Weniger Bücher, weniger Autoren: Verlage setzen auf Serien

Dmitri Gluchowskis Endzeitroman „Metro 2033“ machte sein russischer Verlag prompt zur Buchreihe. Foto: Ruslan Suchuschin

Dmitri Gluchowskis Endzeitroman „Metro 2033“ machte sein russischer Verlag prompt zur Buchreihe. Foto: Ruslan Suchuschin

Die Auflagen sinken, die Verkaufszahlen gehen zurück. Verleger versuchen, sich mit gewinnträchtigen „Projektserien“ zu retten. Für innovative neue Autoren ist kaum Platz.

Bemühen wir zunächst einmal die offizielle Statistik. Die Föderale Agentur für Presse und Medien musste jüngst einräumen, dass der russische Buchmarkt 2010 um acht Prozent geschrumpft sei und die Umsätze von 1,66 auf 1,53 Milliarden Euro sanken. Die Bücherkammer als das für die statistische Erfassung sämtlicher in Russland herausgegebener Titel zuständige staatliche Gremium erklärte im September, dass die Gesamtauflage in den ersten acht Monaten des Jahres 2011 um vier Prozent gesunken sei. In Verlags- und Autorenkreisen machen furchteinflößende Gerüchte von einem noch gravierenderen Markteinbruch um 15, wenn nicht gar um 25 Prozent die Runde.

E-Books und Raubkopien

Es gibt viele Gründe für diesen Verfall. Eine Rolle spielt sicher die Wirtschaftskrise, deren Folgen der Buchmarkt nach wie vor zu spüren bekommt. Daneben war das vergangene Jahr denkbar ungünstig für die Büchermacher: Die wirtschaftlich gut aufgestellten Regionen Zentralrusslands wurden von Bränden heimgesucht, die Menschen flüchteten über den Sommer aus den Städten in ihre Datschas oder in den Urlaub, niemand kaufte Bücher. Und als dritter Faktor wäre der Einzug der E-Books zu nennen.

Dmitri Gluchowski, Autor des Erfolgsromans „Metro 2033“, schildert: „Mein Verleger sagt, bei allen großen, bekannten Schriftstel-lern in Russland gingen die Auflagen zurück. Ich glaube, nicht deshalb, weil die Leute weniger lesen, sondern weil sie dazu jetzt elektronische Lesegeräte und Smartphones benutzen, auf die sie Raubkopien herunterladen. Dass in Russland gegenwärtig eine Revolution des Lesens im Gange ist, habe ich an mir selbst gespürt.“

Gluchowskis „Metro 2033“ verkaufte sich seit 2007 mehr als eine halbe Million Mal, der Roman wurde damit zu einem Markenzeichen für den prosperierenden russischen Buchmarkt. Seinerzeit gab es eine Vielzahl erfolgreicher verlegerischer Initiativen. Es ist keine fünf Jahre her, da investierten große Verlage wie AST oder Eksmo hohe Summen in die Werbung, klebten die Städte mit Reklameplakaten zu, rückten ihre Autoren durch Zeitungsanzeigen und Fernsehspots ins öffentliche Blickfeld.

Nun ist es anders: Große Namen und Projekte sucht man vergebens, selbst bei den marktführenden Granden der Gegenwartsliteratur sinken die Auflagen rapide. Verkaufte Darja Donzowa, die Meisterin des ironischen Krimis, 2007 und 2008 noch zehn Millionen Exemplare jährlich, so waren es 2010 nur 5,4 Millionen.

Die Krise im Verlagswesen wirkte sich zwangsläufig auf den Buchhandel aus, auch hier schrumpften die Erlöse. „In Russland gibt es keinen unabhängigen Buchvertrieb“, erklärt Boris Kuprijanow, Gründer der Moskauer Independent-Buchhandlung Falanster. „In den Online-Supermärkten findet man nicht einmal die Hälfte dessen, was erscheint, und obendrein liegt der Aufpreis bei 100 bis 150 Prozent. Der Leser wird hier weder Bücher eines kleinen Verlags noch Titel aus dem Programm eines großen Verlagshauses finden, der kein Bestseller ist, sondern eine Auflage von unter 2000 Exemplaren hat. Und auf einen annehmbaren Preis braucht er schon gar nicht zu hoffen.“

Klassiker neu aufgelegt


Eine rettende Nische hat der Markt der Gegenwartsliteratur in den sogenannten „Projektserien“ gefunden, also in Buchzyklen, die auf Motive bekannter Werke oder Computerspiele zurückgreifen. So musste der bahnbrechende Roman „Die bewohnte Insel“ der Schriftstellerbrüder Arkadi und Boris Strugazki, der zu den Klassikern der sowjetischen Fantastik zählt, nach einer niveaulosen Verfilmung als Basismaterial für eine ganze Serie minderwertiger Bücher herhalten. Auf dem Gebiet der Science-Fiction debütierende junge Autoren bedienen die Konjunktur, indem sie die fantastische Welt der Strugazkis einfach mit „modernen“ Helden bevölkern, statt selbst literarische Universen zu erschaffen.

Die angespannte Lage auf dem Buchmarkt schlägt als ideelle Krise auch auf die eigentliche Literatur zurück.

Konstantin Miltschin ist Literaturkritiker bei der Zeitschrift Russkij Reportjor.