Wenn Gebäude eine Stimme hätten

Sieben Schwestern ist eine Bezeichnung für die sieben im Sozialistischen Klassizismus erbauten Hochhäuser in Moskau. Foto: SergeyRod/Flickr

Sieben Schwestern ist eine Bezeichnung für die sieben im Sozialistischen Klassizismus erbauten Hochhäuser in Moskau. Foto: SergeyRod/Flickr

Peter Knoch, 46 Jahre alt, ist Architekt aus Leidenschaft. In Berlin hat er an der Akademie der Künste studiert, 1991 hat es ihn nach St. Petersburg gezogen. Während die Sowjetunion auseinander bricht, erlebt Knoch die spannendste Zeit seines Lebens. Hautnah dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird, das begleitet ihn bis heute.

Die Bauwerke in Moskau atmen Geschichte, alle erzählen sie auf ihre Art von ihrer jeweiligen Historie. „Und genau diese Heterogenität macht Moskaus Stadtbild aus“, erklärt Knoch bei einer Tour. Solche Touren sind für Knoch ein Hobby, er macht Führungen für andere Architekten, für Geschäftsleute, aber auch für ganz normale Leute, die ihn als „Guiding Architect“ buchen. Heute sind drei Frauen aus Berlin dabei, eine kommt ursprünglich aus dem tschechischen Brno. Die Drei sind gemeinsam knapp eine Woche in Moskau unterwegs, für die Führung mit Peter Knoch auf den Spuren der sowjetischen Avantgarde haben sie einen halben Tag eingeplant. Mitte 60, aus gutbürgerlichem Milieu und kulturell sehr interessiert – die Damen fragen den Hobby-Stadtführer Löcher in den Bauch. Und er antwortet geduldig.

Seit 2003 als Architekt in Moskau

 

Geduldig zu sein, musste Knoch als Erstes lernen, als er 2003 nach Moskau kam, vor allem bei Baugenehmigungen. Aber es hatte ihn niemand gezwungen, nach Russland zu gehen. Er sagte, er sei gekommen, weil es in Russland mehr Möglichkeiten gäbe, Visionen zu verwirklichen. Seine Frau ist auch Architektin. Und Russin. Sie haben sich in Deutschland kennengelernt und als der Vertrag seiner Frau in Deutschland auslief, hat sie sich in Moskau umgesehen. Bei sieben Architekturbüros hat sie sich vorgestellt – und überall wollte man sie haben. Peter Knoch erklärt: „In Deutschland gibt es 120.000 Architekten, in Russland nur 30.000. Das heißt in Russland werden Fachkräfte händeringend gesucht, auch Architekten.“ Am Anfang hat er für ein russisches Architekturbüro gearbeitet, seit drei Jahren entwickelt er strategische Konzepte beim Beratungsunternehmen „Ernst & Young“. „Moskau ist laut und anstrengend, ja, aber hierher zu gehen, war eine der besten Entscheidungen meines Lebens“, sagt Peter Knoch im Rückblick. Denn die Stadt sei dynamisch und verändere sich ständig – für Architekten geradezu ideal.

Blick in Moskaus Stadtgeschichte

 

Zwei Ereignisse haben Moskaus Stadtbild wesentlich geprägt. Sie sind dafür verantwortlich, dass Russlands Hauptstadt heute so aussieht, wie sie aussieht. Erstens: Sie ist 1812 mit der Eroberung Napoleons fast vollständig abgebrannt, stehen geblieben sind nur Gebäude der Aristokratie sowie der Kreml. Die meisten Gebäude in Moskau stammen also aus der Zeit nach dem großen Brand. Und das zweite Ereignis ist auf Stalin zurückzuführen – er hat die Stadt 1935 in großem Maßstab umbauen lassen. Interessant ist, dass die großen monumentalen stalinistischen Bauten (zum Beispiel die so genannten „Sieben Schwestern“ - sieben Hochhäuser im stalinistischen Zuckerbäckerstil) auf eine Konzeption zurückzuführen sind: Moskau sollte die Hauptstadt des Kommunismus werden, also eine Welthauptstadt wie seinerzeit Berlin. Durch den Zweiten Weltkrieg wurde dieses Vorhaben zwar gestoppt, aber die vielen überdimensionalen Bauten prägen auch heute noch das Stadtbild von Moskau. Sie sind auf Postkarten verewigt und tief im Bewusstsein der Moskauer verankert. Obwohl es in Russland bislang noch keine geschichtliche Aufarbeitung der Stalin-Zeit gegeben hat, die Gebäude ließen sich nicht so ohne Weiteres ausradieren. Sie nehmen Raum ein und sind Symbol einer Zeit, in der Russland als Weltmacht wahrgenommen wurde.

Im krassen Gegensatz dazu stehen die Gebäude der 20er Jahre - die Zeit der sowjetischen Avantgarde. Die Bauten aus dieser Zeit galten als revolutionär und fortschrittlich. Sie waren der Inbegriff der Moderne. Heute fügen sie sich unauffällig ins Stadtbild und werden oft von Ministerien als Bürogebäude genutzt. So auch das Gebäude des Ministeriums für Statistik in der Nähe der Metrostation „Krasnije Worota“, Uliza Mjasnizkaja 39. Das Gebäude stammt von einem der bekanntesten Architekten des 20. Jahrhunderts, Le Corbusier, und wurde 1929 für die sowjetische Gewerkschaft errichtet. Die Außenfassade besteht aus rosafarbenem armenischem Tuffstein. Über die Jahre ist der Naturstein dunkel und grau geworden. Die Stahlfenster wurden in den 70er Jahren durch Aluminiumfenster ersetzt.

Früher sowjetische Avantgarde, heute Sitz des mächtigen Ölkonzerns Lukoil. Foto: Eldar/Flickr


Ein weiteres Gebäude aus dieser Zeit ist das heutige Gebäude des Landwirtschafts­ministeriums. Der Entwurf stammt von Alexej Schtschussew, der auch das berühmte Lenin-Mausoleum errichtet hat. „Es ist ein architektonisches Lehrbeispiel“, sagt Peter Knoch, „wie man Fassaden um einen Gebäudekomplex herumführt, ohne sie zusammenstoßen zu lassen“. Denn das Besondere an dem backsteinfarbenen Bau: Die meisten Ecken sind abgerundet, Kanten sucht man vergeblich. Stattdessen findet man eine harmonische Gesamtkomposition, die auf ihre Weise auch monumental wirkt, aber wenig aufdringlich daherkommt und nicht sofort ins Auge springt.

Sowjetisches Erbe überall präsent

 

Auffälliger sind da die Gebäude des Konstruktivisten Konstantin Melnikow. 1926 hat er den sowjetischen Pavillon für die Weltausstellung in Paris entworfen – und damit seinen Durchbruch gefeiert. Er war immer stolz darauf, unabhängig - also nicht Mitglied der Kommunistischen Partei - zu sein. Damit stand er bei seinen Architekturkollegen ziemlich alleine da. Und eine weitere Eigenheit bei Melnikow war, dass sich als Anthroposoph bezeichnete. Diese spirituelle Weltanschauung kann man bei seinen Bauwerken entdecken – allen voran bei den von ihm gebauten Arbeiterklubs. Doch Peter Knoch kennt sich damit nur unzureichend aus. Und das gibt er unverblümt zu, was ihn zusätzlich sympathisch macht. Generell hat er eine angenehm einnehmende Art. Er spricht überlegt, aber nicht langsam. Und: Er kann beliebig aus seinem Wissensfundus schöpfen. Man merkt, dass er sich auskennt. Die drei Damen aus Berlin fühlen sich gut aufgehoben, folgen seinen Schritten und Ausführungen. Eine sagt: „Ich war 1969 zum letzten Mal hier, damals war hier alles grau, so wie in Ostberlin.“

Die Stadt hat sich gemausert. Zwar blättert an vielen Gebäuden der Putz, und bei anderen  steht eine Generalsanierung an, zu der oftmals das Geld fehlt. „Trotzdem gibt es insgesamt einen sehr großen und raschen Fortschritt“, findet Peter Knoch. Natürlich sei das sowjetische Erbe, nicht zuletzt durch die vielen Leninbüsten, noch immer präsent. „Aber die Zeit der Sowjetunion verblasst zunehmend“, meint Knoch, „die Kinder können doch heutzutage nichts mehr mit Hammer und Sichel anfangen“. Knoch spricht aus Erfahrung, denn seine Tochter geht in Moskau zur Schule - in eine russische Schule.

Zwei Jahre hat Peter Knoch an seinem Buch „Architekturführer Moskau“ gearbeitet. Foto: Pauline Tillmann

Zwei Jahre lang hat Knoch an einem Architekturführer für Moskau geschrieben, um nach eigenen Angaben „eine Lücke zu schließen“. Der Führer erschien im Januar 2011 in Deutsch und bietet einen Streifzug durch die Epochen. Und fällt vor allem durch seinen goldenen Umschlag auf. „Gold ist einfach die perfekte Farbe für Moskau“, glaubt er. Und wenn man an die prächtigen goldenen Kuppeln der vielen orthodoxen Kirchen denkt, ist man geneigt, ihm Recht zu geben. Moskau ist nicht aus einem Guss wie St. Petersburg - oder Prag oder auch Wien. Aber genau das macht diese Stadt aus. Und das bietet Architekten wie dem Deutschen Peter Knoch Raum für Visionen. In den nächsten Jahren sieht er Moskau als die angesagte Metropole noch vor London, Istanbul oder Paris. Auch das ist eine Vision und - eine spannende Vorstellung zugleich.

Kontakt und mehr Informationen zu Peter Knochs Führungen unter: http://www.guiding-architects.net/.

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