Das Experiment ist zu Ende

Im März 2008, als Dmitri Medwedjew neuer Hausherr im Kreml wurde, bat mich die Redaktion der Zeitschrift Ogonjok um einen unkonventionellen Artikel. Ich, fast gleichaltrig mit dem Staatsoberhaupt und in einem ähnlichen sozialen Umfeld groß geworden, sollte versuchen, diese Generation zu charakterisieren.Der Artikel hieß „42: zwischen UdSSR und Russland“. Heute ist dieser Präsident bereits 46.

Ein warmer Tag im September des Jahres 2011, als Putin sich als neuer Präsidentschaftskandidat präsentierte, hat vieles verändert: mehr noch als den persönlichen Lebensweg Medwedjews die Wahrnehmung dessen, was sie bedeutet haben, diese drei Jahre, in denen „unsere Generation“ das größte Land der Welt lenkte und leitete. Bald werden wieder „die Alten“ das Ruder übernehmen, und es lohnt ein Blick darauf, ob sich etwas von dem, was ich seinerzeit mutmaßte, als zutreffend erwiesen hat.


Mein Text begann so: „Ungeachtet ihrer Jugend erlebte die Generation Medwedjews genug Umbrüche und Kataklysmen. Deshalb entspricht Stabilität für sie dem tief empfundenen Wunsch, von neuerlichen Erschütterungen verschont zu bleiben.“


Ich konnte damals nicht ahnen, wie weit die Liebe zu dieser Stabilität gehen würde. Unabhängig davon, ob das gesamte Szenario der Machtrochade von Anfang an geplant war: Die Abneigung des Präsidenten, über vorgegebene Grenzen hinauszugehen, ist frappierend.


Sucht man die Ursachen außerhalb von Medwedjews Persönlichkeit, ließe sich so etwas wie ein Perestroika-Syndrom bemühen. Die Erinnerung daran, wie kurz der Weg von hehren Wünschen und edlen Absichten hin zu Kontrollverlust und Katastrophe sein kann, ist noch frisch. Seinerzeit schien mir, meine Altersgenossen, die in der Mehrzahl leidenschaftlich an Gorbatschow geglaubt, sich dann aber tief enttäuscht von ihm abgewandt hatten, wären immun gegen den spezifischen Stil jener Zeit. Doch wird Medwedjew heute gerade mit Michail Gorbatschow verglichen. Wegen der Vielzahl wohlgefügter, ideologisch korrekter Reden, aus denen nichts folgte. Wegen des liberalen Flairs, dessen stromlinienförmige Glätte zu nichts verpflichtete. Wegen seines Wohlwollens gegenüber dem Westen.


Weiter schrieb ich: „Man hat uns jede Art von Naivität ausgetrieben, wir sind misstrauisch geworden. Denn auf den Bildschirmen der Fernsehgeräte, den Tribünen der Kundgebungen war zu viel Schönes, Überzeugendes zu sehen und zu hören, von dem sich dann zu wenig als wahr und aufrichtig erwies. Unsere Allergie gegen Pathos ist eine Reaktion auf sowjetische wie auf postsowjetische Lügen jeder Art, seien sie nun pro- oder antikommunistisch.“ In der Tat, von der Naivität haben wir längst endgültig Abschied genommen und Aufrichtigkeit ist Luxus geworden. Allergisch gegen Pathos war Medwedjew allerdings nicht, obwohl das Pathetische angesichts seines gemäßigten Temperaments stets ein wenig aufgesetzt wirkte.


In diesem Pathos erschöpfte sich seine Vision denn auch schon. „Modernisierung“ beschloss eine Serie von Begriffen, die in der späten UdSSR und im jungen Russland diskreditiert worden waren: von „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ und „Perestroika“ bis hin zu „Demokratie“ und „Markt“.


Kann man Medwedjews Position als pragmatisch bezeichnen? Der September 2011 lässt die Logik seines Handelns verschwommen erscheinen, wahrscheinlich war es einfach keine Logik der Macht. Auf die Nutzung seiner vornehmlichsten Möglichkeit – nämlich ein echter Präsident zu werden – hat Medwedjew bewusst verzichtet. Obwohl es schien, als habe er eine reelle Chance.


Für unsere Generation ist die vierjährige Präsidentschaft Medwedjews zu einem Negativsymbol geworden, das nur allzu deutlich versinnbildlicht: Die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung sind begrenzt.
Das Lenken und Leiten der Vierzigjährigen war ein seltsames 
Intermezzo, ein gescheitertes Experiment, nach dem die „alten Genossen“ aus der Babyboomer-
Generation wieder ihre rechtmäßigen Plätze einnehmen. Sie sind noch im Vollbesitz der Kräfte und denken gar nicht daran, die Zügel aus der Hand zu geben.


Und doch werden sie irgendwann abgelöst, nicht von den heute Vierzigjährigen, sondern von noch Jüngeren. Den dreißigjährigen Trägern jener Ambitionen, die das neue Russland prägte. Oder bereits von der „Generation der Freiheit“, die die UdSSR gar nicht mehr erlebt hat und die Welt vermittels Gadgets und Devices wahrnimmt. Wobei man den Eindruck gewinnt, Medwedjew mit seinem Faible für moderne Kommunikationsmittel sei gerade ihr Präsident gewesen, und sie würden ihm ernsthaft nachtrauern.


Fatal nur, dass die postsowjetische Epoche vorüber ist. Zusammen mit der kollabierten sowjetischen Infrastruktur, die ihre Reserven erschöpft hatte, verlieren auch alle dieser Zeit entlehnten ideologisch-politischen Konzepte oder gar Imitate ihren Sinn.


Die neue Führungsgeneration, die stärker vorwärts gerichtet und in Medwedjew verkörpert zu sein schien, konnte oder wollte aus bestimmten Gründen den Sprung nach vorn nicht wagen. Sie zog es vor, weiter unter der Patronage derjenigen zu stehen, die zwangsläufig nach hinten blicken. Selbst wenn die Rezepte der Vergangenheit unpraktikabel und die Instinkte stumpf geworden sind.

Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift Russia in Global Affairs.

Dieser Beitrag erschien zuerst in Ogonjok

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