Personalkarussell in Russland

Moskau bleibt attraktiv für Arbeitnehmer aus ganz Russland. Foto: koraxdc.

Moskau bleibt attraktiv für Arbeitnehmer aus ganz Russland. Foto: koraxdc.

Im September bestätigte das Statistische Amt Russlands Rosstat, dass Russland gegenüber dem Krisenzeitraum einen großen Erfolg im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit verzeichnen konnte. Dieser Erfolg ist im Wesentlichen der gestiegenen Mobilität der Arbeitnehmer zu verdanken.

Letzten Sonntag bemerkte ich auf einer Straße Moskaus zwei junge Frauen, die ihrem Benehmen nach offensichtlich nach Moskau gekommen waren, um sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt anzuschauen. Doch der Schein trog. Eine der Beiden zog ihr Handy aus der Tasche und antworte auf einen Anruf: „Eine Warenlieferung habe ich bereits von Moskau nach Perm abgeschickt. Die Lieferung nach Jekaterinburg geht morgen raus.“ Sie hatte offensichtlich, trotz ihrer geringen Alters, in Moskau eine Arbeit gefunden. Und zwar eine recht anspruchsvolle: irgendetwas im Bereich Logistik, was die Kenntnis der russischen Provinzmentalität voraussetzt. 

Der Fall dieser jungen Frauen ist ein gutes Indiz dafür, dass der Beschäftigungsanteil der russischen Bürger nach der Krise rapide zunimmt — schneller sogar als in den führenden Industrienationen. In Russland betrug die Arbeitslosenquote im Juni 2009 8,3 % der arbeitsfähigen Bevölkerung, im Juni 2011 waren es lediglich noch 6,1 %. Demgegenüber belief sich die Arbeitslosenzahl in der Eurozone im Juni 2009 auf 9,4 % und stieg bis zum Juni 2011 sogar noch auf 9,9 %. Sogar im von der Krise nicht ganz so hart betroffenen Deutschland ist die Entwicklung mit 8,1 % im Juni 2009 und 6,9 % im Juni 2011 schlechter.

Es stellt sich die Frage, ob man das Beispiel der jungen Frauen nicht als Beleg dafür sehen kann, dass die deutliche Zunahme der Beschäftigungszahl der russischen Bevölkerung nach der Krise auf eine größere Mobilität der Arbeitnehmer zurückzuführen ist. Mag sein, dass die Zahl der Arbeitsplätze in den Heimatorten der beiden nach der Krise nicht gestiegen ist – in Moskau jedenfalls hat sie drastisch zugenommen. 

Dies belegen auch die statistischen Daten. Anfang 2008, als die Krise Russland noch nicht erreicht hatte, wurde durch Rosstat eine Zunahme der Binnenmigrationen von Arbeitskräften festgestellt. Laut Untersuchungsergebnis zur Beschäftigungssituation haben im Jahr 2008 im Durchschnitt 1,6 Millionen Menschen außerhalb ihres Verwaltungsbezirkes gearbeitet. 2009 waren es aufgrund der geringeren Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt und der massenhaften Kürzung von Arbeitsplätzen nur noch 1,4 Millionen Menschen. Bis Dezember 2010 stieg diese Kennziffer wieder auf 2,3 Millionen – dies entspricht 3,3 % der beschäftigten Bevölkerung des Landes.

Die Spitzenplätze beim Arbeitskräftezuzug russischer Bürger aus anderen Regionen belegten Anfang 2011 die Stadt Moskau, das Gebiet Tjumen, das Gebiet Moskau, die Stadt St. Petersburg und die Region Krasnodar. 

Moskau leistet durch die Anwerbung von Fachkräften aus anderen Regionen traditionsgemäß einen wesentlichen Beitrag im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit in Russland. Bereits der Moskauer Schriftsteller Iwan Beloussow äußerte sich zum Zuzug junger Arbeitskräfte im 19. Jahrhundert wie folgt: „Die Lehrlinge strömen aus den nahegelegenen Amtsbezirken und den umliegenden Gouvernements nach Moskau. Jeder Landstrich hat dabei sein bevorzugtes Handwerk oder Gewerbe. So ‚belieferte‘ zum Beispiel Twer Moskau mit Schustern; aus Jaroslawl kamen zwar auch Schuster, mehr noch aber Schankwirte und Kleinhändler; Rjasan schickte Schneider und Mützenmacher und Wladimir Tischler und Schreiner“. 

Woher die beiden jungen Frauen stammten, habe ich mich nicht getraut zu fragen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Wlastj. 

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