Ein halbes Jahrhundert in der Skyline

Im nächsten Jahr feiert das Hotel „Ukraina” sein 55-jähriges Jubiläum. Es zählt zu den bekanntesten Moskauer Bauwerken der im Auftrag Stalins errichteten „Sieben Schwestern” und ist eines der architektonischen Wahrzeichen der Stadt. Nach einer umfassenden Sanierung öffnete das Hochhaus vor einem Jahr öffnete wieder die Türen für seine Gäste.

Das „Ukraina” hatte für die Moskauer schon immer eine herausragende Stellung unter den „Sieben Schwestern”. Im Unterschied zu den unzugänglichen Ministerialgebäuden oder den von Hausmeistern streng überwachten Wohnhäusern stand das gigantische Hotel für jedermann offen, der für eine Weile das Moskauer Panorama auf sich wirken lassen wollte. Zu diesem Zweck suchte selbst Juri Gagarin im denkwürdigen Jahr 1961 das „Ukraina”auf – der legendäre Kosmonaut ließ sich von einer Aussichtsplattform aus die russische Hauptstadt zeigen. Heute gibt es keine Plattform mehr, dafür sind in den obersten Etagen einige moderne Restaurants untergebracht, deren Angebote das anspruchvollste Moskauer Publikum anziehen.

Das Hotel war immer schon ein Bauwerk der Superlative. Zum Zeitpunkt seiner Eröffnung, im Jahr 1957, war das „Ukraina” das größte Hotel nicht nur der UdSSR, sondern auch Europas. Bis heute gilt es als höchstes Hotel der Hauptstadt.

Großartige Ausblicke eröffnen sich unerwartet schon im Erdgeschoss. Man braucht die Hotellobby nicht zu verlassen, um aus der Vogelperspektive auf Moskau schauen zu können:  Dort hängt ein Panoramabild, welches das innere Zentrum der Stadt zeigt und das Jahr 1977 verewigt. Da glänzen die goldenen Kuppeln der Kremlkathedralen und Touristen lassen sich auf kleinen Ausflugsdampfern über die Moskwa schippern, aber den Horizont säumen nicht die Glastürme von Moskau-City, und die Autos, die da die Uferstraße entlang fahren, bekommt man bestenfalls in Oldtimer-Galerien zu sehen. Das Tageslicht über der Spielzeugstadt wechselt in eine Dämmerung, dann wird es Nacht und auf den winzigen Sträßchen – Maßstab 1 zu 75 – geht eine festliche Beleuchtung an.

Die umfassend angelegte und drei Jahre dauernde Sanierung nach dem Eigentümerwechsel – das „Ukraina” gehört heute zur Rezidor-Kette und wurde unter dem Label Radisson Royal wieder eröffnet – hat das einst berühmteste Hotel der Hauptstadt, wenn nicht der Sowjetunion in eine Oase durchdachter und eleganter Pracht verwandelt. Grundriss und Raumgestaltung wurden verändert, bestimmte Elemente der Ausstattung aus natürlichen und traditionellen Materialien aber sind geblieben, etwa Marmor, karelische Birke oder Onyx. Die Rekordzahl von über 1000 Zimmern ist auf etwa die Hälfte geschrumpft. Der Zauber des alten Moskau wurde übrigens bewahrt. Lediglich in Nuancen scheint die pulsierende Metropole aus dem Hintergrund durch, zum Beispiel in Gestalt einer Verkaufsgalerie für Designerschuhe, die sich vom Haupteingang bis zur Rezeption zieht.

In der Lobby ziehen gigantische Kristallleuchter die Aufmerksamkeit auf sich, es sind noch die echten aus sowjetischen Zeiten. Der Geist der Stalinära ist dezent, aber überall erkennbar: an dem typischen Faltendesign der wertvollen Portiere an den hohen Fenstern, an den grünen Lampenschirmen und der in der Bibliothek herrschenden Stille, die ihren Gästen neben einer Marx-Engels-Ausgabe hochmoderne Notebooks zur Verfügung stellt, an dem minutiös restaurierten, typisch sowjetischen Deckenschriftzug, der in zehn Zentimeter breiten und geschwungenen Lettern das „Fest der Arbeit und Ernte in der gastfreundlichen Ukraine” preist. „Für besondere Begeisterung sorgt dieses Detail bei den Japanern”, erklärte Oksana vom Empfang. „Einmal legte sich ein Tourist sogar auf den Boden, um es besser fotografieren zu können.” Vom Geist einer vergangenen Epoche zeugen nicht zuletzt die vielen Gemälde sowjetischer Künstler, die an den Wänden der Korridore, Hotelhallen und Zimmer hängen. Das Hotel beherbergt insgesamt an die 1200 echte Großgemälde, in denen sich Größen der russischen Malerei wie Wassili Polenow und Alexander Dejneka verewigt haben.

„Viele ausländische Gäste haben bereits den Wunsch geäußert, eines der Gemälde zu erwerben”, erinnert sich Natalja Kalinina, die schon über 30 Jahre als Referentin der Hotelleitung arbeitet. Doch sie sind als Eigentum des Hotels unverkäuflich. Im Jahr 1991 traf eines Tages eine Zuschrift aus Großbritannien ein: „Im März 1988 wohnte ich in Ihrem Hotel und erinnere mich bis heute an ein wunderschönes Gemälde, das auf unserer Etage hing. Auf ihm sind Kinder abgebildet, die im Schnee spielen … Ich habe bis heute dieses Gemälde nicht vergessen und würde es Ihnen sehr gerne abkaufen. Wenn das nicht möglich ist, wäre ich Ihnen für ein Foto unendlich dankbar …” Natalja veranlasste einen Fototermin für dieses Gemälde, schickte die Aufnahmen dem Kunstliebhaber. Einige Zeit später kam mit einem Dankesschreiben ein Familienporträt des einstigen Gastes zurück. Die Familie ist vor dem Hintergrund einer anhand des Fotos erstellten Kopie des Gemäldes zu sehen.

In einen Komplex mit dem Hochhaus zusammengefügt sind einige elf Etagen hohe Gebäude. Das sind Wohnhäuser, deren Mauern, wie auch bei den übrigen Baudenkmälern aus der Gruppe der „Sieben Schwestern”, schon eine große Zahl russischer Berühmtheiten gesehen haben – Sänger und Schriftsteller, Wissenschaftler und Schauspieler. In dem einladenden Innenhof des „Ukraina” wurde Ende der 50er Jahre eine Eislaufbahn angelegt, auf der die spätere Olympiameisterin im Eistanz Ljudmila Pachomowa ihre Kreise zog. Die Olympia-Geschichte des „Ukraina” reicht bis in die Gegenwart: Das Hotel verfügt über ein 50-Meter Olympia-Schwimmbecken, und im hauseigenen Fitness-Center bieten Olympiameister Einzelunterricht in verschiedenen Disziplinen.

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