Der Euro knackt die 43-Rubel-Marke

Der Kurs springt wie verrückt. Foto: ITAR-TASS

Der Kurs springt wie verrückt. Foto: ITAR-TASS

Gestern wurde der Euro um einen Schlag gleich 1,5 Prozent (etwa 70 Kopeken) teurer gegenüber dem Rubel, heute legte die EU-Devise nochmals 10 Kopeken drauf. Dies war aber genug, um auch beim amtlichen Kurs der Zentralbank für morgen die psychologisch wichtige Grenze von 43 Rubel zu nehmen.

Der amtliche Kurs für morgen beträgt 43,01 Rubel. So hoch wurde der Euro in Russland zuletzt im Herbst 2010 gehandelt. Der Dollar notiert bei 31,41 Rubel. Viele Börseninsider sprechen zwar von einem „technischen Zwischenhoch" und prognostizieren der russischen Währung eine baldige Rückkehr in die lange gewohnten Bereiche, als der Dollar deutlich unter 30 Rubel und der Euro um die 40 Rubel wert war. Doch vorerst ist eine Trendwende nicht abzusehen. Gegenüber dem Bivaluta-Korb aus 55 US-Cent und 45 Euro-Cent – der Messlatte der Zentralbank für die russische Währung – hat der Rubel seit Anfang September 6 Prozent verloren.

Dabei war die Weltwirtschaft gerade in dieser Zeit von der drohenden Zahlungsunfähigkeit der USA wegen Überschuldung und der in immer neue Runden gehenden Euro-Krise erschüttert worden. Und Entwarnung wurde weder dies - noch jenseits des Atlantik gegeben. Russland sollte dagegen wie eine Insel der Seligen erscheinen: Die Staatsverschuldung rangiert bei vernachlässigbaren 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die Handelsbilanz für die ersten sieben Monate des Jahres verzeichnete einen soliden Exportüberschuss von 117 Mrd. Dollar.

Und der Ölpreis als Hauptindikator für die Einkommenslage des Landes liegt bei kommoden 110 Dollar, was weiterhin mächtig Devisen in die russischen Kassen spült. Ein stabil hoher Ölpreis war bisher immer ein Garant dafür, dass der Rubel nicht an Wert verliert.


Nun scheint dieses Gesetz nicht mehr zu gelten. Finanzinsider führen den aktuellen Wertverfall der russischen Währung dann auch auf äußere Faktoren zurück – nämlich die allgemeine Verunsicherung an den Finanzmärkten.

Sie veranlasst Investoren, ihre potentiell als risikoreich geltenden Aktienpositionen – und dazu gehören eigentlich alle Anlagen in Russland – aufzulösen. Und durch den massenhaften Verkauf russischer Aktien werden entsprechend viele Rubel auf den Devisenmarkt geworfen, was den Preis drückt. „Die gegenwärtige Schwäche des Rubel hat lokalen Charakter und geht auf den Abfluss von Mitteln vom russischen Markt zurück", so der Chef-Analyst der UFS Investment Company Alexej Koslow.


Wenn das Vertrauen bröckelt, geht es schnell abwärts


Wenn der aktuelle Kursverfall allerdings die Russen dazu animiert, an der Solidität von Rubel-Ersparnissen zu zweifeln und deshalb ein massenhafter Umtausch in Dollar oder Euro einsetzen sollte, dann hätte man es in Russland schon nicht mehr mit äußeren Einflüssen, sondern einer hausgemachten Rubel-Krise zu tun. Die Berichte aus dem benachbarten Weißrussland, dessen Rubel in diesem Jahr auf ein Drittel seines Wertes zusammenschrumpfte, dürfte in Russland zahlreiche Menschen sehr sensibilisiert haben.


Im russischen Devisenmarkt herrscht jedenfalls Verunsicherung. Niemand weiß, wohin die Reise jetzt geht. Zum Ausdruck kommt dies durch den ungewöhnlich hohen Unterschied zwischen An- und Verkaufskursen von etwa 1 Rubel, so die Internetzeitung newsru.com. Viele Insider hätten einen Wiederanstieg des Rubel schon für heute erwartet – aber faktisch verharrte die russische Devise nur auf dem Vortagesniveau.


Verunsicherung herrscht aber auch auf Regierungsebene. Ein anhaltend starker Rubelkurs droht zu einer Importschwemme zu führen und würde damit ebenso die Handelsbilanz wie die einheimische Produktion treffen. Vizewirtschaftsminister Andrej Klepatsch sprach letzte Woche davon, dass nach Ansicht seiner Behörde der Rubel um 10 Prozent überbewertet sei - worauf der Kurs prompt heftig nachgab. Aus der Zentralbank und dem Finanzministerium folgte umgehend das Dementi, der gegenwärtige Kurs sei „adäquat".


Auch wenn gegenwärtig angesichts der stabilen Wirtschaftsindikatoren eigentlich nichts für einen Verfall der russischen Währung spricht – in der Perspektive sind Sorgen durchaus berechtigt: Das zu erwartende Wirtschaftswachstum von 4 Prozent in 2011 bis 4,2 Prozent in 2014 „reicht für gar nichts", so Experten des Wirtschafts-Analysezentrums ZMAKL. Mittelfristig werde dies zu einem nur mäßigen Wachstum der russischen Exporte, aber einem heftigen Anstieg der Importe führen. Und dagegen helfe nur ein Mittel – der Wechselkurs. „Eine Schwächung des Rubel ist unabdingbar", so ZMAKL-Chef Dmitri Belousow. „Besser natürlich eine sanfte und nicht plötzlich".

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Russland-Aktuell.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland