Am anderen Ende Russlands

Die wichtigste Hafenstadt Russlands - Wladiwostok. Foto: Andrej Kutscherenko

Die wichtigste Hafenstadt Russlands - Wladiwostok. Foto: Andrej Kutscherenko

Weit, weit weg von Moskau im fernen, Fernen Osten liegt eine Stadt ganz auf Hügeln gebaut. Eine Stadt, in der der Wind nur so pfeift, die Möwen nur so schreien und – um der Romantik an dieser Stelle ein Ende zu setzten – die Autos nur so hupen: denn in dieser Stadt sind die Staus um einiges schlimmer, als in Moskau – und das will etwas heißen. Wladiwostok!

Das Moskau nicht Russland ist  - haben wir im Rahmen dieses Blogs schon einige Male festgestellt. Dass die Meisten Bewohner unseres Landes aber alle gerne in Moskau leben möchten – ist bekannt. Nicht nur wegen des Geldes. Es ist auch viel los – man hat unzählige Ausgehmöglichkeiten, ein dynamisches und sehr kulturell reichhaltiges Leben, das Gefühl tatsächlich in einer Großstadt zu sein – dafür liebe ich Moskau. Aber: Wladiwostok ist besser. Die wichtigste Hafenstadt Russlands hat tatsächlich eine ganze Menge zu bieten. Beispielsweise den Pazifik und damit die wunderbare Möglichkeit im Sommer viel Zeit am Strand zu verbringen, zu segeln, zu surfen und frische Seeluft einzuatmen. Oder etwa an der Promenade spazieren zu gehen. Man muss allerdings sagen, dass diese gerade nur schwer als solche zu erkennen ist: sie ist eine einzige Baustelle. Wie übrigens ganz Wladiwostok.

APEC 2012


Schuld daran ist das Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsforum, das 2012 in Wladiwostok und auf der nahe liegenden Insel „Russkij“ stattfinden wird. Jeder Bürgersteig, jede Straße machen den Eindruck wie nach einem Erdbeben. Seit 2008 wird fleißig an der – wie könnte es anders sein – größten, schönsten und wahrscheinlich teuersten Brücke Russlands gebaut. Die Konkurrenzbrücke zur Golden Gate Bridge in San Fransisco. Nächstes Jahr soll sie in vollen Glanz und schon befahrbar erstrahlen. Die Einheimischen sind gegenüber dieser aktiven, allumgreifenden Buddelaktion in der Stadt eher kritisch. Schließlich muss man ständig aufpassen, wo man hintritt. Aber dennoch: ignoriert man die Baustellen, kann man nicht anders, als Wladiwostok als wunderschön zu empfinden. Es ist eine verhältnismäßig junge Stadt, erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Das Stadtzentrum bezaubert dennoch mit verschnörkelten Altbauten.

Außerdem sind die Menschen die Ruhe selbst. Keine grauen, gehetzten Gesichter weit und breit – im Gegensatz zu Moskau. Okay, Wladiwostok ist um einiges kleiner und mit knapp 700.000 Einwohnern gerade mal an 22.Stelle aller Großstädte Russlands. Wie schon erwähnt sind zwar die Staus in den engen Straßen der Innenstadt einfach unglaublich – doch sogar darauf reagieren die Einwohner gefasster, als in der Hauptstadt. In einem Taxi habe ich mein Handy liegen lassen und es erst viele Stunden später gemerkt. Dennoch habe ich es wieder bekommen. Ob das in Moskau so problemlos und vor allem kostenlos gegangen wäre, ist zweifelhaft.

Eine unglaubliche Begegnung


Die Stadt, in der die Transsibirische Eisenbahn endet, hat mir eine wahrlich unglaubliche Begegnung beschert. Da es eine auch kulturell sehr attraktive Stadt ist, und der letzte Tag des Projektes des Goethe Instituts „Lern Deutsch“ gekommen war - und damit auch der letzte Abend – hatten wir vor das ordentlich zu feiern. Da die Auswahl der Klubs und Bars in Wladik wirklich sehr groß ist, haben wir in der Entscheidungsqual mehrere Stunden – nach dem Abendessen – vor unserem Hotel mit Blick auf den Ozean auf einer Bank mit Salzgurken und dem dazu passenden Getränk verbracht. Ein Trinkspruch folgte dem nächsten und unser Team zog gleich einem Magneten vorbeilaufende Menschen an. Ein Schauspieler aus Irkutsk kam mit einer Wassermelone zu uns dazu. Wenig später noch ein besoffener junger Mann, der an unserem Hoteleingang klebte. Dmitrij – ein waschechter Einheimischer und junger Kinderarzt. Kurz gesagt: nach einiger Zeit mussten wir im Gespräch mit ihm feststellen, dass wir verwandt sind und natürlich nichts voneinander wussten. So stand ich also fassungslos knapp 10.000 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt, am anderen Ende Russlands, und starrte meinen neuen Verwandten an. In diesem Moment musste ich daran denken, dass Wladiwostok eine mystische Atmosphäre hat.  Kurz gesagt: diese Stadt ist es wirklich wert, solch eine lange Reise zurückzulegen.

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