Angst und Schrecken des Films „Khodorkovsky“

Renata Kosenko war Regieassistent beim Dreh des Films. Foto: Privat

Renata Kosenko war Regieassistent beim Dreh des Films. Foto: Privat

Die russische Journalistin Renata Kosenko erzählt über ihre Zeit als erste Assistentin des Regisseurs Cyrill Tushi bei den Dreharbeiten des Filmes „Khodorkovski“.

Der 37-jährige Cyrill Tushi war sich sicher, dass dieser Film für ihn ein Projekt, wie jedes andere werden wird. Also ein Projekt, wie man es in der Filmhochschule beigebracht bekommt – entwickelst die Idee, schreibst das Skript, findest die Finanzierung und filmst. Der Hauptheld des Films war allerdings nicht irgendjemand, sondern der berühmteste Gefangene Russlands, der Oligarch Mikhail Chodorkowski. Über ihn spricht man in Russland entweder negativ, positiv oder am liebsten gar nicht…

Zum ersten Mal hörte Cyrill Tushi 2003 über den in Ungnade gefallenen Oligarchen, als er in Chanti-Mansijsk bei einem Filmfestival eine seiner Arbeiten präsentierte. Den jungen Regisseur erstaunte der Kontrast der “surrealen“ sibirischen Stadt – die Kargheit des harten Klimas und Pracht und Prunk der in ihr erbauten Paläste und Villen. Das sei das mächtige Ölimperium JUKOS, dessen Besitzer gerade hinter Gittern sitzt, erklärten die Einheimischen dem Deutschen. Da wusste Tuschi, über wen er seinen nächsten Film drehen wird.

Als er nach Deutschland zurück kam, begann er voller Enthusiasmus nach Geldern für die Produktion zu suchen.

Allerdings fing er sehr schnell an die Besonderheit dieses Projektes zu verstehen. Einige deutsche Stiftungen sagten ohne eine Erklärung in der Finanzierung ab, und einige gaben an, dass sie „die diplomatischen Beziehungen mit Russland nicht verschlechtern“ wollen. Und das obwohl Tuschi erklärte, dass er nicht vor habe aus diesem Film ein PR-Produkt für Chodorkowski machen wolle, ihn weder als Engel, noch als Teufel darstellen möchte, sondern, dass ihn in erster Linie das Leben des Oligarchen interessieren würde, seine Transformation aus einem Komsomolez, in einen pragmatischen Kapitalisten und bis hin zum berühmtesten russischen Gefangenen.

Als Cyrill mir anbot die Regieassistenz zu seinem Film zu machen, war mir klar, dass das Thema nicht das Beliebteste in Russland ist, aber wie sehr ich damit richtig lag, wurde uns erst später bewusst. Als wir die Arbeit begannen, dachten wir außerdem nicht, dass statt den eingeplanten zwei Jahren Dreharbeiten ganze fünf daraus werden, auch dachten wir nicht, dass Angst einen zentralen Platz einnehmen wird und die Propaganda drum herum, einem Krieg gleicht.

Schweigen ist Gold?

Korrupt, pragmatischer Kapitalist, überzeugter Demokrat, Terrorist, Wohltätiger, Mörder, der „transparenteste“ Geschäftsmann des Landes. Das ist nur ein kleiner Teil dessen, was wir über Chodorkowski zu hören bekommen haben und was man auch in sämtlichen Büchern, Artikeln und Dokumentationen über ihn erfährt. „Auf wessen Seite sind sie?“ – war eine der ersten Frage, die man uns stellte. „Sind sie für oder gegen Chodorkowski?», fragte man uns, als ob es um ein Fußballspeil gehen würde. Die Erklärungen der Regisseurs darüber, dass ihn einfach die Person an sich interessiert hat, beruhigte unsere Gesprächspartner nicht. Es folgte immer die Frage – „wer bezahlt sie?“ Dazu muss man sagen, dass Sponsoren des Projektes tatsächlich gefunden werden konnten – das Bayrische Fernsehen und die Berliner Stiftung zur Unterstützung von Filmproduktionen. Doch in einem Umfeld voller Mißtrauen und Propagandaspielchen, genießen auch neutrale Finanzquellen kein Vertrauen.

Sehr schnell fanden wir die Spezifik der Dreharbeiten und des Films heraus – eine totale Paranoia. Viele Gesprächspartner mieden es sogar den Namen Chodorkowski in den Mund zu nehmen, als ob es Unglück bringen würde. Sie benutzten stattdessen Wörter wie „die Person“ oder „er“. Man traf sich um Gespräch mit uns in der hintersten Ecke eines Restaurants und flüstere, sobald es um „ihn“ ging. Doch in den meisten Fällen kam noch nicht einmal ein Gespräch zustande, man wollte vor allem vor der Kamera nicht über dieses Thema sprechen. Um ein Interview zu organisieren, vergingen Wochen, Monate und sogar Jahre.  Aussagekräftig fanden wir die Tatsache, dass uns innerhalb der ganzen fünf Jahre kein einziger offizieller Vertreter der Seite der Anschuldigung ein Kommentar gab, trotz der unzähligen Anfragen, die wir in den Kreml schickten. „Du solltest lieber einen Film über die russische Natur drehen, und wenn du schon einen Menschen als Haupthelden nimmst, dann ist es besser, es ist einer, der schon 150 Jahre tot ist“, gab dem Regisseur Gregorij Jawlinskij den Ratschlag, - ein russischer Demokrat, dessen Partei vor seiner Festnahme eben Chodorkowski finanziert hatte.   

Bitte lauter sprechen, sie werden abgehört.

Es geschah auch, dass vor einem Interview der Gesprächspartner erst einmal denn Akku aus seinem Handy heraus nahm. Auf unsere erstaunten Blicke hin wurde uns erklärt, dass dies eine Maßnahme sei, um nicht abgehört zu werden. Ein Informant sagte freudig, dass er ein Handy für 100 Dollar benutzen würde, da bräuchte man sich keine Gedanken zu machen. „Werden sie etwa abgehört?“- fragten wir naiv. „Klar, sie auch“! – kam die prompte Antwort. Wir waren über solche Offenbarungen erstaunt, und wahrscheinlich wollten wir ihnen einfach nicht glauben. Denn in einer permanenten Paranoia-Atmosphäre zu arbeiten ist unmöglich. Dass dies aber nicht einfach nur Angstmacherei war, konnten wir bald selbst feststellen. Als wir in die Stadt „Chita“ fuhren, in der sich Chodorkowski gerade in Untersuchungshaft befand, wurden wir am verschlafenen Bahnhof der sibirischen Stadt „in Empfang genommen“. „Sie sind zu viert“ – hörte man eine Männerstimmte die Information über uns durchgeben. Die ganze Zeit über wurden wir von einem Auto begleitet, dass auch unweit des Hauses, in dem wir wohnten, über Nacht über uns wachte. 

Einige Monate vor der Premiere des Films, als Cyrill Tuschi im Urlaub auf Bali war, brachen Unbekannte sein Hotelzimmer auf und klauten die Festplatte mit allem Videomaterial. Und eine Woche vor der Premiere auf der Berlinale brach man die Tür seines Büros auf und klaute vier Computer, die Videomaterial, was nicht im Film verwendet wurde beinhalteten. „Ich versuche zu denken, dass irgendjemand einfach meine Macintoshs attraktiv fand“, - sagte Cyrill Tuschi auf der Premiere. „Aber mich beunruhigt, dass alle meine russischen Freunde auf eine Spur des Kremls hinweisen“.

Fortsetzung folgt

„Dieser Film hat im Grunde nichts Neues gezeigt, eigentlich wussten wir das alles schon, aber das erste Mal hat jemand wirklich offen darüber erzählt“, sagte eine Zuschauerin aus Russland nach der Premiere. Der Großteil der Gesprächspartner im Film sind ehemalige Kollegen Chodorkowskis, Mitstreiter, Familienmitglieder. Allerdings haben sie alle eine verschiedene Meinung über den Oligarchen. So bezeichnet der ehemalige JUKOS-Rechtsanwalt Dmitrij Gololobow Chodorkowski als „Verräter“. Sein Sohn Pawel spricht über den „autoritären Charakter“ des Vaters, und der ehemalige Sicherheitschef von JUKOS Kondaurov bestätigt, dass einst Chodorkowski persönlich zur Korruption von staatlichen Institutionen beitrug. „Tuschi hat einen ehrliche Film über Chodorkowski gedreht, er hat versucht seine Geschichte zu erzählen. Sein „Khodorkovski“ ist keine Agitation für oder gegen ihn“, schrieb in seinem Internetblog des junge Oppositionspolitiker Ilya Jaschin.  

Cyrill Tuschi unterstrich mehrere Male, dass er keinen schwarz-weiß Film über Russland drehen will, der über den „schlechten“ Putin erzählt und über den „guten“ Chodorkowski, oder umgekehrt. Die russische Realität ist schwieriger und geht tiefer. Hier ist alles miteinander verflochten. Die ehemaligen JUKOS-Mitarbeiter feiern den Tag des Unternehmens, was es nicht mehr gibt und gehen am nächsten Tag zur Abreit in „ROSNEFT“. Und der Pressesprecher des Oligarchen geht mit dem Pressesprecher der Staatsanwaltschaft in die Sauna, bemerkte der Regisseur in einem seiner Interviews.

„Khodorkovski“ wurde zu einer der größten Intrigen der Berlinale 2011. Nach der Premiere bekam der Film eine gute Kritik und der Film wird in den Kinos Deutschlands, der Schweiz und Frankreichs zu sehen sein. In Russland wurde die Premiere vielmals vorschoben, und wird doch am 2. Dezember gezeigt. Allerdings nicht ohne Skandal - eine Woche vor der Premiere haben große russische Kinobetreiber doch abgesagt, den Film zu zeigen. Jetzt müssen sich Russen in kleinen Kinosaalen den Film ansehen, die wohl kaum den Bedarf an Zuschauern decken können.

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