahr) hinter China, Indien und Indonesien ein, wobei die Bevölkerungszahl dieser Länder um ein Vielfaches höher ist.

 

In diesem Sommer durchgeführte Umfragen ergaben, dass 70% der Bevölkerung das Gesetzesprojekt generell gutheißen, wobei die Zustimmung selbst unter den Rauchern mit ca. 41% recht hoch ist. Was die konkreten Teile des Projekts anbetrifft, ist die Zustimmung der Befragten allerdings weitaus niedriger. So wird vor allem der Preisfaktor kritisch betrachtet: 55% der Befragten gaben an, dass selbst eine Verdopplung des Preises für eine Schachtel Zigaretten sie nicht dazu bewegen könnte, das Rauchen aufzugeben.

 

Die großen Tabakunternehmen nahmen die Initiative des Gesundheitsministeriums mit bemerkenswerter Gelassenheit auf. Ähnliche Reformen wurden bereits in den meisten europäischen Staaten durchgeführt und die Praxis hat gezeigt, dass die Antiraucher-Kampagnen für die Unternehmen keineswegs fatale Folgen nach sich zogen. Dafür liefen Vertreter von Kleinunternehmen – Besitzer von Straßenkiosken und Verkaufsständen – gegen das Projekt des Gesundheitsministeriums Sturm: Bei diesen Kleinunternehmen beträgt der Anteil der Zigaretten 50% vom Verkauf. Nach Ansicht der Befürworter der Reform braucht sich die Regierung keine Gedanken um die Probleme von Kleinunternehmern zu machen, wenn deren Geschäft auf dem Verkauf solcher Produkte basiert. 

 

Doch erschöpfen sich die Argumente der Reformgegner nicht auf den zu erwartenden Schaden für Kleinunternehmer. Die Versuche der Regierung, in den 80er Jahren den Verkauf von alkoholischen Getränken einzuschränken, führten dazu, dass der Markt mit imitierten Produkten überflutet wurde. Der Leiter des Instituts für Sozialpolitik der Hochschule für Wirtschaft Sergej Smirnow befürchtet, dass sich dieses Szenarium wiederholen könnte. „Hier geht es nicht nur um den illegalen Import von Zigaretten aus China, sondern auch um illegale Kleinfabriken, in denen Produkte hergestellt werden, die keinerlei Standards entsprechen“, erklärt Smirnow. Nach Ansicht des Experten „war das schon beim Alkohol so und wird ganz sicher auch beim Tabak eintreten, wo die Produktionskette noch einfacher ist“.

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