Woher rührt der Nationalismus in Russland?

Der Feiertag der Volkseinheit wird divers verstanden - Russischer Marsch 201. Foto: Kommersant

Der Feiertag der Volkseinheit wird divers verstanden - Russischer Marsch 201. Foto: Kommersant

In einem Land, wo noch vor 15 Jahren die Menschen nicht nach ihrer Nationalität unterteilt wurden, akzeptieren heute bis zu 60 Prozent der Bürger die Losung „Russland den Russen“ und die Immunität gegen Xenophobien schwindet.

„Wir geben Russland den Russen zurück“. „Schluss mit dem Durchfüttern des Kaukasus“. „Freiheit, Nation, Ordnung“. Während am 4. November im Zentrum Moskaus der offizielle Feiertag der Volkseinheit begangen wurde, marschierten im trüben Außenbezirk Ljublino 7 000 Nationalisten mit Losungen wie den oben genannten. Für das heutige Russland ist das durchaus eine Größenordnung.

Im siebenten Jahr des so genannten „Russischen Marschs“ rekrutierten sich die Marschierer wiederum hauptsächlich aus jungen Leuten mit unübersehbarer Gewaltbereitschaft gegenüber Fremdstämmigen. Doch daneben waren diesmal auch zahlreiche ältere Nationalisten zu der Manifestation erschienen. Dieses respektablere Publikum bezeichnet sich selbst als gemäßigt.

Ein zusammenhängender Protestzug kam allerdings nicht zustande, denn die Nationalisten zerfielen in mehrere Kolonnen: maskierte Skinheads, russisch-orthodoxe Fundamentalisten, unauffällige Rentner, die Ikonen christlicher Heiliger in den Händen hielten, und normal aussehende Eltern mit Kindern. Den Schluss bildeten Neonazis, die unter der Flagge der SS-Division Totenkopf marschierten.

Die Slogans der Kundgebungsteilnehmer waren ebenfalls verschieden. Sie reichten von den üblichen antikaukasischen Ausfällen über antisemitische Gassenhauer, die von Balalaika-Klängen untermalt wurden, bis zu Losungen gegen die Regierungspartei Einiges Russland und die vermeintliche Islamisierung des Landes.

Russischer Marsch 2011. Foto: www.ridus.ru , Kommersant

Der Protestzug war offiziell genehmigt und endete ohne Gewalt. Nach Informationen des Moskauer Analysezentrums Sowa, das sich auf das Monitoring von Rassismus und Xenophobie in Russland spezialisiert hat, wurden bei der Protestaktion Parolen skandiert, die zu nationaler Feindseligkeit aufhetzen. Ein Tatbestand, der unter Strafe steht. Doch die Polizei unternahm nichts.

Wo hat der Nationalismus in Russland seinen Ursprung?


Lew Gudkow, Soziologe und Direktor des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum, verweist darauf, dass heute bis zu 60 Prozent der Bürger der Russischen Föderation die nationalistische Losung „Russland den Russen“ akzeptieren. Etwa 50 Prozent der Moskauer unterstützen die Initiative, der Migration von ethnischen Kaukasiern und Asiaten in die Hauptstadt Grenzen zu setzen. „Das Problem besteht nicht einmal so sehr darin, dass xenophobische Stimmungen vom Bodensatz der Gesellschaft in breite Schichten der Bevölkerung aufsteigen, sondern darin, dass der gesellschaftliche Widerstand dagegen schwächer wird“, führt Gudkow aus. Dieses Phänomen hat mehrere Hintergründe. Igor Bunin, Generaldirektor des Zentrums für Polittechnologien, sieht die erste Ursache darin, dass sich sehr viele Menschen enttäuscht von der Macht abwenden. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel dafür ist die Kundgebung tausender Fußballfans auf dem Moskauer Manegeplatz im Dezember 2010. Sie skandierten nationalistische Losungen und forderten die Aufklärung des von Kaukasiern begangenen Mordes an einem Spartak-Anhänger. „Zu diesem Zeitpunkt hat sich erstmals Nationalismus mit sozialem Protest verquickt. Es war eine Reaktion auf das empfundene Unrecht, das Fehlen von Rechtsstaatlichkeit und den Mangel an legalen Formen der Einflussnahme auf die Machtorgane“, unterstreicht Lew Gudkow.

Der zweite Grund besteht in der inkonsequenten Migrationspolitik von Staat und Regierung. Einerseits werden – vor dem Hintergrund des Bevölkerungsschwunds sowie des Arbeitskräftemangels in Russland – die Migrantenströme aus den armen Regionen des Kaukasus und Zentralasiens begrüßt. Andererseits sind diese Migrationsprozesse nicht gesteuert, häufig ist dabei Korruption im Spiel. Mitunter heizen die Machtorgane auch selbst nationalistische Stimmungen an. Zudem fließt sehr viel Geld der Steuerzahler in den Kaukasus, wo es unterschlagen wird oder in undurchsichtige Kanäle versickert, was bei Teilen der russischen Bevölkerung Unmut hervorruft.

Ein weiterer Grund, den der Politologe Nikolai Petrow vom Moskauer Carnegie-Zentrum anführt, geht auf das Problem der Suche nach einer „russländischen“ Identität zurück. Nach Angaben des Lewada-Zentrums gab es Ende der 1980er Jahre im sowjetischen Russland weniger Nationalismus als in den anderen Republiken der Sowjetunion. „Die Bürger Russlands [gemeint ist die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik als systembildende Konstituente der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Anmerkung der Redaktion] besaßen ein imperiales sowjetisches Bewusstsein, das keiner ethnischen Untermauerung bedurfte“, urteilt Gudkow. Die ehemaligen Sowjetrepubliken – etwa im Baltikum oder im Kaukasus, aber auch die Ukraine – erlangten ihre Unabhängigkeit auf der Grundlage nationaler Befreiungsbewegungen. Die Bürger Russlands brauchten sich von niemandem zu befreien. Für Russland mit seinen 140 Völkerschaften war der nationalistische Weg zudem nicht opportun, meint Nikolai Petrow und fährt fort: „Im Unterschied zu den Türken in Deutschland hat jede Ethnie in Russland ihr eigenes historisches Territorium, deshalb führt Nationalismus hier zum Zerfall des Landes.“

Was macht einen Russen aus?


Soziologen argumentieren, dass sich der typische Nationalist über die Ablehnung anderer Ethnien definiert und in seinem Selbstwertgefühl bestätigt. Eine der meistdiskutierten Fragen im Milieu der russischen Nationalisten lautet deshalb: Was macht eigentlich einen Russen aus? Ein Teil derjenigen, die sich für russische Nationalisten halten, sucht Selbstgewissheit in Begriffen, die jenseits rassistischer Ressentiments liegen.

„Das russische Volk – das sind Menschen, die ihr Bewusstsein unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit auf der Tradition der tausendjährigen russischen Staatlichkeit gründen, zur russischen Kultur gehören und die russische Sprache sprechen. Wer das Land voranbringt, der ist ein Russe“, erklärte der Historiker Juri Krupnow in einem Zeitungsinterview. Eine derartige Lesart wird auch von staatlicher Seite unterstützt.

Was unterscheidet Russland von Europa?


Heute sind sämtliche nationalistischen Bewegungen in Russland offiziell verboten. „Ich bin überzeugt, dass jede halbwegs mitgliederstarke nationalistische Organisation in Russland, wenn man ihr nur die Möglichkeit einer legalen Entwicklung einräumt, Führungspersönlichkeiten hervorbringen wird, und diese Leader werden sich in einer Weise verändern, die sie nicht radikaler aussehen lässt als die rechten Politiker in Europa“, erklärte der Enthüllungsblogger und Kreml-Opponent Alexej Nawalny in einem Interview. Nawalny war bei der Abschlusskundgebung des „Russischen Marsches“ mit politischen Losungen in Erscheinung getreten.

Diejenigen Kräfte, die sich als gemäßigte Nationalisten bezeichnen und auch Zulauf durch einige oppositionelle Politiker liberaler Couleur haben, bemühen immer wieder die europäische Erfahrung. „In Europa gibt es jedoch Institutionen und gesellschaftliche Bewegungen, die sich dem widersetzen, in der Gesellschaft werden breit angelegte Diskussionen geführt, die dem Nationalismus weitgehend seinen aggressiven Charakter nehmen. In Russland fehlt so etwas“, argumentiert Lew Gudkow. Zudem zielt der europäische Nationalismus auf die Beschränkung der Migrationsströme ab. „In London, Lissabon und Paris sagt niemand, dass die Zuwanderer ausgesiedelt werden sollen“, so der Soziologe. Dagegen sind bis zu 40 Prozent der Moskauer für eine Zwangsausweisung von Fremdstämmigen aus der Hauptstadt.

Nach den Massenkrawallen auf dem Manegeplatz habe die Regierungspartei Einiges Russland „eine immense Bedrohung seitens des Nationalismus“ verspürt und deshalb beschlossen, die nationalistischen Stimmungen in der Gesellschaft unter ihre Kontrolle zu nehmen, meint der Direktor des Lewada-Zentrums. „Den Machtorganen geht es weniger darum, gegen diese Stimmungen anzukämpfen und die ihnen zugrundeliegenden Probleme zu lösen. Vielmehr versuchen sie die nationalistischen Befindlichkeiten zu absorbieren, wie das auch in Bezug auf den sozialen Protest geschehen ist“, schlussfolgert der Soziologe. Nach Meinung von Nikolai Petrow dürfte der Nutzen allerdings gering sein, werden die Probleme dadurch doch einfach konserviert oder sogar noch vertieft. „Es muss dazu eine aktive Diskussion in der Gesellschaft geben.“

DOSSIER

Nach Darstellung des Lewada-Zentrums machten sich ab Mitte der 1990er Jahre verstärkt nationalistische Tendenzen im Alltagsleben Russlands bemerkbar. Nach der Krise des Jahres 1998, als die Regierung den Staatsbankrott erklären musste, viele Bürger ihre Arbeit, ihre geschäftlichen Unternehmungen und ihre Ersparnisse verloren, wurde der Nationalismus unübersehbar. „Damals ist der Gesellschaft die Vorstellung von den eigenen Entwicklungsmöglichkeiten abhanden gekommen und man brauchte alternative Grundlagen für die kollektive nationale Selbstbestätigung“, argumentiert Gudkow. Ihren Höhepunkt erreichten die nationalistischen Stimmungen in der Mitte des ersten Jahrzehnts nach der Jahrtausendwende, als es in der karelischen Stadt Kondopoga im Norden Russlands, aber auch in der südrussischen Region Stawropol zu Pogromen und brutalen Morden an Vertretern anderer Ethnien kam.

 

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