Putins langer Weg nach Eurasien

GUS-Staaten kooperieren eng. Foto: kremlin.ru

GUS-Staaten kooperieren eng. Foto: kremlin.ru

Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit haben acht GUS-Staaten Mitte Oktober in St. Petersburg ein Freihandelsabkommen unterzeichnet. Drei weitere wollen sich bis zum Jahresende entscheiden.

Dass es nach über zehnjährigen Verhandlungen am Ende unerwartet schnell ging, verdankt sich dem Erfolg der Zollunion aus Russland, Kasachstan und Belarus: Maßgeblich durch sie bedingt, ist der Wirtschaftsaustausch unter allen GUS-Staaten im ersten Halbjahr um fast 50 Prozent gewachsen.

Die neue Freihandelszone verbindet Länder, die ungleicher kaum sein könnten. Da sind zum einen die zentralasiatischen "Stans", Ex-Kolonien aus der Zarenzeit, die 1990 die Unabhängigkeit erlangten.

Da sind die drei Länder des Kaukasus, die zwischen Russland, Persien und der Türkei auf steinigem Pfad durch die Jahrhunderte ihre jeweilige Eigenständigkeit bewahren. Und da sind die slawischen Brüder Ukraine und Weißrussland, deren Verhältnis zum zentralistischen Moskauer Reich zu allen Zeiten eines von Anlehnung und Abgrenzung war.

Russland ist die mit Abstand dominierende Macht in der Region, und es ist auch der gewesene und aller Voraussicht nach zukünftige russische Präsident, Wladimir Putin, der das Projekt der eurasischen Integration seit Jahren vorantreibt.

Die Freihandelszone ist ein weiterer Schritt auf einem Weg, an dessen Ziel die Reorganisation der postsowjetischen politischen Landschaft und die Integration Russlands in den asiatischen Wirtschaftsraum stehen.

Organisatorisch existieren verschiedene Ebenen: Die 1991 ins Leben gerufene GUS, seit 2010 die Zollunion Russland-Belarus-Kasachstan, die jetzt geschaffene neue Freihandelszone und – als nächster Schritt – eine Eurasische Wirtschaftsunion, die Putin bereits für den Dezember 2011 in Aussicht gestellt hat.

Flankierend bietet die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit SCO, in der auch China Mitglied ist, eine Plattform für Militärisches und die kollektive Sicherheit. Putin, der die eurasische Perspektive nach Bekanntgabe seiner erneuten Präsidentschafts-Kandidatur erneut unterstrich, denkt in langen Zeiträumen.

Europa befindet sich im Niedergang; das zwingt Russland, und sei es wider Willen, sich nach Osten zu orientieren. Gleichzeitig wandelt das amerikanisch-chinesische Verhältnis sich zu jener Zweckallianz, die als globale Achse das 21. Jahrhundert bestimmen wird.

Wenn es in dem derzeit entstehenden Kräftefeld nicht außen vor bleiben will, muss Russland geostrategisch an Bedeutung gewinnen. Der absehbare amerikanische Rückzug aus dem Mittleren Osten liefert dazu die Schlüssel. Bei allen unübersehbaren Risiken ist er die Vorlage für den Kreml, sich in Zentralasien zwischen Iran und China als Stabilitätsgarant und eurasische Großmacht zu etablieren.

Nach dem Abzug der USA wird der fundamentalistische Islam alles daran setzen, die Region von Süden her aufzurollen. Die enge Anbindung an den russischen Nachbarn ist die vernünftigste Option für die traditionellen zentralasiatischen Eliten.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass schließlich sogar der Westen, realistisch und nüchtern geworden, in Russland einen wertvollen Bundesgenossen erkennt, der dem Abendland noch als Bollwerk dient, wenn die Europäer dazu selbst schon nicht mehr in Lage sind.

Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau und ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Russland-Aktuell