Mit dem Schiff durch die russische Geschichte

Mit einem Schiff durch die Wolga. Foto: Eunix/Evgeny Pavlov

Mit einem Schiff durch die Wolga. Foto: Eunix/Evgeny Pavlov

Dem Reiz einer Schiffsreise kann sich kaum einer entziehen. Auf recht bequeme Weise kann man in kurzer Zeit vielfältige Landschaften und Kulturen entdecken und Leute kennen lernen. Und in Russland brechen nicht nur die Ozeanriesen zu Entdeckung ferner Länder auf, sondern auch die mächtigen Ströme und Flüsse Russlands laden zu Kreuzfahren ein.

Uglitsch

Ausländer wie Einheimische verfallen gleichermaßen den Schiffsreisen, wenn sie ihren Urlaub auf Wolga und Don, auf dem Jennissej oder der Moskwa verbringen. Eine der kürzeren, aber um so reizvolleren und und erlebnisreichen Kreuzfahrten führt von der Hauptstadt Moskau in die ehemalige Hauptstadt St. Petersburg. Eine Passagierin beschreibt ihre Eindrücke:

Nach dem Einklarieren an Bord legt das stattliche Flussschiff mit seinen vier Decks ab. Während aus den Lautsprechern der traurige russische Marsch „Abschied von der Slawin“ ertönt, winken die Zurückbleibenden und die Davonreisenden einander aus einem unbestimmten Gefühl zu. Ganz gleich, ob sie sie sich kennen oder nicht. Wahrscheinlich schwingt der Abschied und die Hoffnung mit, einander wieder unter glücklichen Umständen zu begegnen.

Entlang der prächtigen Uferstraßen mäandert der Fluss nach Norden in Richtung des Moskwa-Kanals zur Wolga. Am Abend kommt ein erstes Highlight auf uns zu: Wir passieren die erste der insgesamt 11 Schleusen des Kanals, der die Moskwa mit der Wolga verbindet. Einige von diesen Schleusen sind so eng und flach, dass der Abstand zwischen Bord und Mauer nur wenige Zentimeter beträgt. Die Stimme von Nikolai, dem Moderators des Bordradios, überschlägt sich, als er all die technischen Details über den Kanal herunterrasselt. Doch auf der Fahrt nach Petersburg sind so viele Schleusen zu sehen, wird das Schiff wird so oft gehoben und gesenkt, dass man schon nach einigen dieser Staustufen den Werken der Ingenieursbaukunst kaum noch die geführende Beachtung schenkt.

Das Schiff fährt auch nachts, und am Morgen haben wir schon die Wolga erreicht. Nach dem zünftigen russischen Frühstück im Salon sitzt man auf dem Sonnendeck und genießt wunderschöne Landschaften, die an einem vorüberziehen. Direkt am Ufer reihen sich malerische Dörfer und schicke Ferienhäuser aneinander. Goldene Kuppen der in den letzten Jahren wiederhergerichteten Kirchen glänzen in der Sonne. „Potjomkinsche Dörfer?“, witzelt ein älterer Herr aus Stuttgart nebenan. Er will nicht wahrhaben, dass sich Russland restauriert hat und schöne Seiten zeigen kann. „Ich habe so eine Kreuzfahrt in den 80er Jahren gemacht“, mischt sich Ljudmila aus Moskau ins Gespräch. „Damals war es mancherorts wirklich traurig. Die Stadtzentren hatte man zwar für Touristen auf Vordermann gebracht, aber das Umland ließ zu wünschen übrig. Ich erinnere mich an halbkaputte Holzhüttchen, die meistens unbewohnt waren. Die Region ist jetzt nicht wiederzuerkennen!“ Nikolais Stimme im Bordradio unterbricht unser Gespräch. Wir sollten den berühmten Glockenturm der Nikolaikirche von Kaljasin im Rybinsker Stausee nicht verpassen. Mitten in der Wolga ragt er traurig und bizarr auf einer einsamen und viel zu kleinen Insel empor. Er ist das Opfer der sowjetischen Industrialisierung. Die Kirche stand einst mitten in Kaljasin und wurde mit dem Ortes in den 30ern Jahren des vergangenen Jahrhunderts beim Bau des Uglitscher Stausees einfach geflutet. Unsere Reiseleiterin erzählt die traurige Geschichte der berühmtesten Sehenswürdigkeit von Kaljasin: „Der Kirchturm widerstand auch in der Folgezeit dem Wasser, war er doch so stabil gebaut, dass er einfach nicht einstürzen wollte. Dann hat man sich entschlossen, ihn nicht abzureißen, sondern einen Sprungturm für die Fallschirmausbildung daraus zu machen. Die Legende erzählt, dass eine junge Komsomolzin dort oben heruntersprang. Obwohl weit und breit nur Wasser war - das Inselchen war noch nicht da -, ist sie ums Leben gekommen. Vielleicht war der Hl. Nikolaus böse drüber, dass man seine Kirche entweiht hatte. Jedenfalls ließ man die Idee mit dem Fallschirmturm fallen. Jahre später hatte man ein Einsehen und entschied sich, den langsam zerfallenen Turm zu befestigen und ihn mit einem künstlichen Inselchen zu umgeben. Jetzt kann man ihn mit einem Boot erreichen. Und seit 2007 finden sogar wieder Gottesdienste statt.“

Dann kommt Uglitsch in Sicht. Die kleine Perle an der Wolga ist eine der sieben altrussischen Städte des sogenannten Goldenen Ringes, die im Norden von Moskau liegen. In Russland verbindet man die Stadt auch mit einem tragischen Ereignis aus dem Jahr 1591. Hier starb unter ungeklärten Umständen der Zarewitsch Dimitri, Sohn Iwans des Schrecklichen, der später heilig gesprochen wurde. Damit erlosch die erste russische Zarendynastie der Rurikiden, die sich auf Rurik, den Reichsgründer der Kiewer Rus, zurückführen lässt. Die meisten Russen gehen heute aber davon aus, dass der Zarewitsch im Auftrag des Regenten und Usurpators Boris Godunow ermordet wurde, der 1598 zum Zaren gekrönt wurde.

Am Uglitscher Flusshafen warten schon in russische Nationaltracht gekleidete junge Frauen, um uns nach alter Tradition mit Brot und Salz willkommen zu heißen. Dann geht es per pedes zum Uglitscher Kreml. Doch ist der Kreml nicht eine Burg? Dicke Mauern sind aber nirgends zu sehen. Unser Reiseleiter erklärt das: „Die Stadt war zwar eine Festung, sogar mit tiefen Graben. Der Kreml wurde aber aus Holz gebaut und oft beschädigt. Ende des 18. Jahrhunderts hat man die Mauern endgültig abgerissen, weil sie keinen Zweck mehr erfüllten.“

Demetrios Kirch am Blute, Uglitsch. Foto: Daria Boll-Palievskaya

Auf der Brücke zur Erlöser-Kathedrale geben zwei ältere Frauen russische Gesangfolklore zum Besten. Doch noch schönere Musik erwartet uns in der Kirche selbst. Ein Männerchor singt ein russisches Volkslied und einen typischen gregorianischen Kirchengesang. Ihre CD bieten sie gleich nebenan zum Kauf an. Und das fällt auf. Einjeder in der Stadt scheint vom Tourismus profitieren zu wollen. Wer will es den Uglitschern verübeln? „Früher lebte die ganze Stadt von unserer Uhrenfabrik „Tschaika“ (Möwe). In der ganzen Sowjetunion und darüber hinaus waren unsere Uhren bekannt. Jetzt steht die Fabrik immer mal wieder vor der Pleite“, weiß Tatjana zu berichten, die in Uglitsch lebt und eigentlich Lehrerin ist. Doch mit Stadtführungen bessert sie ihr Gehalt auf. Nach Besichtigung der Erlöser-Kathedrale geht es zur im Jahre 1692 erbaute Demetrios-Kirche am Blute. Die Fresken der Kirche berichten eindrucksvoll von der Ermordung des Zarewitsch. Nachdem wir den Uglitscher Kreml bestaunt haben, führt uns Tatjana zum zentralen Platz der Stadt. In den umliegenden Geschäften gibt es das berühmte Uglitscher Quellwasser, natürlich Uhren der Marke „Tschaika“ und regionale Käsespezialitäten. Am liebsten würde Uglitsch zur russischen Schweiz aufsteigen. Beim Schlendern durch das verschlafene Städtchen entdecken wir das älteste Kloster von Uglitsch – das Alexejew-Frauenkloster, dass noch vor kurzem eine halbe Ruine war. „Zu Sowjetzeiten war hier ein Textillager. Doch vor einigen Jahren kamen fünf Nonnen hierher. Sie schliefen buchstäblich unter freiem Himmel und machten sich an die Arbeit. Jetzt werden in beiden Kathedralen des Klosters wieder Gottesdienste gefeiert“, erzählt uns eine Frau, die in einer der riesigen und innen noch kahl wirkenden Kathedralen Kerzen an Gläubige verkauft. Wir kaufen ihr eine ab und entzünden sie vor der noch leeren Altarwand. Möge der orthodoxe Glaube dieser Stadt helfen, ihre neue Identität zu finden!
Als wir ablegen, genießen wir von Bord aus zum letzten Mal das herrliche Panorama der Stadt. „Was ist das für ein schönes klassizistisches Schloss direkt am Ufer?“, frage ich unsere Reiseleiterin. „Ein Empfangshaus von Gasprom“, antwortet sie lächelnd.

Jaroslawl

Am nächsten Morgen legen wir in Jaroslawl an. Die 600 000 Einwohner zählende Wolgametropole, die ebenfalls zum Goldenen Ring gehört, wirkt auf den ersten Blick wie die große, die imposantere Schwester von Uglitsch. Sobald man von Bord geht, begreift man, dass die Uhren hier auch viel schneller ticken. Während der Stadtrundfahrt wird die Geschichte der im 11. Jahrhundert gegründeten Stadt erzählt, die einst Hauptstadt des Jaroslawl Großfürstentums war und sich später zu einem Handels- und Industriezentrum entwickelte. Am meisten kann man dabei das Wort „stolz“ hören. Die Leute von Jaroslawl sind zum Beispiel sehr stolz darauf, dass ihre Stadt 100 Jahre älter ist als Moskau. Zu ihrem 1000jährigen Jubiläum, das im Jahre 2010 groß gefeiert wurde, hatte sich Jaroslawl extra rausgeputzt. „Besucher, die vor zehn oder fünf Jahre bei uns waren, erkennen inzwischen unsere Stadt nicht mehr wieder. Vor allem die Jaroslawler selbst sind über diese Entwicklung sehr glücklich“, berichtet die Stadtführerin voller Stolz.

Dann stehen wir vor der Himmelfahrt-Kathedrale – der Hauptkirche der Stadt. Es ist kaum zu glauben, dass bis vor kurzem hier nur Gras wuchs. Denn die ursprünglich aus dem 16. Jahrhundert stammende Kirche wurde  1937 gesprengt, im Rahmen des antireligiösen Kampfes der Sowjetunion. Doch 2004 fing man mit dem Wiederaufbau an, der fast ausschließlich von einem Moskauer Baulöwen finanziert wurde. Pünktlich zum Stadtjubiläum war die Kathedrale wieder rekonstruiert. Eine kleine Fotoausstellung in der noch nach frischer Farbe riechenden Kirche erzählt über die sechs Jahre dauernden Baumaßnahmen. Schön, dass nicht alle Neureichen in Russland ihr Geld für englische Fußballmannschaften ausgeben!

Nicht weit von der Himmelfahrt-Kathedrale eröffnet sich ein herrlicher Blick auf die Uferpromenade mit ihren Laternen und Springbrunnen. In der Mitte haben die Stadtgärtner aus Blumen das Stadtwappen gepflanzt - einen auf den Hinterbeinen stehenden Bär. Wie die Legende berichtet, hat der Gründer der Stadt – Fürst Jaroslaw der Weise – hier eine Bärin erlegt. Der Besuch von Jaroslawl wäre unvollständig ohne den obligatorischen Bummel in der hübsch hergemachten Fußgängerzone mit ihren zahlreichen Cafes und Geschäften.   

Doch Sehenswürdigkeiten und Geschichte machen einen pflastermüde, man möchte zurück an Bord. Und irgendwie freut man sich schon auf das Abendessen, auch wenn es keine richtige Überraschung mehr bietet. Denn am Vortag wählt man die Vorspeisen und Hauptgerichte für Mittagessen und Abendessen des nächsten Tages. Doch die Kochkünste unserer Köchin an Bord übertreffen die lapidare Ankündigung einer russischen Spezialität immer wieder. Wie die unseres Schiffsbäckers. Neben Brot und Brötchen bäckt er alle Kuchen täglich frisch.      

Vor dem Restaurant-Salon hängt eine Karte von Russland. Wir suchen die Orte, an denen wir schon vorbeigefahren sind, und die, deren Entdeckung noch aussteht. Und stellen fest, dass wir nur ein Bruchteil dieses riesigen Landes bereisen können. Neben mir steht der kleine Sascha. Er ist mit seiner Mutter aus Kamtschatka gekommen. Seine Mutter erklärt: „Wir haben es auf uns genommen, von Petropawlowsk-Kamtschatski die neun Stunden bis Moskau zu fliegen. Natürlich waren wir schon in Petersburg und auch in Moskau. Doch wir wollen mehr von unserem Land sehen.“ Sie reist mit ihrem Sohn allein, der Papa muss zu Hause bleiben, denn: „Zu dritt wäre es doch zu teuer.“

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