Raus aus Sodom und Gomorrah

Zu Sowjetzeiten war er Oberhippie, Kultmusiker und Trinker. Heute hat Pjotr Mamonow Gott gefunden und lebt zurückgezogen. Für seine Fans wird er damit erst recht zur Ikone.

Eine sternenklare Nacht in Russlands Süden. Auf einer Bank sitzt ein älterer Mann in gebeugter Haltung. Schlichte erdfarbene Jacke, Halbstiefel. Hager. Glatzköpfig, fast ohne Vorderzähne. Eine Mischung aus Steve Jobs und Iwan dem Schrecklichen. „Die Welt ist ein einziger großer Organismus – und dem geht es schlecht. Mir tut ein Zahn weh, aber ich schreie als ganzer Mensch ‚Au!'. Genauso ist es auch hier."

Zwuki Mu und ein besessener Mamonow.


Das ist Mamonow, Kultfigur des Underground-Rock der 80er mit der Gruppe Zwuki Mu. Der Produzent Brian Eno, der mit der Band zusammengearbeitet hat, sagte über ihn: „Ich habe im Leben nichts Gleichartiges gesehen. Der Mann ist einfach besessen." In Mamonows Konzerten entstand der russische Punk, im Theater schuf er mit seinen magischen Körperbewegungen und dem Temperament eines Tobsüchtigen sein 
eigenes Genre des absurden Ein-Mann-Stücks.


Heute ist er ein „heiliger Narr"


Das wilde Leben gehört der Vergangenheit an. Heute verlässt Mamonow selten sein abgelegenes Dorf in der Nähe von Moskau, betreibt mit seiner Frau seit 15 Jahren biologische Landwirtschaft und denkt über das Leben nach. Er ist tief in den christlichen Glauben eingetaucht.


Doch das russische Publikum hat ihn nicht vergessen. Seine seltenen Konzerte sind gerammelt voll. Mamonow ist inzwischen bekannter als Schauspieler und als, sagen wir, orthodoxer heiliger Narr, einer, der alles sagt, was er denkt. 2006 zum Beispiel, als er bei der Verleihung des russischen Filmpreises für die beste Rolle im Film „Ostrow" (Die Insel) vor versammelter Künstlerbohème in Strickjacke, Jeans und Turnschuhen erschien - im Film ein reuiger Einsiedlermönch - und dem Publikum mit sanfter Stimme ein wenig stotternd die Leviten las. Russlands reale Probleme – die geistigen – würden ja niemanden im Saal interessieren. „Putin soll diese Probleme lösen? Dafür ist er eine Nummer zu klein, er ist ein Geheimdienstler, was soll der schon machen? Wir sind es, die was machen müssen", erklärte er und ließ die Vertreter des Showbusiness ratlos zurück.


Im Kampf gegen sich selbst


1951 geboren, wurde Mamonow ab Mitte der 60er-Jahre mit seiner Band als Oberhippie und Exzentriker unglaublich populär. Auf der Bühne führte er sich mal wie ein Schimpanse auf, mal wie ein gigantisches Reptil, das sich zu raffinierten Knoten windet, und imitierte epileptische Anfälle. „Russische Volkshalluzination" nennen das seine Fans.


In den 80ern, auf dem Gipfel 
seiner musikalischen Popularität, reduziert sich sein Leben auf „Weiber und Saufen", wie er es ausdrückt. Mamonow ist selten nüchtern, prügelt sich, landet in der Reanimation. Nach Erscheinen eines 1989 in London aufgenommenen Albums löst er kurzentschlossen seine Gruppe Zwuki Mu auf. 1988 gelangt er auf der Leinwand zu Berühmtheit und spielt die Rolle eines paranoiden Drogenbarons in dem sowjetischen Kultfilm „Igla" (Die Nadel). Den internationalen Durchbruch bringt ihm der Musikfilm „Taxi Blues" aus dem Jahr 1990, der in Cannes den Preis für die beste Regie abräumt.


Während unseres Gesprächs auf der Bank erklärt er, dass er seine Popularität nutze, um den Menschen bei ihrer Annäherung an Gott zu helfen. „Ich bin 60 Jahre alt, ich habe mein Leben gelebt, ich werde bald sterben", sagt er. „Und natürlich muss ich meinen Mitmenschen erzählen, was ich von diesem Leben verstanden habe."


Verstanden hat er einfache Dinge: dass „der Mensch stolz ist, und Stolz den Verstand trübt" und dass letztlich „die Menschen nicht mehr aufeinander hören". Dass Gott das Wichtigste sei und „die Menschen sich durch die Sünde von ihm entfernen", der eine durch Alkohol, der andere durch Hochmut, wieder einer durch Neid und Betrug. Dass alles von einem allein abhänge: Gutes oder Böses.

Das Leben von Pjotr Mamonow.


All das sagt er ruhig, ein wenig müde vielleicht. Das Interview verwandelt sich mal in eine Predigt, mal in eine Beichte. Patriarchalische Floskeln wechseln sich ab mit Jugend-Slang. Wenn ein Mensch so schlicht über derartige Dinge spricht, wird einem klar, dass Mamonow sein ganzes Leben lang mit seinem eigenen Ich kämpfte, mit wechselndem Erfolg. Er will ein besserer Mensch werden. Und verliert immer wieder diesen Kampf gegen sich selbst: „Aus meinem Sumpf, in dem ich bis zur Halskrause stecke, schreie ich: ‚Leute, nicht hierher!'"


Europa? Sodom und Gomorrha


„Was ist das christliche Europa heute? Nur noch Denkmäler, kein Glaube. Wozu haben sie denn diesen gigantischen Petersdom erbaut? Er war mal voller Menschen. So haben die Menschen gelebt, alle Hoffnung, alle Zuversicht auf Gott. Und jetzt? Der Komfort hat sämtliche geistigen Bestrebungen erdrückt, die Familien sind kaputt, wir bringen keine Kinder mehr zur Welt. Europa ist eine Gesellschaft von Alten, und auch wir gehen in diese Richtung." Mamonow ist unerbittlich: „Ich liebe Frankreich und England, wir sind mit dieser Musik, mit dieser Kultur groß geworden. Aber jeder vernünftige Deutsche, Engländer oder Schweizer – vorausgesetzt, der ganze Zaster hat ihm noch nicht das Hirn vernebelt – wird sagen, dass alles auf Sodom und Gomorrha zutreibt, und zwar zügig."


Der Schriftsteller Boris Akunin kommt einem in den Sinn, der die russische Nationalidee darin sieht, ein „hohes Ziel anzupeilen; mit den Erniedrigten und Schwachen Mitleid zu haben; nicht nur ein materielles Leben zu führen." All das schwingt mit im Leben Mamonows. Selbstzerstörung und Talent, ein enormes Gefühl für Freiheit. Warum glauben die Menschen ihm? „Ich war bei allem, was ich gemacht habe, aufrichtig, auch in meinen Verirrungen." Vielleicht ist das die Idee, die in Russland am meisten gebraucht wird.

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