China - neuer Raumfahrtpartner?

China und Russland könnten Partner in der Weltraumforschung werden. Bild: Niyaz Karim

China und Russland könnten Partner in der Weltraumforschung werden. Bild: Niyaz Karim

Dieses Jahr war reich an Weltraumforschungs-Ereignissen, allerdings sind Kooperationen mit Europa oder der USA eher selten. Es sieht so aus, als wären die Russen wieder einmal allein im All, wie zu Zeiten der Weltraumstation „Mir“. Es ist möglicherweise an der Zeit Russland den Blick vom Westen nach dem Osten zu richten.

Wenig Kooperationen mit Europa und USA

Die Amerikaner haben ihr Space-Shuttle-Programm eingestellt, und die wichtigste und größte Raummission der Menschheit - die Internationale Raumstation ISS - kann nur noch mit den zuverlässigen Lasteseln der russischen Sojus- und Progress-Raumschiffe versorgt werden. Mitte November hat eine Sojus-Kapsel zwei russische Kosmonauten und einen US-Astronauten zur ISS gebracht. Sie lösen eine dreiköpfige Crew aus Russland, den USA sowie Japan ab, die bereits seit 160 Tagen Wache schob. Kurz vor Weihnachten startet dann wieder ein Salut-Raumschiff vom Weltraumbahnhof Baikonur aus und wird von neuem drei Raumfahrer zur ISS bringen. Zuvor wird Russland noch drei Satelliten für sein Navigationssystem Glonass ins All schießen, das dem amerikanischen GPS ebenbürtig ist.

Wenngleich die Internationale Raumstation ISS eine wirkliche internationale Mission hat, beschränkt sich die praktische Zusammenarbeit mit Russland leider auf wenige Kooperationsleistungen, dafür werden um so häufiger vollmundige Erklärungen zur Vorteilhaftigkeit der internationalen Kooperation abgegeben. Wenn man aber einmal die offiziellen Erklärungen beiseite lässt, stellt sich heraus, dass die Amerikaner die Nutzung der russischen Weltraumschiffe als notgedrungene Maßnahme ansehen. Außerdem hat sich die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA bis heute nicht eindeutig über die Zukunft der ISS nach Beendigung ihre Space-Shuttle-Programms geäußert. Sowohl die NASA als auch die Europäische Weltraumorganisation ESA sehen ihre Hauptaufgabe darin, sich einen unabhängigen Zugang zum Kosmos und den Zugang zu den entsprechenden Informationen zu sichern. Sie wollen strategische Unabhängigkeit, technologische Führerschaft und Sicherheit erwerben und behalten.

Das kann eindrucksvoll das Constellation-Programm der NASA belegen. Ursprünglich wollte George Bush damit den Mond und den Mars erkunden. Nachdem Obama wegen knapper Kassen das Programm gestoppt hatte, geht es nun wieder voran. Im Jahr 2025 sollen Astronauten auf einem Asteroiden landen. Insgesamt geht es um die Entwicklung mächtiger Trägersysteme und weitreichender Deep-Space-Projekte. Von einer eventuellen Mitwirkung anderer Staaten ist dabei nicht die Rede.

Das kosmische Verhältnis zwischen Russland und Europa ist weniger dramatisch, allerdings existieren auch hier keine ins Auge fallenden Kooperationen. Das Gemeinschaftsprojekt eines wiederverwendbaren Weltraum-Transportsystems, das vor mehreren Jahren von Roskosmos und der ESA verkündet wurde, wartet bis heute auf seine Inangriffnahme. Schon Ende 2008 lies der damalige EU-Kommissar für Wirtschaft Günter Verheugen die Katze aus dem Sack: Die Abhängigkeit bei bemannten Weltraumflügen von den Russen sei für die Europäer unzumutbar.

Doch sehr große wissenschaftlich-technische Projekte, zu denen auch die Weltraumforschung gehört, sind ökonomisch und technisch nicht von einem Land allein zu schultern. Weil Amerikaner und Europäer dabei ausfallen, "müssen (wir) uns heute Gedanken darüber machen, wer unsere Schlüsselpartner im Weltraum sind. Es ist möglicherweise an der Zeit, unseren Blick vom Westen nach dem Osten zu richten. Das Zentrum von Wirtschaft, Technologie und Politik verlagert sich in den asiatisch-pazifischen Raum, wo sich China, Japan und Südkorea rasant entwickeln. Das Zitat stammt vom Korrespondierenden Mitglied der Russischen Ziolkowski-Akademie für Weltraumfahrt (RAKZ) Andrej Ionin aus dem Herbst 2008! Und die Entwicklung gibt ihm recht: Am 1. November 2011 hat China den Start einer Trägerrakete mit der automatischen Weltraumkapsel «Shenzhou-8» live übertragen.

Dieser Start ist für Peking ein Meilenstein, da «Shenzhou-8» auch noch automatisch an das bereits im September in den Weltraum geschossene Aggregat «Tiangong-1» andocken soll.  Das beweist die Fähigkeit des Landes, eine eigene Orbitalstation zu errichten, so wie es das offizielle Peking bis zum Jahre 2020 als Programm ausgegeben hat.

Erst vor kurzem hat die Volksrepublik China eine magische Grenze in der Raumfahrt überschritten: Die Zahl der mit einer Nutzlast in den Weltraum gestarteten Trägerraketen hat die Anzahl von 100 erreicht. Das Tempo mag aus Sicht der routinierten Russen nicht sehr beeindruckend sein; man hat hierfür mehr als vierzig Jahre gebraucht. Allerdings hat die Hälfte der Starts allein im letzten Jahrzehnt stattgefunden.

In diesem Zeitraum hat China mehrere kosmische Kommunikations-, Erkundungs- und Navigationssysteme entwickelt und getestet sowie Wettersatelliten und eine ganze Reihe von Forschungs- und Erkundungssonden in den Orbit gebracht. Was die Effizienz angeht – also den durchschnittlichen positiven Erfolg pro Raketenstart –, übertrifft China jede andere Weltraummacht, ganz zu schweigen davon, dass das Reich der Mitte nach der UdSSR und den USA das dritte Land ist, das einen eigenen Astronauten (chinesisch Taikonaut) in den Kosmos befördert hat.

Ein Blick nach Osten

Es ist kein Geheimnis, dass das chinesische Weltraumprogramm russische Wurzeln hat. Seinerzeit haben sowjetische Spezialisten dabei geholfen, die chinesische Weltraumindustrie aufzubauen, deren wissenschaftliche Basis zu schaffen und die dazugehörigen Fachleute auszubilden. So ist zum Beispiel die chinesische Basis-Trägerrakete "Langer Marsch" in Wirklichkeit eine modernisierte sowjetische ballistische Anti-Satelliten-Rakete UR-200 (NATO-Codename: SS-10 "Scrag"), entwickelt von Akademiemitglied Wladimir Tschelomei. Und China hat vom russischen Raketen- und Weltraumkonzern “Energija” das Landekapsel-Baumuster eines “Sojus”-Raumschiffes und die Technik für das automatische Rendezvous- und Ankopplungsmanöver bezogen.

Doch mittlerweile wird in der Volksrepublik China ein ganzer Park eigener leistungsfähiger und flexibler Trägerraketen und Systeme entwickelt. Die Raketen werden - wie die russischen Trägerraketen der Klasse “Angara” auch - aus einem Baukasten heraus für jede Größen- und Gewichtsklasse vom “Fliegengewicht” bis hin zum “Superschwergewicht” entwickelt. Die chinesischen Flüssigkeitsraketentriebwerke basieren ebenso auf einem russischen Konstruktionsprinzip. Inzwischen haben sich jedoch die Wissenschaftler und Raketenspezialisten der Volksrepublik, von denen ein erklecklicher Teil eine sowjetische Hochschule abgeschlossen hat, emanzipiert.

Gegenwärtig werden von der russischen und chinesischen Seite intensiv die Möglichkeiten der gemeinsamen Entwicklung und Erprobung einer Reihe von Megaprojekten ausgelotet. Das Kooperationsprogramm für den Zeitraum von 2007 bis 2012, das über 30 Felder der Zusammenarbeit aufzeigt, wird sehr erfolgreich angegangen: So sieht das Mondprogramm eine Zusammenarbeit bei dem für das Jahr 2012/14 geplanten Projekt “Luna-Glob” vor. Es wäre wieder die erste Mondmission der Russen - nach 30 Jahren Abstinenz.

Leider ist die am am 8. November gestartete gemeinsame russisch-chinesische Marsmission nicht von Erfolg begleitet. Es sollte die erste interplanetare Mission der Russen nach 15 Jahren Pause werden. Doch nach Fehlzündungen der Trägerrakete brauch die 120 Millionen teure russische Weltraumsonde “Fobos-Grunt” den Funkkontakt ab und löste sich nicht aus dem niedrigen Erdorbit. Ursprünglich sollte sie zum Mars fliegen und Bodenproben von seinem Mond Phobos holen. Sie sollten helfen, die Entstehung der Planeten unseres Sonnensystems zu erforschen. Fobos-Grunt hatte auch den chinesischen Mikrosatelliten Yinghuo-1 an Bord und sollte ihn in der Marsumlaufbahn aussetzen, damit dieser erkundet, wie das Wasser von der Marsoberfläche verschwand. Das russische Landegerät sollte auf dem Marsmond landen, um dort Bodenproben zu entnehmen. Dieser Lander war mit Geräten ausgestattet worden, die von der Hongkong Polytechnic University entwickelt worden waren.

Wenn es der Besatzung der ISS nicht gelingt, Funkkontakt zu Fobos-Grunt aufzunehmen, wird das chinesisch-russische Vorzeigeprojekt wohl Anfang Dezember nicht ganz risikolos abstürzen. Das wird die Weltraumforschung zurückwerfen, aber nicht die angepeilte kosmische Zusammenarbeit zwischen Russland und China.

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