Der Irrtum des Milliardärs

Pressekonferenz, 14. September: Michail Prochorow gelobt den Parteivorsitz. Beim Parteitag am Tag darauf wurde er abgesetzt. Foto: Denis Sinyakov / Reuters

Pressekonferenz, 14. September: Michail Prochorow gelobt den Parteivorsitz. Beim Parteitag am Tag darauf wurde er abgesetzt. Foto: Denis Sinyakov / Reuters

Es schlug wie eine Bombe ein, als Michail Prochorow die Führung der Gerechten Sache übernahm - Oligarchen halten sich von der Politik fern. Doch das Gastspiel währte nur kurz.

In seinem riesigen Arbeitszimmer in der Moskauer Innenstadt, mit einer gläsernen Kuppel statt eines normalen Dachs über dem Kopf, lässt Michail Prochorow Wassermelonen vom eigenen Feld servieren. Er erzählt schlüpfrige Anekdoten im Grenzbereich zur Zote und bestätigt seinen Ruf, ein ausgebuffter, an Siege gewöhnter 
Geschäftsmann zu sein. Das Treffen ist fast ein Jahr her, und damals dachte niemand im Traum daran, dass Michail Prochorow, laut Wirtschaftsmagazin Forbes mit 18 Milliarden Dollar dritt-reichster Russe, in die Politik gehen würde.

Inzwischen hat Prochorow innerhalb kürzester Zeit einen vielversprechenden politischen Aufstieg und seinen jähen Absturz erlebt. Im Juni wählte die Partei Prawoje Delo (Gerechte Sache) ihn zum Vorsitzenden. Doch Prochorow wurde den Regierungsstrategen, und da vor allem dem Chefideologen Wladislaw Surkow, zu selbstständig, und Mitte September stürzte er über eine vom Kreml initiierte Parteirevolte. Der Geschlagene beschimpfte Surkow als „Drahtzieher" und gelobte: „Ich werde alles dafür tun, dass er abtritt." Es war der erste offen ausgetragene Konflikt zwischen einem Oligarchen und Vertretern des Machtapparats seit dem Fall Chodorkowskis. Prochorow ist ein Mensch, der an Niederlagen nicht gewöhnt ist.


Klassische Oligarchenkarriere

Der Aufstieg Michail Prochorows ist in vielem typisch für die „Oligarchen", wie man jene nennt, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion sehr schnell zu großem Reichtum gelangten. Als Sohn eines mittleren Sowjetfunktionärs erhielt er eine solide Ausbildung an der Staatlichen Finanzakademie, war in der Jugendorganisation Komsomol aktiv, wurde Mitglied der Kommunistischen Partei. 1989 heuerte er bei der Internationalen Bank für wirtschaftliche Zusammenarbeit an, wo er auch seinen Geschäftspartner Wladimir Potanin kennenlernte. Anfang der 90er-Jahre gründeten die 
beiden die Internationale Finanzgesellschaft und später die Onek-simbank als Grundlage ihres Wirtschaftsimperiums.


Zum Milliardär machten Michail Prochorow die berühmt-berüchtigten Privatisierungspfandauktionen der Jelzin-Ära, bei denen sich das Duo Prochorow-Potanin für einen Spottpreis die Mehrheitsanteile mehrerer Großbetriebe sicherte, allen voran der Erdölgesellschaft Sidanko sowie des Buntmetallriesen Norilsk Nikel.


Prochorows weiterer Werdegang ist – trotz des Bruchs mit seinem Geschäftspartner Potanin – eine einzige Erfolgsgeschichte. Selbst aus der Wirtschaftskrise ging er als Sieger hervor. Als sich die Misere anbahnte, stieß er Aktiva im Umfang mehrerer Milliarden Dollar ab und kaufte mit dem Erlös bankrotte Unternehmen auf.


Prochorow pflegte gleichzeitig gute Kontakte zu den Mächtigen, akzeptierte ihre Spielregeln und zeigte Verständnis für „die soziale Verantwortung des Unternehmertums", die der Kreml so gern im Munde führt.
Russlands Basketball musste 
vorangebracht werden? Prochorow machte ZSKA Moskau mit viel Geld zu einem europäischen Vorzeigeclub. Es galt, die Innovationsfreude Russlands zu beweisen? Prochorow brachte die Produktion des russischen Hybridautos „Yo-Mobil" in Schwung.

Kurs auf die Wahlen


In diesem Frühjahr war der Kreml auf der Suche nach einer konkurrenzfähigen liberalen Partei. Es galt, die Legitimität der Duma-Wahlen zu untermauern und den Konflikt zwischen Regierung und liberaler Öffentlichkeit zu entschärfen. Der Kreml brauchte eine Persönlichkeit wie Prochorow – medienerfahren, erfolgreich, loyal.


Michail Prochorow kam nicht umhin, mit dem Kreml Absprachen darüber zu treffen, was als statthaft und was als unzulässig zu gelten habe. „In Russland existieren für Parteien Beschränkungen, und zwar strikte", erläutert der Politologe Alexej Makarkin die Spielregeln der hohen Politik. „Die erste Beschränkung: Man sollte keine Kontakte zur marginalen parteilosen Opposition der Straße unterhalten. Die zweite: Man darf den gesetzten politischen Rahmen nicht allzu weit überschreiten, keine Themen aufgreifen, die der Führungsspitze unangenehm sind, kein fremdes Wählerfeld beackern, vor allem nicht das der Regierungspartei Einiges Russland."
Für Michail Prochorow waren derartige Absprachen vertretbar, er kannte das aus seiner Unternehmertätigkeit. „Es gibt mündliche Verträge ‚nach dem Ehrenkodex', und es gibt juristische Vereinbarungen. Während in den 90ern die mündlichen Absprachen dominierten, sind heute alle zu den Standards des russischen oder westlichen Rechts übergegangen", glaubte er.


Die Tatsache, dass in Russlands Politik die Zeit der verbalen Abmachungen „nach dem Ehrenkodex" noch längst nicht vorbei ist, wollte Prochorow offenbar nicht wahrhaben. Am Ende war es gerade die unterschiedliche Auslegung von getroffenen Absprachen, die ihn zu Fall brachte.

Andrej DunajewAndrej Dunajew. Foto: SERGEI CHIRIKOV

Partei Prawoje Delo

Parteivorsitzender: Andrej Dunajew


Gegründet: 2008


Ausrichtung: (Wirtschafts-)liberal


Prawoje Delo entstand, als die finan-ziell ruinierte Oppositionspartei SPS mit zwei kleineren Parteien fusionierte. Politisch unterstützte sie Präsident Dmitri Medwedjew. Der Einfluss des Kreml auf die Partei ist bekannt, ihr Vorsitzender hofft allerdings für die 
Zukunft auf mehr Unabhängigkeit.


Nach eigenen Regeln


Im Mai gab Prochorow bekannt, die Parteiführung der Gerechten Sache zu übernehmen. Die Partei war vor einigen Jahren aus der heruntergewirtschafteten Oppositionspartei SPS hervorgegangen und galt als liberaler Testballon des „Parteienschöpfers" Wladislaw Surkow, stellvertretenden Leiter der Kreml-Verwaltung.


Prochorow startete voller Energie in den Wahlkampf
. Er gewann fähige, bei den Machthabern in Moskau aber ungeliebte Vertreter des öffentlichen Lebens für seine Partei. In Kaliningrad entfernte er die komplette Regionalführung der Gerechten Sache und setzte an die Parteispitze einen tüchtigen und populären Organisator von Massenprotesten, die es hier vor anderthalb Jahren gegeben hatte. Prochorow war es auch, der den rigorosen Antidrogenaktivisten Jewgeni Roisman – eine ambivalente, für viele Wähler aber charismatische und beliebte Figur – ins Boot holte.


Als Gegenspieler zu Einiges Russland hätte die Gerechte Sache 
etliche Stimmen hinzugewinnen können, wenn sie sich einen sozialeren Anstrich gegeben hätte. Doch Prochorow gab lieber den ideologiefreien Populisten, der schillernde Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens um sich schart und die Gerechte Sache als Partei des Fortschritts präsentiert. Es müsste ihm von Anfang an klar gewesen sein, dass er als „klassischer Liberaler", wie ihn die Machthaber sehen wollten, die für den Duma-Einzug nötigen sieben Prozent der Wählerstimmen nicht zusammenbekommen würde. Die Kreml-Strategen hingegen begriffen nur zu gut: Alles, was Prochorow oberhalb von 5 bis 7 Prozent einfährt, würde zu Lasten von Einiges Russland gehen.


Mehr als eine Statistenrolle

„Prochorow war die Rolle des Sparringspartners zugedacht, aber er hat einen echten Kampf begonnen", meint Politologe Gleb Pawlowskij, der im Sommer selbst aus dem präsidialen Thinktank entlassen wurde. „Irgendwann wollte ihm Surkow seine eigenen Kandidaten für die Wahllisten aufzwingen." Prochorow hingegen sei überzeugt gewesen, Medwedjew und Putin hätten ihm eine Carte blanche in die Hand gegeben, und lehnte die Kandidaturen ab. „Es ist zum offenen 
Konflikt gekommen, Putin und Medwedjew ließen Prochorow fallen, und der in politischen Intrigen erfahrenere Surkow konnte Prochorow als Parteivorsitzenden durch Konkurrenten innerhalb der Partei stürzen lassen", erklärt Pawlowskij. Der siegesgewohnte Unternehmer wollte auch in der Politik nicht nur präsent sein, sondern siegen. Hier liegt der Ursprung für seinen Konflikt mit Surkow, dem Strippenzieher.


Zurück bleibt eine Partei, die ihre Chancen auf den Einzug in die Duma verspielt hat, und ein Oligarch, der nun gelobt, nicht 
einmal als Wähler an den Parlamentswahlen teilzunehmen. „Trotz meiner 20 Jahre in der Wirtschafts- und Geschäftswelt hatte ich noch gewisse Illusionen. Gestern sind sie mir genommen worden", schrieb er nach der Niederlage in seinem Blog.


„Meine Fehler liebe ich genauso wie meine Erfolge", sagte er seinerzeit. „Weil sie mir die Grenze des Möglichen zeigen, die man nicht überschreiten darf." Grenzen, die allzu eng sind, um die Politik in Russland auch nur ein Jota interessanter und unberechenbarer zu machen.


Wiktor Djatlikowitsch leitet das Ressort Politik des Wochenmagazins Russkij Reportjor.

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