Die Geschichte ist uns keine Hilfe

Irina Jassina. Foto: Alexander Tjagni-Rjadno

Irina Jassina. Foto: Alexander Tjagni-Rjadno

Die Zivilgesellschaft in Russland hält man gemeinhin entweder für etwas, das überhaupt nicht existiert, oder für eine unangenehme Randerscheinung. Da gibt es irgendwo ein paar verrückte Städter in fusseligen Pullovern, die sich selbst Aufgaben zudenken und sie dann selbst lösen. Außer, dass sie einander brauchen, braucht sie niemand. Und obendrein fassen sie auch noch westliche Stipendien und Preise ab.

Ich bin einigermaßen zufällig in diese Welt hineingeraten. Als Michail Chodorkowski 2001 die Gründung seiner Stiftung „Offenes Russland“ in Angriff nahm und mir die Mitarbeit anbot, war nicht vorauszusehen, was da kommen würde. Weder Chodorkowskis Verhaftung, noch die Durchsuchung meines Arbeitszimmers, und erst recht nicht, dass ich mich im Lager der Bürgerrechtler wiederfinde. Anfangs hat mir dort nicht alles gefallen, aber ich habe mich eingewöhnt. Und bin wegen meines renitenten Charakters in Manchem sogar zur Anstifterin geworden.

Die Empfindung, dass unsere russische Zivilgesellschaft etwas Sektenartiges hat, ist während dieser Zeit wiederholt in mir aufgekommen. Auch das Vorurteil mit den westlichen Preisen und Stipendien traf gelegentlich zu. Ich wollte die Grenzen erweitern. Mir schwebten Seminare mit Journalisten, mit Studenten aus verschiedenen Regionen, mit Geschichtslehrern und ehrenamtlichen Helfern vor. Aber die Grenzen waren absolut unverrückbar. So schien es mir zumindest.

Seitdem sind zehn Jahre vergangen. Irgendwie ist Vieles anders geworden. Kann sein, ich bin einfach ein unverbesserliches Mittelding aus Optimistin und Idealistin. Aber urteilen Sie doch selbst. Olga Romanowa, Moskauer Journalistin und Ehefrau des 2007 inhaftierten Unternehmers Alexej Koslow, bittet mich um Mithilfe bei der Suche nach einem Kinderheim, auf dessen Gelände sie zusammen mit anderen Ehefrauen von „Wirtschaftshäftlingen“ ihre Aktion „Pflanze einen Baum für deinen Mann“ durchführen kann. „Ein Altersheim ist besser“, schlage ich vor. Und rufe Lisa Oleskina an, die bis vor Kurzem noch Studentin war und jetzt an der Spitze des gemeinnützigen Vereins „Alter macht Freude“ steht. Ich frage, ob sie ein Heim mit einer einigermaßen zugänglichen, vernünftigen Leitung ausfindig machen kann. Es dauert nicht lange, bis Lisa fündig wird. An einem Sonnabend fahren wir hin, um Apfelbäume, Johannisbeerbüsche und noch diesen oder jenen „schmackhaften“ Strauch zu pflanzen, denn die alten Frauen haben sich Gehölze mit essbaren Früchten gewünscht. Jeder, der will, kann mitmachen.

Die Dinge kommen in Gang. Zu den Treffen von Romanowas informellem Klub der „Häftlingsfrauen“ erscheinen jedesmal auch meine Freunde, die Rollstuhlfahrer. Eine von ihnen, Mutter einer kleinen Tochter, hat eine Bewegung behinderter Eltern ins Leben gerufen. Sie, liebe Leser, können sich vielleicht nicht so gut vorstellen, wie das ist, wenn man ein gesundes Kind hat und selbst im Rollstuhl sitzt. Man muss – wie alle anderen Eltern auch – im Kindergarten vorbeischauen, dann wieder in der Schule, muss im Geschäft etwas für das neue Schuljahr kaufen und so weiter. Es gibt viele Menschen mit derartigen Problemen, jetzt schließen sie sich zusammen. Weil Schwierigkeiten gemeinsam leichter zu bewältigen sind.

Zur letzten Spazierfahrt meiner Rollstuhl-Freunde habe ich einige gerade aus der Haft entlassene Unternehmer eingeladen. Wieso denn nicht? Gesunde Männer, die kräftig genug sind, um Rollstühle durch Moskaus holprige Straßen zu schieben, genau das brauchen wir.

Wer schon einmal von Tatjana Krasnowa – sie lehrt an der Fakultät für Journalistik der Staatlichen Lomonossow-Universität Moskau – und ihrer Initiative „Ein Umschlag für Gott“ gehört hat, wird kaum noch daran zweifeln, dass es die Zivilgesellschaft in Russland gibt. Man kann sie jeden Monat im Café „Drowa“ in der Moskauer Nikolskaja-Straße hautnah erleben. Mancher sitzt hier den ganzen Abend, mancher kommt nur auf einen Sprung vorbei, doch alle haben die Ankündigung im LiveJournal gelesen und sich eingefunden, um Geld zu sammeln für die medizinische Behandlung von Kindern aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Diese Kinder sind jetzt Bürger der GUS-Staaten und in Russland „Ausländer“ ohne Ansprüche, aber die medizinischen Zentren zur Behandlung schwerster – insbesondere onkologischer – Erkrankungen befinden sich nun einmal nach wie vor in Moskau. Krebskranke Kinder beispielsweise aus dem tadschikischen Duschanbe hat man stets nach Moskau geschickt. Unter Parteichef Leonid Breshnew ebenso wie in der Gorbatschow-Ära. Und so ist es noch heute. Nur dass jetzt dafür horrende Summen fällig werden. Deshalb kommen die Besucher in das Café „Drowa“, um Geld für diese Kinder zu spenden. Jeder gibt, so viel er kann: Der eine ein paar kleine Rubel-Scheine, ein anderer ein paar hundert Euro.

Aber die Zivilgesellschaft, das sind nicht nur Menschen, die Kindern, Senioren oder Haustieren helfen. Auch verantwortungsvolle Bürger, die als Wahlhelfer Stimmen auszählen, zu Meetings gehen oder sich anderweitig engagieren, zählen dazu. Und ich wage eine Prognose: Warten Sie ab, was sich entwickelt, alles zu seiner Zeit. Das, was Ende der 1980er Jahre schnell mit Kundgebungen begann, war ebenso schnell zu Ende. Der Wille und die Befähigung zum Zusammenschluss, die aus der Unterstützung für ein Katzenasyl oder dem Einsatz bei einem Ausflug von Rollstuhlfahrern erwachsen, sind nicht so einfach außer Kraft zu setzen.

Die Fähigkeit, sich zusammenzuschließen, ist das Erste. Als Zweites kommt das Bewusstsein, dass man nicht für die eigenen Rechte kämpfen, zugleich aber Anderen das Recht absprechen kann, sich für ihre Interessen einzusetzen. Wenn ein Bursche aus irgendeiner demokratischen Bewegung brüllt: „Was haben die (gemeint sind etwa Schwule oder Lesben) für ein Recht, sich auf unseren Straßen zu versammeln?“, wodurch unterscheidet er sich dann von dem Mann an der Spitze des Prozessionszuges, der – die Christusfigur hoch über dem Kopf erhoben – einem lesbischen Mädchen einen Faustschlag ins Genick versetzte?

Wir stehen am Anfang des Weges. Das historische Erbe und die Geschichte sind uns keine Hilfe. Aber wir sollten auch nicht übersehen, wie viel sich in den Jahren der Putin’schen Stagnation verändert hat. Nicht alle legen angesichts des Drucks von Oben resigniert die Händein den Schoß. Das Beispiel eines Einzelnen, der zu kämpfen und Widerstand zu leisten vermochte, ermutigt Andere zu eigenem Tun. Hauptsache, man weiß, wer dieser eine Aufsässige ist. Und erzählt es weiter.

Irina Jassina leitet den „Klub für regionale Journalistik“ und hat eine Novelle mit dem Titel „Istorija bolesni“ (wörtl.: Die Krankengeschichte) geschrieben.


Ihr Beitrag erschien zuerst bei vedomosti.ru

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