Im Herzen der Weltrevolution

Die kommunistische Internationale ruft zur Versammlung. Foto: Pressebild

Die kommunistische Internationale ruft zur Versammlung. Foto: Pressebild

Darf man lachen, wenn nebenan einer erschossen wird? Nobelherberge, Kommunistenzentrale und Stoff für eine Verwechs-lungskomödie: Das Moskauer Hotel Lux hat viele Gesichter.

Plötzlich ist das Hauptquartier der Weltrevolution in aller Munde. Seit „Hotel Lux“, der neue Film von Leander Haußmann, Ende Oktober in den deutschen Kinos anlief, interessieren sich selbst jene Menschen für das schicksalsträchtige Haus an der Twerskaja-Straße, die nie viel mit Diktaturen und Ideologien anfangen konnten – und mit Weltverbesserung schon gar nicht.


Im Hotel Lux aber arbeiteten die Berufsrevolutionäre der Kommunistischen Internationale genau daran. Vier Jahre nach der Oktoberrevolution richteten sie in dem 1911 als Nobelhotel erbauten Haus ihr Hauptquartier ein und gewährten dort verfolgten Kommunisten aus aller Welt Unterschlupf. Walter Ulbricht wohnte hier mit seiner Lotte neben Wilhelm Pieck und Herbert Wehner, der Spion Richard Sorge neben zukünftigen Staatenlenkern wie Ho Chi Minh und Tito. Der Alltag indes war trotz Marmorsäulen und Kristalllüstern wenig luxuriös: In Tagebüchern und Briefen klagten die Bewohner über Wanzen- und Rattenplagen, die Saufgelage junger Revoluzzer und den Gestank in den Gemeinschaftsküchen.


Der eigentliche Schrecken aber begann Ende der 30er-Jahre, als das Hotel Lux – zuvor mit zusätzlichen Lebensmittelzuteilungen und hauseigener Arztpraxis immerhin noch ein wenig privilegiert – unter Stalins Terror zur Menschenfalle wurde. Der sowjetische Geheimdienst NKWD verbreitete eine Atmosphäre von Angst und Misstrauen. Wer seinen Zimmernachbarn nicht verriet, der wurde verraten. In Nacht- und Nebelaktionen führten Stalins Helfer etliche ausländische Funktionäre ab, die Flure der Komintern-Herberge leerten sich beträchtlich. In sowjetischen Gulags starben schließlich mehr führende deutsche Kommunisten als in den Konzentrationslagern Adolf Hitlers.


Twerskaja trifft Sonnenallee


Darf man sich so einer Geschichte mit Humor nähern? Darf man Stalin „besoffen wie zehn Kosaken“ in Unterhemd im Bad sitzen lassen und ihm einen albernen Hitler mit schief angeklebtem Bärtchen und feuchter Aussprache zur Seite stellen? Der Regisseur Leander Haußmann, in der DDR aufgewachsen und mit „Sonnenallee“ zu Ruhm gelangt, tut es einfach. Er nimmt zwei brillante Schauspieler (Michael „Bully“ Herbig und Jochen Vogel), lässt sie zwei nicht minder begabte Komödianten spielen und spinnt daraus eine aberwitzige Geschichte voller Humor: Die beiden Freunde feiern in Berlin mit Hitler-Stalin-Parodien Erfolge, bis einer von ihnen untertaucht, um für eine bessere Welt zu kämpfen, und der andere eben diese in Hollywood sucht. Beide stranden im Hotel Lux, treffen dort eine schöne blonde und von der roten Sache zutiefst überzeugte Frau und rennen schließlich nach etlichen Verwechslungen zu dritt um ihr Leben.


Das leichte Genre sei für ihn ein „trojanisches Pferd“, um das Publikum für die historischen Vorgänge in der Sowjetunion zu interessieren, sagt Haußmann. Er war einer der Letzten, die das legendäre Haus in Moskau von innen sahen. Unter dem Namen „Zentralnaja“ war es nach Stalins Tod wieder zu einem gewöhnlichen Hotel geworden und blieb nach 1991 einer der wenigen Plätze, an denen man im Moskauer Zentrum preiswert übernachten konnte, wenn auch ohne Komfort. In die Mehrzahl der über 500 Zimmer hatten sich inzwischen Reisebüros, Übersetzerdienste und Internetcafés eingemietet, und im Hotelrestaurant mit seiner barocken Stuckdecke fand eine Fast-Food-Pizzeria Unterschlupf. Doch mit den langen Fluren und den Gemeinschaftsduschen, den vergilbten Tapeten und durchgelegenen Betten wäre das Haus ein idealer Drehort gewesen – wenn er nicht in Russland läge. Dort die Genehmigung für eine Stalin-Satire zu bekommen, hielt Leander Haußmann für unmöglich. „Die jetzige russische Führung ist immer noch sehr stalinfreundlich“, so der Regisseur. „Man mag es nicht, wenn Ausländer sich auf diesem Gebiet kritisch betätigen, schon gar nicht die Deutschen.“


Sein Team fand Ersatz in Westberlin: im Haus Cumberland am Kurfürstendamm, das seinem Moskauer Pendant nicht nur verblüffend ähnlich sieht, sondern auch dessen jüngstes Schicksal teilt. Kaum war die letzte Szene von „Hotel Lux“ abgedreht, rückten die Bauarbeiter an, um den historischen Bau zu entkernen und Platz für exquisite Eigentumswohnungen zu schaffen. In Moskau sind an der Twerskaja-Straße statt des alten Hotels schon seit Jahren nur Planen und Bauzäune zu sehen. Ein georgischer Geschäftsmann investiert 200 Millionen US-Dollar in den Nachbau des Hotels, diesmal mit mehrstöckiger Tiefgarage und überdachter Einkaufsmeile im Hof. Es soll 2012 neu eröffnen – dann wieder unter dem alten Namen „Lux“.

Hotel Lux - die wahre Geschichte


Der Geschichte im Film steht die wahre Geschichte Ruth von Mayenburgs gegenüber, die sieben Jahre (1938 bis 1945) in dem internationalen Ghetto-Hotel Lux in Moskau lebte. Dabei lernte sie nicht nur dessen Bewohner kennen, meist junge Kommunisten aus ganz Europa, sondern erlebte auch die stalinistischen Säuberungen hautnah mit. Die Neuausgabe ihres Berichts darüber wird ergänzt durch bislang unveröffentlichte Drehbuchnotizen des renommierten Filmemachers Heinrich Breloer. Verfasst hat er sie nach einer Moskaureise 1991 mit Ruth von Mayenburg.

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