Die Antarktis: der Streit geht weiter

Die Forschungsstation Wostok im Wilkesland in der Ostantarktis. Foto: NOAA

Die Forschungsstation Wostok im Wilkesland in der Ostantarktis. Foto: NOAA

Auf der Antarktiskonferenz, die im Sommer dieses Jahres in Buenos Aires stattfand, stellte der russische Vertragspartner ein Konzept für wissenschaftliche Grundlagenforschungen auf diesem Kontinent bis 2020 vor. Die Realisierung einer der wichtigsten russischen Projekte – die Durchbohrung des Gletschers über dem Wostoksee, dem größten subglazialen See – nähert sich der Vollendung. Die Arbeiten dauern bereits 20 Jahre an. Die Wissenschaftler hoffen, dass noch in diesem Dezember die Wasseroberfläche erreicht wird.

Der Wostoksee mit einer Länge von 250 km und einer Breite von 50 km wurde in den 1990er Jahren von russischen Forschern entdeckt. Zur selben Zeit begannen die Bohrarbeiten an der Eisschicht. Es handelt sich um das einzige Projekt dieser Art: die anderen 150 in der Antarktis entdeckten Seen befinden sich immer noch unter der kilometerdicken Eisschicht. Die Höhe der Eisdecke über dem Wostok erreicht 3600 Meter. Nach den Worten des Direktors des St. Petersburger Arktis- und Antarktismuseums Viktor Bojarskij hatten sich die Forscher letztes Jahr ganz dicht an den See herangearbeitet, bis auf einen Abstand von 60-70 Metern zum Wasser. Der Wissenschaftler hofft, dass es im Dezember gelingt auf die Seeoberfläche zu stoßen. „Das ist ein zukunftsweisendes Projekt der Wissenschaft unseres Landes. Und wir bekommen endlich die Möglichkeit Gewässerproben aus dem See zu nehmen, der Daten über das Leben auf unserem Planeten vor 500.000 Jahren speichert“, merkt Viktor Bojarskij an.

Weltweit verfolgen Forscher den Gang der Arbeit, weil die Forschungsergebnisse eine Revolution in der modernen Wissenschaft bedeuten oder dieser zumindest einmalige Daten und Fakten hinzufügen könnten. Gleichwohl verstummt bis heute die Polemik darüber nicht, inwieweit der Eingriff des Menschen in der Antarktis vertretbar ist und welche Folgen es haben wird.

Im Dezember sind es 52 Jahre seit dem Abschluss des Antarktisvertrags, der den sechsten Kontinent zum Allgemeingut und zu einem Territorium für wissenschaftliche Erforschung und friedliche Nutzung erklärt. Der russische Staat lenkt seine Aufmerksamkeit mehr und mehr auf die Erforschung dieser Region. Das Interesse ist verständlich: dort liegen ungefähr 80% der weltweiten Süßwasservorräte, ganz zu schweigen von den vermuteten Bodenschätzen. Geologen und Ökonomen nehmen an, dass das Innerste der Antarktika und ihrer Außenmeere eine Art „Airbag“ für die Menschheit ist. Ohne dass ihre Reichtümer allerdings bis jetzt genutzt werden können: zum einen, weil die Technologie zur Förderung bei extremen Temperaturbedingungen und Eisdrift noch fehlt, zum anderen, weil bis zum Jahr 2048 diese Aktivitäten dem Moratorium des Madrider Protokolls unterliegen, das von den Vertragsstaaten des Antarktisvertrags unterzeichnet wurde und „jegliche Aktivität in Verbindung mit Bodenschätzen der Antarktis mit Ausnahme wissenschaftlicher Forschungen“ verbietet.

Der Wissenschaftler und Diplomat Alexander Panow, ehemaliger Rektor der Diplomatenakademie des russischen Außenministeriums, erläutert, dass das Madrider Protokoll die industrielle Bohrung in der Antarktis untersagt, jedoch nicht die wissenschaftliche: „Probebohrungen waren immer ungehindert möglich, darunter gab es auch Versuche die Erdkruste des Kontinents zu erreichen. Damit beschäftigen sich Forscher aus verschiedenen Ländern“, merkt der Wissenschaftler an.

Ungeachtet dessen, dass die Forschungsziele in der Antarktis rein wissenschaftlicher Natur sind, bringt die Weltgemeinschaft ihre Befürchtungen dahingehend zum Ausdruck, dass sich die Forschungstätigkeit - darunter auch die des russischen Vertragspartners - mit der Zeit in eine industrielle und kommerzielle verwandeln könnte.

Doch Valerij Masolow, Geologe und Mitglied des Wissenschaftsrats der Russischen Akademie der Wissenschaften zur Erforschung der Arktis und Antarktis, glaubt, dass man vor einer Nutzung der Bodenschätze in der Antarktis verstehen muss, „wofür man es braucht und was es kosten wird“. Nach den Worten des Fachmanns lässt sich das Rohstoff-Potenzial des Kontinents quasi auf zwei Regionen aufteilen: das Festland, bedeckt von einer Eis-„Kappe“ mit einer Stärke von einigen Hundert Metern bis zu 4,5 km, und die Außenmeere. „Ob es wirtschaftlich rentabel sein wird etwas aus dem Eis zu fördern? Wohl kaum“, sagt der Wissenschaftler nachdenklich. Eine andere Frage ist die Möglichkeit der Öl- und Gasförderung in den angrenzenden Meeren. Wie Geologen bestätigen, könnte in ihnen eine große Menge an Kohlenwasserstoff lagern. Allerdings bleibt dieser Rohstoff momentan nur ein „virtueller Reichtum“: die Fachleute haben bis jetzt noch keine definitiven Belege für seine Existenz.

Außerdem habe die wissenschaftliche Forschung für die russischen Wissenschaftler im Moment Vorrang, wie Viktor Misin, stellvertretender Direktor am Institut für internationale Forschung des Moskauer Staatlichen Instituts für internationale Beziehungen, bestätigt. Aber selbst für die Erschließung des arktischen Territoriums reichen Russland nicht einmal die eigenen Kräfte: „Wir haben nebenan einen riesigen Kontinent – die Arktis, aber bis heute ist unklar, wie wir ihn erschließen können. Es ist offensichtlich, dass wir es im Alleingang ohne technologische Unterstützung unserer Freunde aus den Ländern im Norden nicht schaffen. Gar von Rohstoffgewinnung im Südlichen Ozean zu sprechen ist sinnlos“, so ist er überzeugt.

Umso mehr halten es die russischen Wissenschaftler nicht für ausgeschlossen, dass die Weltgemeinschaft in der Zukunft den Beschluss fasst, das Moratorium des Madrider Protokolls aufzuheben. „Sobald die Technologie beginnt voranzuschreiten und die Erschließung neuer Territorien ohne Schaden für die Ökologie ermöglicht wird, werden auch die Konventionen beginnen sich den neuen Gegebenheiten zu ‘fügen’“, vermutet Sergej Jakuzeni, Vorsitzender des öffentlichen Beirats der Bundesagentur für die Nutzung der Bodenschätze. Seiner Meinung nach könnte zum Jahr 2048, wenn die Frist des Moratoriums abläuft, ein gigantischer Technologiesprung stattfinden.

Nach den Worten des Fachmanns könnten dann wohl die großen multinationalen Unternehmen eine Änderung im Madrider Protokoll vorantreiben. Dies wird allerdings nicht ganz leicht: Die Ökologen und Juristen der 48 Vertragsstaaten des Antarktisvertrags werden sicherlich dagegen vorgehen. Die Rohstoffgewinnung im Südlichen Ozean stellt eine ernstzunehmende Bedrohung für ein einzigartiges Ökosystem dar, das uns nicht nur ermöglicht die klimatischen und biologischen Prozesse zu erforschen, sondern auch Daten über das Leben auf der Erde vor Tausenden von Jahren zu erhalten.

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