Rock für Wohltätigkeit

Rock'n'Roll und extravagante Bühne: das Stück bietet Entertainment pur. Foto: Evgenija Ljuljukina

Rock'n'Roll und extravagante Bühne: das Stück bietet Entertainment pur. Foto: Evgenija Ljuljukina

Der englische Dramaturg Tom Stoppard ist in Russland ein seltener Gast. Die Arbeit an der Inszenierung von „Rock ’n‘ Roll“ im Russischen Akademischen Jugendtheater (Premiere: 22. September) stellt eine Ausnahme dar: Der britische Dramaturg tauschte sich aktiv mit den Schauspielern aus und begleitete die Probenarbeit persönlich. Und am Tag nach der Premiere organisiert der bekannte Dramaturg auf der Bühne des Theaters ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten russischer Hospize, an dem Akteure seines Stückes und populäre Rockmusiker aus Russland teilnehmen werden.

Ihren Ursprung nahm diese Geschichte vor einigen Jahren, und basierte sie auf einem Zufall. Der russische Journalist und Musikkritiker Artjom Troizkij hatte eines Tages noch eine Karte für das Stück „Ufer von Utopia“ von Tom Stoppard in einem Londoner Theater übrig. Troizkij bot die Karte dem Übersetzer Arkadij Ostrowskij an, den das Stück derart beeindruckte, dass er es zusammen mit seinem Bruder Sergej ins Russische übersetzte. 2007 fand im Russischen Akademischen Jugendtheater die Premiere von „Ufer von Utopia“ statt. Und nun erscheint Stoppards Stück „Rock ’n‘ Roll“ fast zeitgleich als Buch (im Verlag Corpus und, natürlich, in der Übersetzung der Ostrowskij-Brüder) und als Inszenierung von Adolf Schapiro auf der Bühne des Theaters.

Die Handlung des Stückes beginnt in Cambridge im Jahre 1968, als sowjetische Truppen in die Tschechoslowakei, der Heimat des Hauptprotagonisten des Stückes vordrangen, und endet in Prag im Jahre 1990 auf einem Konzert der Rolling Stones. Fünfzehn dramatische Episoden werden mit Musik von den Beach Boys, Pink Floyd, Bob Dillan und The Plastic People of the Universe kombiniert. Stoppard, selber tschechischer Abstammung, erzählt eine Geschichte über die Schwierigkeit, sowohl in einer totalitären als auch in einer demokratischen Gesellschaft seine Freiheit zu bewahren; über die immense Bedeutung, sein Leben nach eigenem Ermessen zu gestalten; und darüber, wie schwer es ist, jemanden zu lieben und ihm ein echter Freund zu sein.

 Fotos: Evgenija Ljuljukina und Anton Belizkij


„Lässt man den Rock ’n‘ Roll als solchen beiseite, so scheint dieses Stück um die Idee zu kreisen, dass es in einer totalitären Gesellschaft keine Menschen gibt, die sich von dieser Gesellschaft abgrenzen. Es gibt eine offizielle Opposition, die im Grunde genommen ein Teil dieses Spiels ist. Die Musiker meinen: ‚Uns interessiert nicht, was Sie machen. Wir wollen nur Rock ’n‘ Roll spielen.‘ Mit dem Stück möchte ich zum Ausdruck bringen, dass eine solche Position unmöglich ist. Wenn du nicht Teil des Spiels bist, dann bist du dagegen. Und du kannst nicht sagen: ‚Wir sind nicht dagegen, es ist uns einfach nur egal‘, erläutert Stoppard die Grundidee seines Stückes.

Daraus ist eine kluge, stellenweise traurige, doch zugleich inspirierende Geschichte geworden. „Es ist einfach fantastisch, wenn man nicht nur eine gute Aufführung hinbekommt, sondern diese zugleich noch etwas bewirkt“, meint der Regisseur und künstlerische Leiter des Russischen Akademischen Jugendtheaters Alexej Borodin. „Dann ist uns gelungen, wonach wir stets streben: ein Theaterstück, das nicht nur ein Theaterstück ist.“

Genau wie Alexej denkt man auch beim Wohltätigkeitsfonds „Wera“. Dieser Fonds unterstützt Hospize in 14 russischen Städten, damit unheilbar Kranken freie medizinische, soziale, psychologische, juristische und geistige Hilfe geleistet werden kann. „Hierbei handelt es sich nicht nur um eine Theater-Premiere, nicht nur um die Aufführung eines Stückes von diesem genialen Dramaturgen in Russland, sondern vielmehr um ein kulturelles Projekt von höchster Dimension“, erklärt der Präsident des Fonds „Wera“ Njuta Federmesser. „Und die Hospize spielen dabei nicht zufällig eine Rolle, vielmehr sind auch sie Teil der Kultur. Hier geht es in der Tat nicht um eine medizinische, sondern mehr um eine kulturelle Frage. Ich bin den Organisatoren sehr dankbar – zum ersten Mal wird nicht aus medizinischer Sicht, sondern aus dem Blickwinkel der Kultur einer Gesellschaft über Hilfe für kranke Menschen gesprochen – so sollte es auch sein.“

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