Die Epoche der Autokratie ist vorbei

Das Volk hat keine Lust auf Diktatur. Foto: Reuters

Das Volk hat keine Lust auf Diktatur. Foto: Reuters

Die Vertreter der meisten Staaten dieser Welt kommentierten den Tod von Muammar al-Gaddafi mit unverhohlener Befriedigung und Hoffnung für ein neues Leben Libyens. Inwieweit diese Hoffnungen berechtigt sind, erzählte der Zeitung Wsgljad der ehemalige Botschafter in Tunesien und Libyen, heute Direktor für internationale Beziehungen der Stiftung zur Unterstützung der islamischen Kultur Wenjamin Popow.

Herr Popow, die russischen Anhänger Muammar al-Gaddafis behaupten, dass in der Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Dschamahirija das BIP pro Kopf der Bevölkerung bis zu 14.000 Dollar betrug, es keine öffentlichen Abgaben gab, Jungverheirateten Unterstütungsleistungen gezahlt, zinslose Verbraucherkredit ausgegeben, ein Teil der Medikamente kostenlos abgegeben wurden und der Staat junge Familien beim Kauf einer Wohnung unterstützt hat...

Tatsächlich gab es für die Bevölkerung viele Vergünstigungen. Das Einkommensniveau war hoch – das ist eine Tatsache. Das erklärt auch, dass Gaddafi sich 42 Jahre an der Macht gehalten hat. Das Besondere an Gaddafi war sein Titel - Führer der libyschen Revolution. Einen offiziellen Posten hat er nicht begleitet. Wenn er keine konkrete Antwort geben wollte, verwies er auf seinen Premierminister, da er selbst ja nur eine „Privatperson“ sei. In Wirklichkeit aber hat er seit 1977 die Fäden in der Hand gehalten. Außer für Sozialleistungen hat Gaddafi sehr viel Geld für terroristische und subversive Aktionen ausgegeben.

Die Tötung Muammar al-Gaddafis stellt einen Wendepunkt für das Land dar – wie wird die Situation sich jetzt entwickeln?

Die Situation wird sehr kompliziert sein. Vereinzelte Widerstandsnester wird es wohl auch noch weiterhin geben. Die Kinder Gaddafis werden auf freiem Fuß bleiben. Es wird keinen organisierten Widerstand mehr geben, aber die subversiven Aktionen werden fortgeführt. Aber das Entscheidende ist, wie nun das ganze Land wieder organisiert wird. Es bedarf eines verbindenden Elements. Das Land gleicht einem Flickenteppich – die verschiedenen Stämme sind zum Teil sehr einflussreich. Als die Macht an den Nationalen Übergangsrat (NÜR) übergegangen ist, konnte keine Regierung gebildet werden. Der Grund dafür war, dass jede Stadt möglichst viele Posten in den Ministerien für sich beansprucht hat.

Die am besten organisierten Freischärlereinheiten sind die Islamisten. Sie sind die einzige Kraft, die auch ohne ein Regime konkrete Entscheidungen treffen kann. Und sie verfügen über Waffen. Deshalb ist noch vollkommen offen, wie die Situation sich weiter entwickeln wird. Jetzt werden sich die Kräfteverhältnisse unter den bewaffneten Aufständigen klären. Es wird nicht leicht sein, alles auf einen gemeionsamen Nenner zu bringen und eine Idee zu formulieren, die alle Libyer vereinigt. Zu allererst einmal muss für ein friedliches Leben gesorgt werden, was gar nicht so einfach ist: Es gibt sehr viele Tote, und das bedeutet Vergeltung. Und viel Zerstörung.

Waren Sie persönlich berührt, als Sie vom Tod Muammar al-Gaddafis, mit dem Sie ja mehr als einmal Verhandlungen geführt haben, erfuhren?

Es hat schon etwas Makabres, wenn ein Toter gezeigt wird und alle sich freuen. Die Geschichte rückt wahrscheinlich alles irgendwann wieder an seinen Platz. Ich verstehe die Einstellung der Menschen, die dort gekämpft haben und umgekommen sind. Aber in diesem Zusammenhang im Fernsehen ständig die Leiche zu zeigen – das sorgt nicht für den besten Eindruck. Irgendwann wird sich das Bild ändern. Und wir werden die Realität etwas objektiver betrachten. Oder wie sich einer meiner libyschen Freunde ausgedrückt hat: Es steht noch nicht fest, wie sich die Dinge in Libyen letztlich gestalten werden und wer die Macht in seine Hände nimmt. Deshalb muss erst etwas Zeit vergehen.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass im Mai bei den Wahlen in Frankreich die Sozialisten an die Macht kommen werden, die bestimmt untersuchen werden, warum Paris bei diesem Krieg mitgemacht hat. Es wurde auch berichtet, das zuerst NATO-Flugzeuge die Wagen mit Gaddafi bombardiert haben und es erst danach zum Schusswechsel gekommen ist.

Die Experten nehmen an, dass nach der Liquidierung Gaddafis ein Auseinaderfallen des Landes nicht ausgeschlossen ist.

Ein solches Szenario ist äußerst finster. In Libyen gibt es eine Menge gescheiter Leute. Aber die Klärung der Verhältnisse könnte eine recht lange Zeit in Anspruch nehmen – wer soll der tatsächlich Herr sein, wer kann das Land zusammenhalten. Gegenwärtig ist eine solche Kraft nicht zu erkennen. Es gibt zu viele Interessen der einzelnen Stämme und Städte, es existiert eine reale Gefahr. Aber das Leben selbst kann dazu zwingen, sich dafür zu entscheiden, die zerstörte Wirtschaft wieder aufzubauen und die normalen Lebensverhältnisse wieder herzustellen. Die Kräfteverhältnisse müssen geklärt werden, so viel ist sicher. Das ist das Schicksal einer jeden Revolution. Eine Revolution ist – wie ein Krieg – leicht begonnen, aber was dann kommt – das lässt sich vorher immer schwer sagen.

Warum hat Ihrer Meinung nach Gaddafi das Land nicht verlassen, obwohl er die Möglichkeit dazu hatte?

Er hat selbst erklärt, dass er Libyen um nichts in der Welt verlassen würde. Ungeachtet seines Exzentrismus verfügte er über ein System von Werten und Anschauungen. Außerdem war er über vierzig Jahre lang faktisch der Eigentümer eines sehr reichen Staates, dessen absoluter Führer. Er konnte in ihm machen, was er wollte. Er war zudem ein äußerst anpassungsfähiger Politiker und hatte Schritte unternommen, die es ihm eigentlich gestattet hätten, dass ihn nicht das gleiche Schicksal wie Saddam Hussein ereilt. Aber jeder Politiker erlebt sein Waterloo.

Wie stehen die Chancen, dass Gaddafi nach seinem Tod in den Augen seines Volkes zum Märtyrer wird?

Wie die Libyer ihn in Erinnerung behalten werden, wird davon abhängen, was auf das Land in Zukunft zukommen wird. Wenn die Lebenssituation sich verschlechtern wird, wird Gaddafi zum Märtyrer und Helden. Wenn es der Oppositon gelingen sollte, einen demokratischen Staat zu schaffen, so wie sie es verkündet haben, wird der Oberst in den Augen der Bewohner des Landes ein Diktator bleiben.

Libyen als Staat hat nur unter Gaddafi existiert – er vermochte das Land auf einer für uns unverständlichen Basis zu vereinigen. Aber die Welt hat sich verändert, die Epoche der Globalisierung hat begonnen. Die Jugend will sich heute an der Leitung des Staates beteiligen und nicht hören, was die Führer des Landes ihnen vorschreiben. Die Epoche der Diktatoren ist ein für alle Male vorbei und Gaddafi war einer der letzten von ihnen.

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