Keine Panik vor dem E-Book

Direktorin des Buchkaufhauses Moskwa Marina. Foto: Pressebild

Direktorin des Buchkaufhauses Moskwa Marina. Foto: Pressebild

Die Direktorin des Buchkaufhauses Moskwa Marina Kamenewa im Herzen der Hauptstadt über die Leselust der Russen

Frau Kamenewa, lohnt es sich heute, Bücher zu verkaufen?


Der Profit im Buchhandel war schon immer geringer als in anderen Branchen, aber wir verdienen schon etwas. Bis zuletzt war die Situation allerdings stabiler.

Was bedeutet „bis zuletzt“?


Ende 2010, Anfang 2011 ging bei uns der Umsatz herunter, in manchen Bereichen um bis zu 20 Prozent, in Buchhandlungen auf dem Land sogar um 40 Prozent. Ich sehe dafür vier Gründe: den Einfluss der Makroökonomie, allgemein sinkendes Interesse an Büchern, die Konkurrenz der Internetgeschäfte und E-Books.

Ist der Unterschied zwischen Städten wie Moskau und den Regionen wirklich so gravierend?


Der Unterschied ist katastrophal. In den Regionen ist das Angebot sehr mager, die Lieferungen dauern lang und sind teuer. In Chabarowsk hat jüngst jemand ein Buch bestellt. Das Buch selbst kostete 230 Rubel, und für die Lieferung hat er 1000 bezahlt. In Russland mit seinem großen Territorium sollte man „Print on demand“ entwickeln, das heißt in den wichtigen Städten in Sibirien, dem Ural und dem Fernen Osten kleine Druckereien etablieren, die Bücher in Auflagen von 100 oder 200 drucken können. Dann muss man keine Lastwägen durch die Gegend fahren lassen oder große Lagerhallen bezahlen.

Hat sich die Nachfrage in den letzten Jahren verändert?


In der Krise wurde mehr Fantasy, historische Literatur und Psychologie gelesen. Bei der modernen Literatur geht es bergab.

Weil die Realität belastend ist?


Genau. Ich wurde in die Jury eines Literaturpreises berufen. Und bei der Auswahl der Bücher habe ich so viel von dieser „Wirklichkeit“ gelesen, dass ich einige Autoren gerne zum Psychologen geschickt hätte!

Ist das E-Book denn eine echte Konkurrenz für das gedruckte Buch?


Nein, obwohl die Verkaufszahlen rapide wachsen: im Jahr 2010 bei uns um 300 Prozent!

Können Sie sagen, dass die Russen durchaus bereit sind, dafür Geld auszugeben?


Ja. Ich habe Mitarbeiter, die nur E-Books lesen. Sie haben mir erklärt: „Wenn die elektronische Version eines Buches gleichzeitig mit der Druckversion erscheint, würden wir das E-Book kaufen. Aber wenn ein Buch erscheint, und es gibt die elektronische Version nicht im Handel, dann laden wir natürlich das E-Book illegal herunter.“ Besonders problematisch ist die Situation mit ausländischen Verlagen: Sie haben Angst, uns die Rechte an elektronischen Büchern zu verkaufen, weil unser Schutz des geistigen Eigentums sie nicht zufriedenstellt.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Magazin Profil.

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