Schlangestehen für das Heil

Vom 19. bis zum 27. November haben Gläubige die Gelegenheit, sich in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale vor einer der wichtigsten orthodoxen Reliquien zu verneigen, dem Gürtel der Heiligen Gottesmutter. In den vergangenen 200 Jahren hat der Gürtel das Kloster Vatopedi auf dem Heiligen Berg Athos in Griechenland nicht verlassen. In Russland ist dieser heilige Gegenstand noch nie gewesen.

Moskau ist die letzte Station des Gürtels, dessen Russlandreise ihn bereits in vierzehn andere Städte geführt hat. Überall empfingen ihn Gläubige in Scharen. Der Überlieferung nach fördert der Gürtel die Fruchtbarkeit der Frauen. Letzteren ist das Betreten des Gebietes Athos streng untersagt, es ist also verständlich, dass so viele Gläubige jetzt die Gelegenheit vor der Reliquie niederzuknien nutzen wollen. Um das Behältnis kurz zu berühren, in dem der von der Jungfrau Maria selbst aus Kamelhaar gewobene Gürtel ausgestellt ist, reisen Gläubige aus dem Moskauer Umland und sogar aus entlegeneren Städten an. In die Kathedrale zu gelangen erfordert Geduld – etwa sieben Stunden müssen die Heilsuchenden in der Schlange von Tausenden Gläubigen ausharren. Sie nutzen die Zeit zum Beten, für Gespräche mit anderen Pilgern und Geistlichen, die gekommen sind, um die Wartenden zu unterstützen. Wir haben uns auf den Weg zur Kathedrale gemacht, um in Erfahrung zu bringen, über was die Menschen in der Schlange nachdenken, und was sie von einer Begegnung mit der Reliquie erhoffen.

Fotos: Jan Lieske


Elena, 30: „Ich bin mit meinem Mann gekommen, wir haben eine konkrete Absicht. Wir wollen die Gottesmutter darum bitten, uns zu helfen, ein Kind zu bekommen. Es wäre wunderbar, wenn der Gürtel öfters nach Russland gebracht würde.“

Anna, 26: „Ich stehe schon seit zwei Stunden Schlange vor dem Gürtel der Gottesmutter und habe keine Ahnung, wie lange ich noch warten muss. Aber wir werden mit Tee versorgt und können uns in Bussen aufwärmen. Ich bin also in bester Stimmung, zumal ich nicht nur gekommen bin, um mich vor der Reliquie zu verneigen, sondern auch, weil ich um Hilfe bei der Geburt meines Kindes bitten möchte.“

Anatoli Wassiljewitsch, 65: „Ich habe schon vor langer Zeit aus Zeitungen und dem Fernsehen davon erfahren, dass der Gürtel nach Moskau gebracht wird, und mich entschieden, auf jeden Fall zu kommen und mich vor ihm zu verneigen. Ich habe, wie wahrscheinlich alle hier, sehr hohe Erwartungen an den Moment, in dem ich diesen heiligen Gegenstand berühren werde.“

Swetlana, 29: „Ich habe bereits ein Kind und bin gekommen, um für ein weiteres zu beten. Dafür bin ich bereit, beliebig lange zu warten. Ich habe mich warm angezogen. Und überhaupt ist das alles hier sehr gut organisiert, ich glaube also nicht, dass sie uns erfrieren lassen.“

Maria, 53: „Ich arbeite im Donskoi-Kloster, bin ein sehr gläubiger Mensch und ich stehe nicht zum ersten Mal in einer solchen Schlange. Wir sind gekommen, um der Gottesmutter zu begegnen. Was können uns da Kälte, lange Wartezeiten oder sonst was schon anhaben.“

Tamara, 53: „Ich bin aus der Ukraine, arbeite aber in Moskau als Haushälterin und Babysitterin. Ich bin sehr glücklich über diese Möglichkeit, mit etwas Wunderbarem in Berührung zu kommen. Ich habe 6 Stunden lang Schlange gestanden, neben mir warteten die ganze Zeit sehr interessante Menschen. Eine Frau zum Beispiel hat davon erzählt, wie sie mit anderen Leuten Souvenirgürtel hergestellt hat, auf die der Glanz des Mariengürtels übergegangen war. Es bleiben jetzt wirklich nur noch wenige Schritte bis zum Eingang in die Kathedrale, ich bin voller glückseliger Gefühle.“

Erzpriester Alexej Kasantschew, Dekan der Kirche des Heiligen Großmärtyrers Georg in Starye Lutschniki:„ Wir dienen zwei Mal täglich vor dem Gürtel und helfen insgesamt bei der Organisation der Begegnung mit der Reliquie. Es ist sehr erfreulich, dass die Medien dieses Ereignis so gut unterstützt haben. Die Kirche verdient überhaupt mehr Aufmerksamkeit, schließlich redet heute außer ihr niemand mehr über Moral. Die Begriffe der Moral, die Gebote, an die sich die Menschen halten, sind uns von Gott selbst gegeben. Eine Gesellschaft, die gegen diese Gebote verstößt, degeneriert. Demokratie, Liberalismus und Freiheit ohne Achtung vor dem Gesetz Gottes können in Willkür umschlagen, und das ist kein schöpferischer, sondern ein zerstörerischer Weg. Wenn also so viele Menschen an dem Heiligen teilhaben wollen, bedeutet das, dass in ihnen selbst etwas Heiliges wohnt. Wenn ich diese Menschen sehe, dann macht mir das Hoffnung für die Zukunft.“

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