Der Kosake

Heute wenden sich viele Männer in Russland auf der Suche nach ihrer ethnokulturellen Identität nicht dem Typus des Bauern, sondern dem des freien, unabhängigen Kosaken zu. Die Gestalt des Kosaken steht für Strenge, Standhaftigkeit und Entschlusskraft. Auch derber Mutwille ist dem Kosaken nicht fremd. Und der brausende Klang der Kosakenlieder voller Kraft, patriotischem Hochgefühl und überschäumendem Temperament ergreift jeden, der sie hört.

„Moskau als Kosaken-Staniza“ Festival. Fotos:  Ruslan Sujushin


Im Gorki-Park, einem der zentralen Parks Moskaus, fand erstmals das Internationale Festival „Moskau als Kosaken-Staniza“ statt, bei dem die Besucher sowohl traditionelle als auch moderne Kosakenkultur erleben konnten. Auf einer Freifläche des Parks wuchs an einem einzigen Tag eine kleine russisch-orthodoxe Kirche empor, umgeben von mehreren „kurenja“, den typischen Gehöften der Kosaken. Dort wurden landwirtschaftliche Produkte und handwerkliche Erzeugnisse feilgeboten. Auf drei Bühnen gab es ein buntes Programm aus Liedern und Tänzen der Kosaken. In den Pausen demonstrierten Meister der Kampfkünste und des Voltigierens ihr Können. Das Festival soll in Zukunft jährlich stattfinden.

Die Herkunft der Kosaken ist unter Historikern noch immer umstritten, außer Zweifel steht jedoch, dass die Wurzeln der „freien Leute“, wie sie sich selbst in ihren traditionellen Gesängen nennen, gleichermaßen bei Slawen, Turkstämmen und den Völkerschaften des Kaukasus zu suchen sind. Inbegriff des freien Kosaken ist Taras Bulba, der Held der 1835 erschienenen gleichnamigen Novelle des Schriftstellers Nikolai Gogol. Der begüterte Grundbesitzer und Kosakenführer Taras Bulba erschießt seinen eigenen Sohn, als dieser bei einem Feldzug um einer schönen Frau willen zu den gegnerischen Polen überläuft. Das Liebessujet des Werkes erinnert an Shakespeares „Romeo und Julia“.

Die ersten Kosaken – das turksprachige Wort bedeutet ‚freie Krieger‘ – waren geflohene Leibeigene, ungebundene Abenteurer und Abtrünnige, die sich im 16. Jahrhundert an den Flüssen Don in Südrussland und Dnepr in der heutigen Ukraine niederließen. Um echte Kosaken zu werden, mussten die Männer nicht nur eine schwierige Initiationsprozedur absolvieren, sondern sich auch in die Ordnung der ethnokulturellen Gemeinschaft einfügen. Unter der Herrschaft des Zaren Iwan des Schrecklichen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts genossen die Kosaken-Hetmanate den Status eigenständiger Staaten. In der Folgezeit integrierten sich die Kosaken mehr und mehr in das Russische Reich, dem sie zunächst als freie Reiterverbände, später auch als reguläre Truppenteile dienten. Über ein Jahrhundert lang – bis zur Revolution des Jahres 1917 – bildete das Kosakentum in Russland eine besondere militärische Schicht, sämtliche Männer dieser ethnokulturellen Gemeinschaft waren zu Kriegsdiensten verpflichtet.

Die Kosaken konzentrierten sich besonders am Kuban und am Don auf dem Territorium der heutigen Region Krasnodar und des Gebietes Rostow, im Ural, in Sibirien sowie im Fernen Osten, vornehmlich also an den Rändern des Russischen Reichs. Sie lebten als Wehrbauern und Handwerker mit ihren Familien in eigenen Siedlungen, den Stanizen, waren jedoch ständig an verschiedenen Feldzügen und kriegerischen Unternehmungen beteiligt. Selbst in Friedenszeiten hielten sie regelmäßig militärische Übungen ab.

Im Bürgerkrieg, der nach der Oktoberrevolution in Russland ausbrach, ergriff die Mehrheit der Kosaken Partei für die antibolschewistische „weiße“ Bewegung. Als die Bolschewiki siegten, emigrierten neben zahlreichen Vertretern der Intelligenz auch viele Kosaken, da sie die Ideologie des Sowjetregimes ablehnten. Nachdem sie jahrelang Verfolgungen, Repressionen und einer „Entkosakisierung“ ausgesetzt waren, wurden die in der Sowjetunion verbliebenen Kosaken Mitte der 1930er Jahre erneut in die staatliche Armee aufgenommen. Dem Ende des Zweiten Weltkriegs folgte dann jedoch die endgültige Auflösung aller Kosakenverbände. Erst nach dem Zerfall der UdSSR erlebte das russische Kosakentum eine Wiedergeburt.

Woher kommen nun all diese neuen Kosaken? Eine berechtigte Frage, die nicht jeder Bürger Russlands beantworten kann. Im Grunde muss man heute von zwei Kosakengemeinschaften sprechen. Das erste Kontingent rekrutiert sich aus Nachfahren der Don- und Kuban-Kosaken, die in der kosakischen Kultur aufgewachsen sind und deren Werte verinnerlicht haben. Russisch-orthodoxe Glaubensprägung, Patriotismus und Willensstärke besitzen für Männer wie Frauen gleichermaßen hohen Stellenwert. „Ich denke nicht, dass ich irgendeiner Organisation angehören, irgendwo irgendetwas beweisen muss. In unseren Familien ist das Kosakentum lebendig. Es geht nicht um äußere Attribute, sondern um den Seelenzustand. Und der wird geprägt vom Alltag, von der Erziehung eines Menschen“, sagt der angestammte Don-Kosake Jakow Iwanow. Er leitet das Gesangsensemble „Busuluk“, das sich der Pflege des traditionellen kosakischen Liedguts verschrieben hat. Erwähnung verdient jedoch auch, dass sich nicht alle Nachfahren von Kosaken als solche empfinden, sondern oftmals der modernen globalen Kultur näher stehen.

Das zweite Kontingent bilden die Mitglieder der offiziellen Kosakenorganisationen, die seit den 1990er Jahren im neuen Russland gegründet wurden. Heute gibt es sogar ein staatliches Kosakenregister, in das sich jeder – nach einer kirchlichen Weihe und mehreren Prüfungen – eintragen lassen kann. Für diese Gemeinschaft gilt das gleiche Wertesystem, doch die registrierten Kosaken erwerben es vielfach erst durch eigene geistige Auseinandersetzung mit dem Kosakentum. Die „Registerkosaken“ haben besondere gesellschaftliche Pflichten, die ihnen von ihren Organisationen und vom Staat auferlegt werden. „Ein Kosake ist vor allem ein Krieger in Christus, die Kirche bildet für ihn die Grundlage. Um diese Achse dreht sich alles andere: die Lebensordnung, die Erziehung der Kinder, das militärisch-patriotische Engagement“, erklärt Sergej Balaklejew, der den Pressedienst des Festivals „Moskau als Kosaken-Staniza“ leitet und Chefredakteur der Zeitschrift „Kasaki“ ist. Während das erstgenannte Kontingent also eine besondere lokale Kulturgemeinschaft darstellt, handelt es sich bei dem zweiten um eine Art Partei mit militarisiertem Einschlag. Freilich besitzt keine der beiden Kosakengemeinschaften den Status einer eigenständigen Schicht, wie ihn das Kosakentum im Russischen Reich für sich beanspruchen konnte. Im Alltagsleben sind die Vertreter beider Gruppen heute Historiker, Ingenieure, Journalisten, Industriealpinisten, Musiker oder was auch immer.

Russische Kosaken anno 1920 mit kosakischer Musik.

Und dann gibt es da noch die „Kulturkosaken“, die die traditionelle kosakische Sangeskunst lieben und in Folklore-Ensembles aktiv sind, ohne unbedingt Kosakenblut in ihren Adern zu haben. Sie unternehmen ethnografische Expeditionen und sammeln Material, nicht nur, um die Lieder und Tänze für die Bühne aufzubereiten, sondern auch für sich selbst, zur eigenen Freude. Wenn moderne Menschen in Kostüme mit Attributen einer Kosakenuniform schlüpfen, mag das zwar fast wie eine historische Rekonstruktion anmuten. Aber diese Menschen rekonstruieren nichts, sie stützen sich vielmehr auf eine lebendige Tradition.

Das Bild des Kosaken und die Kosakenkultur sind heute in breiten Schichten der Bevölkerung erstaunlich beliebt. Dass die Suche nach der ethnokulturellen Identität Russlands Männer häufig nicht zum Typus des Bauern, sondern des freien, ungebundenen Kosaken führt, mag auch daran liegen, dass Bauern in der russischen Literatur oft geknechtet und rechtlos erscheinen. Den literarischen Ruhm des Kosakentums begründete der Schriftsteller Michail Scholochow mit seinem 1925 herausgegebenen Romanepos „Der stille Don“. Dieses Werk, das Millionen von Sowjetmenschen bewegte, wurde mehrfach – 1930, 1958 und 2006 – von Meistern der Filmkunst aufgegriffen. Die „Leinwand-Kosaken“ vermitteln jedoch kaum eine realistische Vorstellung von authentischem Kosakentum.

Das Festival „Moskau als Kosaken-Staniza“ hat verdeutlicht, dass in die zeitgenössische Kosakenkultur Traditionselemente aus verschiedenen Gebieten Russlands eingeflossen und wie in einem Schmelztiegel national verquickt worden sind. Die Kosakenkultur ist heute allerdings stark verwässert durch die Popkultur, von der abgeschmackten Amateurdarbietung bis zur poppigen Bearbeitung von Volksliedern in der Unterhaltungsmusik. Man gewinnt den Eindruck, dass sich moderne Kosaken und echte Kosakenkultur erst noch begegnen müssen. Das Festival im Moskauer Gorki-Park war eine derartige Begegnung.