Endstation Waisenhaus

Foto: Getty Images/Fotobank

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In Russland kommen jährlich über 100.000 Kinder in Heime. Die Bürokratie macht es möglich, Rechte der Eltern in sozial benachteiligten Familien relativ einfach außer Kraft zu setzten und Kinder zu sogenannten Waisen zu machen. Das hat zur Folge, dass die Zahl der Waisenkinder in Russland überdurchschnittlich hoch ist.

Im Jahr 2009 lebten in Russlands Waisenhäusern über 300.000 Kinder. Knapp 100.000 von ihnen haben keine Eltern. Die übrigen Kinder wurden an den Staat „abgeschoben“, weil sie gesundheitliche Probleme haben oder ihre Familien zerrüttet oder schlicht zu arm sind. Zu den familiären Problemen gehört neben Alkoholismus und Drogenkonsum vor allem Armut, die für russische Kinder nach wie vor das größte Problem darstellt.

Ursache für diese katastrophalen Zustände ist in erster Linie das rudimentäre Netzwerk sozialer Dienste, die bei familiären Problemen beansprucht werden können. Mit den größten Schwierigkeiten sind Eltern behinderter Kinder konfrontiert. Sie können mit keinerlei Unterstützung vom Staat rechnen. Stattdessen werden die Familien dazu gedrängt, ihre Kinder in ein staatliches Internat abzugeben.

In Russland gibt es traditionell riesige Internate mit Hunderten von Kindern. In regelmäßigen Abständen kommen schockierende Meldungen über Verletzungen der Rechte der Kinder in diesen Einrichtungen zu Tage. Es wurden zwar bereits einige gute Gesetzesinitiativen, ausgehend von Erfahrungen im In- und Ausland, ausgearbeitet, doch trotz Anerkennung und Unterstützung auf höchster politischer Ebene erreicht diese Hilfe die Kinder nach wie vor nicht.

Ein anderes Problem ist das stark auf Segregation bedachte Bildungssystem. Kindern mit besonderen Bedürfnissen bei deren Erziehung – etwa aufgrund von Gesundheitsproblemen oder schlechten Russischkenntnissen – wird kaum eine Chance gegeben, mit dem Lehrplan fertigzuwerden und gemeinsam mit den anderen Kindern zur Schule zu gehen. Häufig werden solche Kinder in Sonderklassen oder Internate geschickt. Die Endstation in dieser Spirale der Bildungsisolation sind Heime für geistig behinderte Kinder, die in keiner Weise als Bildungsanstalten bezeichnet werden können.

Im Januar 2010 hat der russische Präsident Dmitrij Medwedew die nationale Bildungsinitiative „Unsere neue Schule“ unterzeichnet, die dem traditionellen Trennungssystem an russischen Schulen ein Ende setzen soll. Seit mehr als einem Jahr wird daran gearbeitet, den neuen Gesetzesentwurf über das Bildungswesen, in dem die Initiative des Präsidenten implementiert werden soll, zu verabschieden. Der Gesetzgebungsprozess befindet sich momentan in einer Pattsituation, weil konservative Kräfte die Änderungen verhindern möchten.

Die prioritären Maßnahmen, die nötig sind, um diese Probleme zu lösen, liegen auf der Hand: Russland benötigt unbedingt Sozialwohnungen und ein Versorgungssystem von Grundnahrungsmitteln für sozial benachteiligte Familien. Die sozialen Einrichtungen des Staates müssen darauf bedacht sein, Familien an deren Wohnorten zu helfen und die Kinder nach Möglichkeit nicht von ihren Eltern zu trennen. Doch bis jetzt laufen alle so dringend benötigten Reformversuche gegen die Wand von Korruption und Monopol.

Boris Altschuler ist der Aufsichtsratsvorsitzende der regionalen NGO „Recht des Kindes“ und Mitglied der Gesellschaftlichen Kammer Russlands.

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