Notizen aus Irkutsk

Russland HEUTE Korrespondentin Anastasia Gorokhova. Foto: Evgenija Svetlakova

Russland HEUTE Korrespondentin Anastasia Gorokhova. Foto: Evgenija Svetlakova

Was ich auf dem Weg von Irkutsk nach Wladiwostok gemeinsam mit einem bunt gemischten, deutsch-russischen Team erlebe, erzähle ich in meinen Notizen aus dem tiefsten Russland.

Moskau ist nicht Russland - sagt man, und es stimmt wirklich. Das Gefühl, dass diese Aussage stimmt fängt schon im Flughafen der Hauptstadt an, wenn man sich in das Terminal der Inlandsflüge begibt. Es herrscht heidenloses Chaos und man fängt an sich wie ein gejagtes Tier zu fühlen. Hat man die Nacht im Flugzeug überstanden und ist in Irkutsk gelandet – fühlt man sich gleich als hochnäsige Hauptstadtbewohnerin, auch wenn man vielleicht gar nicht hochnäsig ist. Der Kontrast zu Moskau ist gewaltig – kleine Häuschen, kaum 24-Stunden Läden, wenig Restaurants und Kneipen. Dafür sind die Menschen irgendwie echt. Der erste Abend in Irkutsk war gekennzeichnet vom 350-jähirgen Stadtjubiläum. Die ganze Stadt in Halli-Galli-Laune. Verhältnismäßig (zu Moskau) wenig Polizei, und wenn, dann hoch zu Roß. Und gerne mal mit einem Passanten hinten drauf, der sich stolz posierend mit Polente und Pferd fürs Familienalbum verewigen lässt.

Die Vorgeschichte


Doch ich habe die Vorgeschichte ganz vergessen – wie hat es mich überhaupt in die sibirische Stadt Irkutsk verschlagen? Das Goethe Institut Moskau ist Schuld – denn seit Anfang September läuft Russlandweit die Kampagne „Lern Deutsch“. Drei Teams, bestehend aus Sprachanimatoren, Rappern, Bloggern und Puppenspielern reisen durch ganz Russland, gehen an Schulen, auf Hauptplätze, in Züge (in denen sie von Stadt zu Stadt reisen) und begeistern das Publikum so sehr, dass danach die ganze Stadt Deutsch lernen möchte. Ich habe mich dem Team Richtung Wladiwostok angeschloßen und Irkutsk war mein erster Halt.

Der erste Abend


Jubel, Trubel Heiterkeit in der Stadt und wir haben Hunger. Nach einer langen Suche bei gerade mal vier Grad Plus finden wir ein plausibel aussehendes Restaurant. Wir – das sind Evgenija, eine Bloggerin und Regisseurin aus Moskau, Irina – Teamkoordinatorin aus Novosibirsk, Andrej – Fotograf aus Novosibirsk, Jost – Rapper aus Berlin, Matthias – Footbagger aus Berlin, Steffi – Sprachanimateurin aus ursprünglich Franken, aber momentan Peking, und Dennis – ja, auch aus Berlin

In Russland wird die Hochzeit immer laut und energievoll gefeiert. Foto: Evgenija Svetlakova

So gingen wir also nichts ahnend Essen. Doch bevor wir es genießen konnten, stand uns eine Mutprobe bevor. Die Musik dröhnte, dass die Tische zu zittern schienen. Russische Musik aus den längst vergessenen und verdrängten Neunzigern. Kaum hatten wir uns an einen Tisch gesetzt, kamen angeheiterte Frauen über Vierzig angestürmt und warfen sich um den Hals unseres entsetzten Footbaggers Matthias mit den Worten: „Das ist doch Max Pokrovskij!“ Für all Nicht-Wissenden: Max Pokrovskij ist (alt-) russischer Rockstar. Und tatsächlich muss man sagen, dass Matthias gewisse Ähnlichkeit mit ihm hat. Das war ihm aber egal, - ebenso egal war der Frau, dass er es nicht ist. Sie hing an seinem Hals und ließ nicht locker. Er sollte unbedingt mit ihr Tanzen. Um diese Episode zu verkürzen sei gesagt: auf der Tanzfläche landeten im Endeffekt wir alle, zusammen mit einer Horde Einheimischer, nicht ganz junger, aber sehr energischer Frauen und mit zwei weißhaarigen Männern.

 

Der Bajkal


Der Bajkalsee bedarf eigentlich keiner extra Vorstellung mehr. Jeder kennt ihn – den größten Süßwassersee der Erde mit kristallklarem, eisigem Wasser. Auch wir fuhren aus Irkutsk mit einem Kleinbus über wirklich ziemlich holprige Straßen mit Schlaglöchern an den See. Die Sonne schien und wärmte, die Natur drum herum – ein überwältigendes Farbengemisch aus grün, goldgelb und rot, Birkenwälder und natürlich der Bajkal. So weit das Auge reicht – Wasser und irgendwo in der Ferne – die Berge. Liebe Schweizer, bei aller Liebe zu euch und eurer Natur – der Genfersee kann einpacken. Wiederum war Matthias der Held der Truppe: nur er traute sich im Bajkal schwimmen zu gehen. Kurz, aber effektiv – im Sinne von erfrischend. Danach saßen wir melancholisch am Kieselstrand und sahen die Sonne im See verschwingen. Ein älterer Herr mit Gitarre kam vorbei und schlug uns vor ein Ständchen zu singen. So sahen wir also aufs Wasser und lauschten seinen wirklich vorzüglichen Gitarrenklängen. Mit dem Nationalgetränk (sie wissen schon: dem dursichtigen, hochprozentigen…) beendeten wir unseren Tag mit russischen Volksliedern auf der Rückfahrt im Bus. Voller Stolz kann nun der russische Teil der Truppe, - zu dem ich mich auch hinzuzähle – verkünden: unsere deutschen Freunde können jetzt zumindest ein russisches Volkslied: „Oj Moroz, Moroz…“ („Ach Frost, ach Frost…“). Und das mindestens genauso wehleidig-emotional, wie wir Russen es singen.

Überschriften in Irkutsk: "Kein Geld, um auf den Sommer zu warten". Foto: Evgenija Svetlakova

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